Halle l Wittenberg, Anfang des 16. Jahrhunderts: In der Küche des Alchemisten raucht, zischt und faucht es. Rauchfäden ziehen durch die Luft, Rußpartikel legen sich auf Gefäße, die mit gelbem Pulver gefüllt sind. Es ist heiß. Ein Glas zerbricht. Der Alchemist – damals Mediziner und Chemiker in Personalunion – flucht. Der Schweiß rinnt ihm von der Stirn. Die städtische Alchemistenküche ist ein pharmazeutischer Großbetrieb. Mehrere Kilogramm Chemikalien werden dort jeden Monat verarbeitet. Der Wittenberger Alchemist ist auf der Suche nach der richtigen, lebensrettenden Dosis. Wie viele seiner Kollegen experimentiert er mit Antimon-Erz.

Die Substanz dient damals als Medikament – aufgrund einer eher zweifelhaften Annahme: Mit Antimon lässt sich Gold reinigen. „Wenn diese Chemikalie in der Lage ist, den König der Elemente zu säubern, dann muss sich auch die Krone der Schöpfung damit heilen lassen“, erklärt Christian-Heinrich Wunderlich. Antimon soll eines der gesuchten Allheilmittel sein. Nach der Einnahme müssen die Patienten allerdings leiden: Schweißausbrüche, Erbrechen, Darmentleerung. „Das Rausspülen von Verunreinigungen war eine gängige Theorie“, sagt Wunderlich, der die Restaurierungswerkstatt am Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle leitet. Der Haken an der Behandlung: Antimon ist hochgiftig. Bereits 100 Milligramm können einen Menschen töten.

Braune und rötliche Spuren

Überreste der früheren Wittenberger Alchemistenküche werden seit einigen Jahren im Landesmuseum von Wunderlich und seinen Kollegen analysiert. Die Geschichte ihrer Arbeit beginnt im Mai 2010. Auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters in Wittenberg wird gegraben. Weil eine neue Stadthalle gebaut werden soll, untersuchen Archäologen das Erdreich. Sie finden Scherben, mehr als 10 000, in einer alten Abfallgrube. Der Fund wird zu Wunderlich nach Halle gebracht. Dort macht der 52-Jährige eine Entdeckung. Viele der Fragmente weisen braune oder rötliche Spuren auf. Untersuchungen im Landeskriminalamt ergeben, dass es sich um Zinnober, Quecksilber, Schwefelsäure und Antimonverbindungen handelt.

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Fortan sind die Hallenser Historiker auf den Spuren des Alchemisten von Wittenberg. „Wir haben viele bildliche Darstellungen der Arbeit von Alchemisten, aber so gut wie keine Hinterlassenschaften aus Alchemistenwerkstätten“, sagt Alfred Reichenberger, stellvertretender Landesarchäologe. Die Forscher datieren die Funde auf die Zeit zwischen 1520 und 1540. Damit gelten sie als die ältesten in Mitteleuropa gefundenen Überbleibsel aus einer solchen Werkstatt. Ab November sollen die Funde aus Wittenberg in einer Ausstellung im Landesmuseum präsentiert werden.

Destillierkolben und Retortengefäße

In einer gigantischen Fleißarbeit haben die Restauratoren die Scherben so weit wie möglich wieder zusammengesetzt. Auf einem Tisch im Labor sind die Exponate zu sehen: Destillierkolben, Retortengefäße, Keramikgefäße und Gläser. Mehr als zwei Jahre lang hat Restauratorin Vera Keil sortiert, gebastelt und geklebt. Die 34-Jährige setzte ein Puzzle aus Scherben zusammen, die vor mehr als 500 Jahren beim Experimentieren entstanden und dann weggeworfen worden sind.

Die Reste geben einen Einblick in die Zeit, in der die Menschen versuchten, aus allen möglichen Elementen Gold herzustellen. Die Alchemie in der frühen Neuzeit legte allerdings auch die Grundlagen für die heutige Chemie. „Das Bild der Alchemisten als Spinner oder Wunderheiler ist eine Vorstellung des 19. Jahrhunderts. An der Schwelle vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit sind Alchemisten hoch angesehen. Viele Fürstenhäuser beschäftigten die Pharmazeuten in der Hoffnung, den Stein der Weisen finden zu können“, erklärt Archäologe Reichenberger. Auch Friedrich der Weise von Sachsen, der zeitweise in Wittenberg residierte, hegte wohl diesen Traum.

Wer aber war der geheimnisvolle Giftmischer? Die Historiker im Landesmuseum für Vorgeschichte wissen es nicht genau. Ein Kandidat ist Paul Luther, der Sohn von Martin Luther. Er soll in etwa zu der Zeit am Hofe des Fürsten als Leibarzt tätig gewesen sein. Johann Georg Faust, Alchemist und Astrologe, soll zwischen 1525 und 1532 in Wittenberg gelebt haben. Bewiesen ist das nicht. Faust soll, auch wenn es Goethe anders beschreibt, zudem eher im Süden des Landes unterwegs gewesen sein. Auch der legendäre Arzt Paracelsus lebte ungefähr in dieser Zeit, ist aber wohl nie in Wittenberg gewesen. Der Alchemist, der für die jahrhundertealten Scherben verantwortlich ist, wird also zunächst namenlos bleiben.