Die Simson-Werke

Die Simson-Werke wurden 1856 von den jüdischen Brüdern Löb und Moses Simson im thüringischen Suhl gegründet. Nach der Reichsgründung 1871 stellte das Werk zunächst vor allem Militärgewehre und Jagdwaffen her. Später kamen Fahrräder und Autos hinzu. Im Ersten Weltkrieg entwickelte sich Simson zum Waffenlieferanten. Nach 1933 enteigneten die Nationalsozialisten die Inhaber. Die Familie Simson musste fliehen, ihr Name wurde aus dem Logo gestrichen. Erst nach dem Krieg verfügte die Sowjetunion die Mopedproduktion in den Werken, während die Motorradproduktion MZ in Zschopau vorbehalten blieb. Bis zur endgültigen Pleite 2002 stellte Simson rund 6 Millionen Mopeds her, zu Spitzenzeiten in den 80er Jahren 200 000 pro Jahr.

Wernigerode l Nicky kommt auf seiner rostigen Schwalbe über schmale Pfade durch die Flachgaragen. Sein Moped ist schon von Weitem zu hören. Das helle Geräusch des Einzylinder-Motors irgendwo zwischen Tuckern und Summen, das Quietschen von Sitzbank und stauchenden Federgabeln. Es sind für Ost-Ohren nur zu vertraute Töne. Ebenso wie der Anblick des blauen Qualms und der Geruch von Mischbenzin. Kaum ein Jugendlicher zwischen Rügen und Erzgebirge, der in den vergangenen 40 Jahren nicht wenigstens als Beifahrer auf einer Simson gesessen hätte.

Schon als Junge von zwölf ist auch Nicky, der mit Nachnamen Brückner heißt, Simson gefahren – wird er später erzählen. Jetzt führt der kräftige 36-Jährige erstmal im Schritttempo zum Sitz seines Clubs. Der heißt „Heiße Feile“ und arbeitet, irgendwie passend, mitten in dem Komplex von DDR-Garagen hier am Nordrand von Wernigerode.

Harzer Simson-Freunde

Kaum zwei Jahre nach Gründung zählt der Verein 26 Mitglieder aller Berufsgruppen und Altersstufen zwischen 16 und 50, Tendenz steigend. Die Harzer Simson-Freunde kaufen und reparieren hier alles aus dem Hause des Suhler Herstellers: S51, Roller, Schwalbe, Sperber – gern auch mal als Nachbarschaftshilfe. Sie organisieren Benefiz-Fahrten für kranke Kinder, nehmen an Rennen und Treffen in Thüringen teil.

Bilder

Der Club ist nicht allein. 30 Jahre nach der Wende sprießen überall im Osten – inzwischen aber auch in den alten Ländern – Simson-Clubs wie Pilze aus dem Boden. Doch woher kommt die Faszination an der Marke? Angekommen an den Club-Garagen warten schon vier weitere Mitglieder mit Antworten auf uns. Ihre Mopeds haben sie fotowirksam nebeneinander im Licht der Spätsommer-Sonne postiert.

Christopher Michael, alias Paul, ist als Jugendlicher damals mit Nicky um die Blöcke geheizt: „Schon früher hatte hier einfach jeder eine Simson“, sagt der 34-Jährige mit weißem Basecap und Tattoos auf dem Arm. „War der Vater auf Arbeit, hat man sich das Moped geschnappt und ist einfach losgefahren.“

Simson überlebt Jahrzehnte

Für Matze, alias Mathias Mölle, im Club zuständig für die Ersatzteilbeschaffung, ist es vor allem auch die Technik: „Anders als bei heutigen Mopeds überlebt die Simson Jahrzehnte, die kannst du ein Leben lang fahren“, sagt der 37-Jährige. Bei „Simmis“ könne man außerdem noch erkennen, wie ein Motor funktioniert. „Die Technik ist so simpel, das kriegt fast jeder in den Griff.“ Und tatsächlich ist die einfache Bauweise ein Paradies für Bastler. Vergaser, Zündkerze, Kolben, Zündspule – mit ein paar kundigen Handgriffen ist alles erreicht und ausgebaut. Auch weil die Simson gern mal zickte, gehörte das Reparieren am DDR-Moped für ganze Generationen selbstverständlich dazu.

Bei der „Heißen Feile“ haben sie das Basteln und Tüfteln perfektioniert. Möglich ist dabei fast alles: Club-Präsident Paul etwa hat eine S 51 auf 90 Kubikzentimeter Hubraum aufgerüstet. Statt 3,6 PS ist das Zweirad jetzt mit 15,8 PS ein echter, kleiner Kraftprotz. Schaffte es in der Werksausstattung Tempo 60 im Vierganggetriebe, sind jetzt mit fünf Gängen fast 110 km/h drin – „natürlich alles legal und von der Versicherung abgenommen“, sagt Präsident Paul.

Doch ist das alles? Jugendnostalgie und die bastelfreundliche Technik? Erklärt das den Hype? Immerhin fahren von einst knapp sechs Millionen produzierten Mopeds heute immer noch schätzungsweise 500.000 mit dem „S“-Symbol auf deutschen Straßen. Selbst bekannte Ostautomarken wie Trabant und Wartburg können da nicht mithalten. Das zeigt ein Blick in die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes. Fuhren 1993 noch fast ein Million Trabis und 400.000 Wartburgs bundesweit, waren es zu Jahresbeginn 2019 nur noch 36.000 beziehungsweise 8100 der DDR-Klassiker.

Auch Trabi und Wartburg bastelfähig

Dabei bedienen auch die Ost-Autos nostalgische Erinnerungen und sind mit ihrer einfachen Technik ebenfalls bastelfähig. Einer der wichtigsten Gründe könnte dann auch ein anderer sein: die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Dank einer Sonderklausel im Einigungsvertrag dürfen vor 1992 gebaute Simson-Mopeds anders als Mopeds wie Vespa weiter schneller als 50 fahren. Von „Simmis“ ist dabei bekannt, dass die meisten 60 km/h auf die Straße bringen, manche Schwalbe mitunter gar 70. „Das ist bei Jugendlichen natürlich auch heute gefragt“, sagt Matze von der „Heißen Feile“. Wie begehrt die Mopeds sind, merken die Clubmitglieder durch Reparatur- und Lieferanfragen fast jeden Tag. Die Preise für die Ost-Mopeds sind dann auch in die Höhe geschossen. „Zur Jahrtausendwende hat man eine S 51 noch für nen Fuffi bekommen“, sagt Vereins-Präsident Paul. „Inzwischen geht für ein saniertes Modell unter 1000 Euro nichts mehr.“

Nach oben sind keine Grenzen gesetzt. 3500 Euro und mehr sind keine Seltenheit. Auch die Clubmitglieder der „Heißen Feile“ haben ein besonders wertvolles Moped in ihren Garagen: In den Umbau einer Enduro, der schon früher besonders gefragten Cross-Variante der S 51, haben sie mehr als 600 Arbeitsstunden investiert. Herausgekommen ist eine Simson mit spezialbeschichtetem und damit besonders langlebigem Kolben, verstärktem Rahmen, Yamaha-Luftfilter und crosstauglichen Fußstützen. „Allein der Teilewert liegt bei 2500 Euro“, sagt Vizepräsident Matze. Mit ihrer Spezial-Enduro nehmen die Harzer einmal im Jahr in Kalbe/Milde in der Altmark an einem 24-Stunden-Rennen teil. Das sichert dem Verein nebenbei den Steuervorteil der Gemeinnützigkeit. In diesem Jahr sind sie beim Rennen auf Platz 10 von 21 gelandet. „Zwischendurch lagen wir sogar auf Platz 5“, erzählt Matze. – Ein Motorschaden verhinderte mehr.

Simson-Rennen als Spaß

Die Rennen sind aber ohnehin eher ein Spaß am Rande. Unterm Strich ist es die Liebe zur „Simmi“, die die Mitglieder verbindet. Jedes Moped in den Garagen ist dann auch ein Unikat: Ausgestattet wahlweise mit Teddy, Feuerlöscher oder Radio. Auch der Rost auf Nickys alter Schwalbe ist kein Zufall. In stundenlanger Arbeit haben sie den früheren Lack abgetragen, um das Moped auf Alt zu trimmen, erzählt Präsident Paul.

Die Faszination Simson – 30 Jahre nach der Wende reicht sie längst über den Osten hinaus. Zum Simson-Treffen in Suhl kamen in diesem Jahr 7000 Besucher, darunter viele aus den alten Ländern. Von der deutsch-deutschen Simson-Begeisterung zeugt auch bei der „Heißen Feile“ ein Aufkleber an einem Roller: „Club-Freundschaft Ost und West“ steht darauf. Aufgeführt sind neben Ostvereinen auch die Simson Freunde aus Kissenbrück bei Wolfenbüttel. „Beim Thema Simson sind wir alle auf einer Wellenlänge“, sagt Nicky.

Die Erinnerung an die Jugend im Osten lässt er sich deshalb nicht nehmen. Simson – das steht auch hier für die ersten Fahrten zur Disko, die erste Liebe, die ersten Ausflüge ins eigene Leben. Und so hat hinten auf Nickys rostiger Schwalbe auch noch ein DDR-Schild Platz.

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