Rostock (dpa) l Der Große braucht Hilfe in Physik, seine kleine Schwester versteht die Deutschaufgabe nicht, und Lust auf Lernen haben beide schon gar nicht. Zudem quengelt vielleicht noch ein Kindergartenkind, das nicht auf den Spielplatz darf. Für viele Eltern neben den Sorgen, die sie durch die Corona-Krise ohnehin schon haben mögen, eine extreme Herausforderung.

Sowohl Eltern wie Kinder sollten sich diese Ausnahmesituation grundsätzlich klarmachen, rät Stephanie Kaye, Lerntherapeutin in Rostock. „Auch Kleinkindern kann in kindgerechter Sprache schon erklärt werden, warum man nun zu Hause ist.“ Viele Kinder hätten durch das Sich-Überschlagen der Ereignisse Ängste entwickelt. „Zu Hause sollte man deshalb entschleunigen und eine Tagesstruktur für die Corona-Zeit entwickeln.“

Das sind zum Beispiel feste Zeiten: Etwa, wann aufgestanden und wann gelernt wird. „Man kann erklären, dass das ganze System nur gut funktionieren wird, wenn sich alle an gewisse Regeln und Absprachen halten“, sagt Kaye. Gibt es mehrere Schulkinder in der Familie, werden diese in der Lernzeit, sofern möglich, auf verschiedene Räume aufgeteilt.

„Die Größeren nach der Grundschule sind absolut in der Lage, sich schon selbst dranzusetzen“, betont die Therapeutin. Zudem können sie vielleicht eingebunden werden und ihren jüngeren Geschwistern manchen Schulstoff erklären. Kinder mit Lernschwächen oder -störungen können dagegen oft nicht allein und konzentriert effektiv arbeiten.

Unterstützung und Motivation von Seiten der Eltern sind hier gefragt, diese sind allerdings schnell überfordert. Kaye rät vor allem zu Ruhe und Gelassenheit. „Emotionale Stütze sein, Nestwärme geben und Zuversicht zeigen“, das sei die größte Hilfe.

Bei den Kleinen klappt das Lernen nicht ohne die Eltern. „Sie sollten sich vielleicht trotz Homeoffice diese Auszeit nehmen und sagen: Eine halbe Stunde ist das erste Kind dran, dann das zweite“, meint Kaye. „Man sollte aber auch das Ergebnis akzeptieren: Dass vielleicht nicht alles geschafft wird oder dass es Frust gibt, weil Sachen nicht verstanden werden.“ Die Erwartungen müssen also ein ganzes Stück heruntergeschraubt werden.

Eltern sind in Kayes Augen keine Ersatzlehrer. Nach dem, was sie mitbekomme, schickten die Schulen häufig Unmengen an Material, dabei werde oft übersehen, dass nicht jedes Kind das zu Hause angemessen bewältigen könne. „Man muss als Eltern und als Kind Abstriche machen: Was kann ich überhaupt leisten und was nicht?“ Vorrangiges Problem vieler Eltern sei außerdem momentan nicht, dass ein Drittklässler seine Aufgaben optimal löse.

Bildungsprogramme im Fernsehen und Lernspiele im Internet können das Ganze auflockern. Und wie in der Schule gehören auch zu Hause die Pausen dazu. „Aktivitäten wie ein Spaziergang, sofern noch erlaubt, sollten mit reingenommen werden in den Tag“, sagt Kaye und empfiehlt zum Beispiel gemeinsames Kochen. „Damit werden die kleinen Dinge im Leben wieder in den Vordergrund gerückt.“ Auch ein gemeinsames „Stadt, Land, Fluss“-Spiel rege das Nachdenken an.

„Letztendlich ist es nur Schule“, sagt Kaye. „Alle sollen gesund bleiben und gut durch den Tag kommen. Allein, dass die Familien über einen längeren Zeitraum oftmals einen begrenzten Wohnraum gemeinsam und zeitintensiv nutzen müssen, führt das System Familie an emotionale Grenzen.“

Schaffen, was geht, und akzeptieren, was nicht geht, sagt die Therapeutin. Und dabei den Kindern trotzdem klarmachen: „Es sind nicht vorgezogene Ferien, sondern man schaut gemeinsam als Familie, wie man diese Ausnahmesituation rücksichtsvoll und in Ruhe bewältigen kann.“