München (dpa) l Erschrockene Gesichter beim Blick in den Kalender: Der Termin zum Jubiläums-Klassentreffen steht vor der Tür. 30 Jahre liegt der Schulabschluss jetzt schon zurück. Wie es wohl Tobias und Julia mittlerweile geht? Nervosität macht sich breit. Was ziehe ich an? Und nehme ich Visitenkarten mit?

Noch viel wichtiger als Outfit, Visitenkarten und Make-up ist aber die Frage: Mit welchem Ziel will ich zu diesem Klassentreffen gehen? Darüber sollte man sich vorab im Klaren sein, empfiehlt Prof. Evelyn Albrecht, die als Business-Coach unter anderem in München arbeitet. Ist es einfach eine große Party? Oder die Chance, das alte Image zu korrigieren? Wer bei dem Gedanken an die Klassenkameraden von damals Magenkrämpfe bekommt, sollte der Expertin zufolge besser ganz auf das Event verzichten.

Schließlich hat sich doch ein Großteil der alten Gemeinschaft durchgerungen und es wird ein ganz netter Abend. Schnell schwelgen alle in gemeinsamen Erinnerungen – und stellen amüsiert fest, wie unterschiedlich die Geschichten ausfallen, sagt die Autorin Heike Abidi. Die üblichen Fragen kommen auf. "Arbeitest Du dort noch?" oder "Bist Du noch mit Hans-Jürgen zusammen?"

Da stellt sich schnell die Frage: Was gebe ich jetzt von mir preis? Vor allem, wenn man weder eine Modelkarriere noch einen Job im gehobenen Management vorzuweisen hat. Das kommt ganz auf die eigene Lebenseinstellung an, erklärt Albrecht: "Es gibt Menschen, die wollen vor allem authentisch sein und stehen zu Krankheit, Scheidung, Arbeitslosigkeit". Das sei natürlich einfacher, wenn die Krise bereits überwunden ist.

Grausamer als Kinder

Für diejenigen, die gerade mitten in einer Krise stecken, kann eine solche Reunion aber auch heilsam sein. Sie sollten sich von der Vorstellung verabschieden, dass nur sie allein vom Unglück betroffen sind, sagt Albrecht. Schnell finden sich so Leidensgenossen, die sich gegenseitig stützen. Schließlich sind Erwachsene oft weniger grausam als Kinder – und schon um einige Erfahrungen reicher.

Was wenig Sinn ergibt, ist sich zu verstellen, sagt Abidi. Zumal einen die ehemaligen Klassenkameraden meist recht gut kennen. "Die wissen noch ganz genau, wer sich bei der Klassenfahrt daneben benommen hat", erläutert die Autorin des Buches "Schlachtfeld Klassentreffen".

Ein guter Gradmesser ist für die Trainerin Cordula Nussbaum die Frage: Hätte ich den Schulkollegen früher davon erzählt? Falls nicht, warum dann jetzt? "Ich finde aber schon, dass Klassenkameraden diejenigen sind, denen ich mich ein bisschen öffnen darf", sagt sie.

Je länger der Abschluss zurück liege, desto uninteressanter werde der Dreiklang "mein Haus, mein Pferd, meine Jacht", hat Nussbaum festgestellt. "Wir definieren uns mit dem Alter weniger über den Job oder den Familienstand", sagt sie. Stattdessen steige das Interesse an dem Menschen gegenüber.

Wer Angst hat, am großen Tag allein in einer Ecke zu versauern, sollte laut den Expertinnen bereits im Vorfeld den Kontakt suchen. Entweder zu den Organisatoren oder zu anderen, die ihre Zusage schon öffentlich verkündet haben. "Die frühere Vertrautheit baut sich rasch wieder auf", sagt Nussbaum. "Das macht Spaß und ist eine gute Vorbereitung", findet auch Albrecht.

Namensschilder und Glatzen

Den Partner oder die Partnerin mitzunehmen, hält Albrecht nicht für sinnvoll. Damit grenze man sich zu sehr aus. Und keine Panik, falls das eine oder andere Gesicht nicht zugeordnet werden kann: Es kommt ja vor, dass sich Menschen stark verändern. "Gerade wenn bei Männern die Lockenpracht einer Glatze weicht, sieht derjenige plötzlich ganz anders aus", sagt Abidi. Namensschilder können hier helfen. Oft werden auch entsprechende "Kennenlernspiele" vorbereitet.

Der Abend schreitet voran, das eine oder andere Glas wird geleert, die Truppe kommt vom Privaten aufs Politische. Was, wenn jetzt der Schwarm von früher plötzlich anfängt, gegen bestimmte Personengruppen zu stänkern? Auch hier kommt es für Albrecht auf die eigene Persönlichkeit an: Wer mit beiden Beinen fest im Leben steht, kann eher Paroli bieten als eine unsichere Person. Abidi rät, Themen wie Politik, Kindererziehung und Religion eher zu umschiffen. Aber falls die Diskussion doch auf ein solches Thema kommt, könne man ruhig zu seinem Punkt stehen.

Gilt es bei unangenehmen Themen von sich abzulenken, sind offene Fragen das beste Gegenmittel. Denn so manch ein Gegenüber redet unglaublich gerne von sich. Ein kleiner gedanklich vorbereiteter Fragenkatalog kann hier helfen. Und wer weiß – vielleicht entsteht nach einer angeregten Diskussion ja eine neue Freundschaft fürs Leben.