Kiel (dpa/tmn) - Was schauen wir uns im Urlaub an - und warum? Der Tourismusforscher und Psychologieprofessor Martin Lohmann untersucht, wie Touristen ticken. Zum 75. Geburtstag der Unesco erklärt er, was den Welterbetitel von einem McDonald's-Schild unterscheidet, warum ein Bahnhof den Kölner Dom schlagen kann und weshalb Urlauber auch gerne mal das Schaufenster eines Supermarkts bestaunen.

Herr Lohmann, der Unesco-Welterbetitel wird gerne als Garantie für mehr Besucher verstanden, oft pendeln sich die Zahlen aber schnell wieder ein. Welche Wirkung hat der Titel?

Martin Lohmann: Ich stelle mir die Wirkung vor, wie die eines Qualitätssiegels zum Beispiel für Nachhaltigkeit im Tourismus: Hat eine gewisse Aussage, aber für sich alleine kaum Anziehungskraft. Es ist nicht wie ein McDonald's-Schild, das an der Straße steht und womit sehr viele Menschen etwas verbinden können.

Wann ist eine Sehenswürdigkeit eine Sehenswürdigkeit?

Lohmann: Wenn man vom Wort ausgeht, dann ist das eine Tätigkeit, das Sehen, und eine Bewertung, nämlich würdig oder wertvoll. Beides liegt auf der Seite des Betrachters. Es ist nicht durch den Gegenstand definiert, sondern durch den staunenden, sich freuenden Menschen. Was wir gemeinschaftlich als Sehenswürdigkeit ansehen, ist gesellschaftliche Konvention – keine Ahnung, was ein Besucher vom fernen Stern sehenswert finden würde.

Wer entscheidet denn, was sehenswert ist und was nicht?

Lohmann: Eigentlich kann das jeder für sich entscheiden. Ich erinnere mich an einen amerikanischen Touristen, der zwischen dem Welterbe Kölner Dom und dem Bahnhof stand und voller Bewunderung den Bahnhof anstarrte. Dagegen ist nichts zu sagen.

Aber es gibt natürlich Institutionen, die eine gewisse Hoheit über die Meinungsbildung haben. Das sind im Wesentlichen Medien und Reiseführer, die – der Baedecker hat damit angefangen – Punkte als besonders sehenswert markieren. Damit werden natürlich die Aufmerksamkeit gelenkt und Erwartungen geweckt.

Aber warum will man sich den Eiffelturm angucken, obwohl man ihn schon 1000 Mal in Zeitschriften und Filmen gesehen hat?

Lohmann: Eigentlich ist die Tatsache, dass man den Eiffelturm schon oft medial vermittelt gesehen hat, fast eine Voraussetzung für den Wunsch, das Original zu sehen. Gerade weil ich viele Informationen über ihn habe, bin ich neugierig darauf, ihn jetzt mal in echt zu sehen, sozusagen lebendig.

Bei wilden Tieren geht es uns genauso: Einen Tiger auf dem Foto hat man auch schon oft gesehen, ein Tiger im Zoo ist schon eine andere Nummer und ein Tiger in freier Wildbahn wäre dann die Krönung.

Bei einigen Sehenswürdigkeiten hat man sich trotzdem schon selbst gefragt: Warum gucke ich mir das jetzt an?

Lohmann: Ein starker Treiber ist unsere soziale Umwelt, die uns auf etwas aufmerksam macht und sozusagen "Guck mal" sagt. Man steht zu zweit am Strand, der Mond geht gerade auf und man sagt sich gegenseitig: "Guck mal, wie schön, der Mond." Wir lernen aus dieser Kommunikation. Wenn wir aus vielen Kanälen – Stichwort Social Media – die gleiche Information bekommen, dann wird etwas sehenswerter und wichtiger, weil ja so viele sagen, dass es sehenswert sei.

Sind wir so ausgehungert nach Sehenswertem, dass wir uns sogar mit fiktiven Sehenswürdigkeiten wie Julias Balkon in Verona begnügen?

Lohmann: Der Balkon in Verona, dessen Unechtheit gar keine Frage ist, ist sehenswert, weil diese tolle Story dahinter steckt. Er macht die Geschichte von Romeo und Julia lebendig. Die Kathedrale von Gaudí in Barcelona ist auch deswegen sehenswert, weil sie nicht fertig ist. Die Geschichte der langen Bauzeit macht sie interessant.

Durch die Geschichte kann ein Gegenstand also plötzlich sehenswert werden, der es für sich genommen gar nicht verdient. Würde die Geschichte fehlen, dann wäre der Balkon in Verona einfach ein zu klein geratener Balkon an einem alten Haus.

Wann tritt ein gewisser Enttäuschungseffekt ein? Wann ist der Bogen überspannt?

Lohmann: Wenn man in Florenz im Gedränge zweieinhalb Stunden darauf warten muss, dass man in den Dom darf, dann lässt der Eindruck dieses Doms doch erheblich nach – weil es zu voll ist, das Bauwerk nicht wirken kann und man die Lust verloren hat.

Kurz: Enttäuschung tritt ein, wenn das Erleben eingeschränkt ist durch die Rahmenbedingungen. Das können andere Touristen sein, unfreundliche Türsteher oder eigene Unpässlichkeit - hat nichts mit der Sehenswürdigkeit zu tun, schmälert aber trotzdem das Erlebnis.

Auch falsche Erwartungen konfrontiert mit der Realität führen zu einer möglichen Enttäuschung. Wenn man sich das Gemälde von der Mona Lisa als großen Schinken vorstellt und dann dieses kleinformatige Bild im Louvre sieht, kann das ernüchternd sein.

Selbst wer lieber abseits der ausgetretenen Pfade unterwegs ist, pilgert zu den berühmten Sehenswürdigkeiten. Kann sich denn niemand dieser Anziehungskraft entziehen?

Lohmann: Der Besuch einer Sehenswürdigkeit hängt nicht nur davon ab, wie schön etwas ist, sondern auch von meiner Vorinformation darüber, von der Zugänglichkeit und der Erreichbarkeit. All das ist natürlich bei den grandiosen Sehenswürdigkeiten, die wir so kennen, deutlich besser als bei unbekannten. Die schönsten Maya-Tempel auf Yucatán sind wahrscheinlich die, die noch im Wald verborgen sind. Aber du weißt nicht, dass es sie gibt und kommst auch nicht hin. Also geht man doch nach Chichén Itzá.

Touristen befassen sich allerdings nicht immer nur mit den allergrößten Highlights. Vielmehr sind Urlauber fast ständig damit beschäftigt, sich irgendwas anzugucken. Und wenn da nichts ist, dann gucken sie sich auch im Dorf das Schaufenster vom Lebensmittelladen an. Auch das kann unterhaltend sein.

Manchmal hat man auch den Eindruck, dass es für den einen oder anderen fast wichtiger ist, ein schönes Foto posten zu können, als sich den Ort an sich anzugucken.

Lohmann: Das mag mit den sozialen Wirkungen von Reisen zu tun haben. Ein Foto zu posten, es anderen zu zeigen, ist eine schöne Gesprächsgrundlage, aber auch immer eine gewisse Selbstdarstellung: Ich mache mich sozusagen selbst zur Sehenswürdigkeit, die ein bisschen vom Glanz der im Hintergrund befindlichen Sehenswürdigkeit abbekommt. Ich vor dem Eiffelturm – da bin ich die Sehenswürdigkeit und der Eiffelturm ist die Garnitur, die gleichzeitig deutlich macht, dass ich in Paris bin.

Haben Sie einen Tipp, wie man das meiste aus dem Besuch einer Sehenswürdigkeit herausholen kann?

Lohmann: Man hat mehr von der Betrachtung, wenn man weiß, in welchem historischen Kontext etwas entstanden ist. Das Deckengemälde von Tiepolo in der Würzburger Residenz ist wirklich ein Hammer. Wer da zufällig hinkommt oder mal reinschaut, weil es nun mal berühmt ist, ist sicher beeindruckt. Aber wenn man etwas über die Geschichte der Entstehung weiß und über die Herausforderungen bei der Herstellung, dann wird diese Sehenswürdigkeit noch viel größer und wichtiger. Also sich lieber nur ein Highlight vornehmen und sich vorher informieren, anstatt fünf angucken, die man nicht so richtig würdigen kann.

Was hat uns das Daheimbleiben in Corona-Zeiten gelehrt?

Lohmann: Es gibt auch in der Nähe vieles, was der Würdigung und des Sehens wert ist. Auch den Wald oder den See in der Nähe kann man genießen, die Tiere auf der Weide, die für sich genommen gar nicht spektakulär sind, aber für mich in diesem Augenblick eben doch sehr schön anzusehen sind. Und wenn man Zuhause oder bei seinen Followern punkten will: Ein Foto mit Kuh kommt immer gut an.

Zur Person: Prof. Martin Lohmann leitet in Kiel das NIT Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa und lehrt an der Leuphana Universität Lüneburg als Professor für Psychologie unter anderem Konsumentenforschung und Tourismus.

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