Sie werden von ihren Mitschülern gehänselt und oft ausgelacht – dicke Mädchen und Jungen. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die zu viele Kilos mit sich herumschleppen, nimmt seit Beginn der 1980 er Jahre zu. In Deutschland sind 15 Prozent aller 3- bis 17-Jährigen übergewichtig, jeder Zweite bis Dritte davon ist sogar stark übergewichtig.

Magdeburg. Kevin hasst Dienstage. In der Nacht hat er schlecht geschlafen, ist immer wieder aufgewacht. Dienstags steht Sport auf dem Stundenplan. Schon das Umziehen wird für ihn ein Spießrutenlauf. " Schwabbel, steck deinen ganzen Bauch in die Hose !", hat ihn ein Mitschüler beim letzten Mal aufgefordert – und sich über seinen " Witz " vor lachen ausgeschüttet. Schon nach wenigen Minuten Aufwärmtraining hat Kevin einen knallroten Kopf. Die Zahl der Liegestütze schafft er nicht mal annähernd, klatscht auf den Bauch. " Pass auf, dass du keine Fettflecke machst !", ruft ein Mitschüler quer durch die Turnhalle. Die anderen lachen. Nur einer nicht. Kevin. Er hasst Dienstage.

" Wie kommst du mit dem Spott deiner Mitschüler klar ?" Kevin hebt die Schultern. " Ist doch immer so, die lachen nun mal über mich ", sagt er und schaut dabei auf den Fußboden. " Ich kann doch nichts dafür, ich bin nun mal dick ", sagt er.

Kevin ist acht Jahre alt und bringt über 50 Kilogramm auf die Waage. Und er ist kein Einzelfall. In Deutschland leidet inzwischen jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche an Übergewicht. Das sind mehr als 3, 5 Millionen Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Krankhaft übergewichtig ( adipös ) sind acht Prozent der 10- bis 14-Jährigen und vier Prozent der Fünf- bis Siebenjährigen, so die neuesten Zahlen des Robert-Koch-Instituts.

Aber nicht nur bei uns wächst sich Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu einer Volkskrankheit aus. " Von den 77 Millionen Kindern im Alter zwischen sieben und elf Jahren in der Europäischen Union gelten 14 Millionen bereits als übergewichtig. Jedes Jahr kommen rund 400 000 hinzu. Weitere drei Millionen Kinder fallen in die Kategorie der Adipösen, also der Fettsüchtigen ", so der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko in einem Interview. Er ist Mitglied der Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Die Zahlen sind derart dramatisch, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO bereits von einer " globalen Epidemie " spricht.

Deutschland belegt bei übergewichtigen Kindern und Jugendlichen in der EU den Spitzenplatz und ist " den amerikanischen Verhältnissen dicht auf den Fersen ", so Prof. Dr. Michael Radke, Leiter des Kinder- und Jugendkongresses, gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

" Wenig Wissen über Ernährung "

Warum steigt die Zahl der übergewichtigen Minderjährigen so dramatisch an ? " In erster Linie sind die hochkalorische Ernährung – Eistee, Cola, Chips, Erdnüsse und viele andere mehr – und ein Bewegungsmangel ursächlich ", so Prof. Dr.

Klaus Mohnike, Oberarzt an der Universitätskinderklinik Magdeburg. " In den Familien haben sich die Ess- und Kochgewohnheiten – selbst zubereitete Speisen, Gemüsesuppen, geregelte gemeinsame Mahlzeiten, täglicher Verzehr von Obst und Gemüse – geändert. Fertigkost und, Essen nebenbei ‘, während des Fernsehens, des Computerspielens führen zu einer nicht bewussten Aufnahme zusätzlicher Kalorien. Kommentare wie :, Ich habe keine Zeit ‘,, Die Anderen essen auch so viel und nur ich werde so dick ‘, höre ich immer wieder von den jungen Patienten ", so der Experte. " Seit Beginn der 1990 er Jahre ist eine stetige Abnahme der täglichen Bewegungszeit und damit verbunden physischen Leistungsfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen festzustellen. "

Und weiter sagt Prof. Dr. Mohnike : " Wenige Eltern wissen, was eine gesunde Ernährung beinhaltet. Ebenso spielt das Beispielverhalten der Eltern eine sehr wichtige Rolle. Die Kinder aktiver Eltern sind ebenfalls sportlich aktiv. Der schulische Alltag der Kinder und Jugendlichen in Deutschland ist durch sitzende Tätigkeiten ausgefüllt. "

Auch Kevin ist ein Stubenhocker und : " Ich esse gern Süßes ", gibt er zu. " Das hat er als kleines Kind schon geliebt ", erinnert sich seine Mutter Peggy. " Ich habe immer versucht, ihm auch Obst und Gemüse zu geben, aber da hat er zugemacht, die Zähne regelrecht zusammengebissen. Ich habe kapituliert ", so die 36-Jährige. " Ich habe gedacht, dass seine Speckröllchen sich verwachsen. "

Ist Babyspeck schon das erste Anzeichen von Übergewicht ? Prof. Dr. Klaus Mohnike : " Das Geburtsgewicht eines reifgeborenen Kindes verdoppelt sich mit vier bis fünf Monaten und erreicht am ersten Geburtstag das Dreifache. Eltern sollten darauf achten, dass die im gelben Vorsorgeheft eingetragenen Grenzen nicht überschritten werden. Entwickelt sich das Gewicht des Säuglings entsprechend dieser altersentsprechenden Normwerte, ist eventuell vorhandener Babyspeck kein Grund zur Sorge. "

Dabei ist das Gewicht immer in Relation zum Längenwachstum zu sehen.

Wie bei Erwachsenen gibt es auch Normwerte für Alter und Geschlecht in Form des Körper-Masse-Index ( KMI ), bekannt auch als BMI ( Body-Mass-Index ). " Wenn die entsprechenden Grenzen überschritten sind, zum Beispiel ein sechsjähriger Junge von 120 Zentimeter sollte weniger als 30 Kilogramm wiegen, das heißt, wiegt er mehr, spricht man von Übergewicht. Ein zehnjähriges Mädchen von 140 Zentimetern Größe sollte weniger als 45 Kilogramm wiegen ", gibt Prof. Dr. Mohnike Anhaltspunkte.

Um den Speckgürteln an Deutschlands Kindern nicht tatenlos zuzusehen, haben Ärzte, Ernährungswissenschaftler und Verbraucherschützer die sogenannte Lebensmittelampel vorgeschlagen. Die Farben Rot, Gelb und Grün sollten zeigen, wie viel Zucker und Fett sich in dem jeweiligen Lebensmittel befinden. " Wir brauchen so ein einfaches System ", meint Prof. Radke. " Das versteht der Verbraucher, das verstehen Kinder. " Doch im Sommer hat die Europäische Union die Lebensmittelampel abgelehnt. Stattdessen soll auf den Packungen gut sichtbar der Brennwert in Kalorien angegeben werden. Für Kevins Mutter ist das keine Alternative. " Die Kalorien stehen ja jetzt auch schon drauf ", sagt sie. " Ich habe beispielsweise immer gedacht, dass mit Joghurt nichts passieren kann. Dann habe ich gesehen, wie viel Zucker da drin ist und mich erschrocken. Mir hätte die Lebensmittelampel gefallen. "

" Das ist zur Epidemie geworden "

Ein weiterer Vorschlag kommt vom Deutschen Lehrerverband : In Extremfällen sollten den Eltern Leistungen wie Kindergeld und Hartz IV gekürzt werden. Die Idee greift für Prof. Mohnike zu kurz : " Adipositas ist zu einer Epidemie in den Industriestaaten geworden. Um diese dramatische Zunahme einzudämmen, hilft nur eine gemeinsame Anstrengung aller Beteiligten. Es hilft nicht, das Geld zu kürzen, eher sollten die Familien unterstützt werden, um eine richtige Ernährung und gesunde Lebensweise zu erlernen. "

Dieses Erlernen muss heute beginnen, denn bei übergewichtigen Kindern steht die Gesundheit auf dem Spiel. Prof. Dr. Mohnike : " Eine früher im Kindesalter seltene Form der Zuckerkrankheit ( Diabetes mellitus Typ II ) ist inzwischen in den USA eine häufige Komplikation. Bluthochdruck, Erkrankungen des Bewegungsapparates, Fettstoffwechsel- und psychosoziale Störungen sind auch in Deutschland zunehmend zu beobachten. " Und aus dicken Kindern werden meist dicke und oft kranke Erwachsene. Schon heute geben die gesetzlichen Krankenkassen jährlich rund 30 Milliarden Euro nur für die Behandlung übergewichtiger und fehlernährter Patienten aus.

Wie können übergewichtige Kinder dauerhaft und vor allem gesund abnehmen ? " Wichtig ist es zunächst, das Gewicht zu halten, durch das Körperlängenwachstum nimmt das relative Übergewicht, automatisch ‘ ab ", so Prof. Dr. Klaus Mohnike. " Eine Gewichtsabnahme von mehr als einem Kilogramm im Monat ist wenig sinnvoll, um den Jo-Jo-Effekt zu vermeiden. Sport ist wichtig, kann aber eine gesunde Ernährung als Hauptsäule nur unterstützen. "

Wer seinem übergewichtigen Mädchen oder Jungen einen gesunden Weg in die Zukunft ebnen möchte, der sollte mit einem Kinderarzt reden, dieser wird insbesondere in der Vorschulzeit Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Von den Krankenkassen gibt es häufig Angebote, um in der Gruppe richtiges Essverhalten und gesunde Lebensweise zu erlernen. Kevin möchte diesen Weg gehen. Ein Weg, der lang und steinig ist. Aber Kevin möchte keine Angst mehr vor Dienstagen haben.

Informationen : Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Telefonnummer ( 02 21 ) -8 99 22 06. Im Internet unter :

www. bzga. de

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Lesen Sie am Mittwoch Teil 15 " Ernährung im Alter ".

Bisher u. a. erschienen : " Hygiene beim Kochen ", " Nahrungszusätze in Fertigprodukten ", " Unser täglich Brot ", " Lebensmittelimitate ", " Ernährung nach Maß ", " Ernährung in Kita und Schule ".