Magdeburg l Isabel Fiedler wollte Medizin studieren, solange sie denken kann – am liebsten in Magdeburg, sagt sie. Allein, über das normale Bewerbungsverfahren reichte ihr Notenschnitt von 2,0 nicht. Zuletzt lag der benötigte Numerus clausus fast bundesweit bei 1,0. Die Blankenburgerin ging deshalb ungewöhnliche Wege: Nach einer Physiotherapie-Ausbildung schrieb sich für das Studium im fast 400 Kilometer entfernten Stettin in Polen ein.

„Solange ich in Stettin studiere, bin ich jedes Wochenende nach Blankenburg gependelt.“

Isabel Fiedler, Studentin aus Blankenburg

Die 24-Jährige ist dort inzwischen im fünften Fachsemester. Die Bindung nach Sachsen-Anhalt aber hat sie nie verloren. „Solange ich in Stettin studiere, bin ich jedes Wochenende nach Blankenburg gependelt“, sagt die junge Frau. Dann aber hörte sie vom neuen Landarztprogramm in Sachsen-Anhalt. Das Angebot: Das Land vergibt 20 seiner 400 Studienplätze (fünf Prozent) künftig an Bewerber, die sich bereit erklären, zehn Jahre lang in einer unterversorgten Region als Hausarzt zu arbeiten. Im Gegenzug zählt im Bewerbungsverfahren zuerst die Studierfähigkeit, die in einem Test ermittelt wird, sowie eine Ausbildung etwa in einem Gesundheitsberuf. Die Abi-Note geht nur mit zehn Prozent ein.

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Fiedler bewarb sich – und wurde genommen. Zugute dürfte ihr ihre Berufserfahrung als Physiotherapeutin gekommen sein. Die Harzerin zählt zu den ersten 20 Medizinstudenten im Land, die ihren Studienplatz über die neue Landarztquote bekommen haben, 10 werden in Magdeburg studieren, 10 in Halle. Am Dienstagabend wurde der Premiere-Jahrgang nun mit einem Sekt-Empfang im Gesundheitsministerium von Ministerin Petra Grimm-Benne (SPD) persönlich begrüßt.

Der Aufwand hat seinen Grund: Hausärzte sind inzwischen gefragt wie Goldstaub, vor allem auf dem Land. Viele der praktizierenden Hausärzte stehen kurz vor der Rente, gleichzeitig zieht es junge Mediziner in die Großstädte, viele Ärzte ziehen zudem Angestelltenverhältnisse der Selbständigkeit vor. Der Trend besteht bundesweit. Modelle, die der Landarztquote ähneln, haben daher auch andere Länder, wie Nordrhein-Westfalen oder Bayern eingeführt.

„Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass meine Heimat irgendwann entvölkert ist.“

Clemens Alscher, Student aus dem Kreis Wittenberg

Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) sind bei 1440 praktizierenden Hausärzten in Sachsen-Anhalt schon heute 278 Stellen unbesetzt. Bis 2032 werden wegen des Ausscheidens älterer Kollegen weitere 260 Stellen vakant sein.

Einer, der den Trend aufhalten will, ist Clemens Alscher. Auch er gehört zum Premiere-Jahrgang künftiger Landärzte, stammt aus einem Dorf bei Wittenberg. „Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass meine Heimat irgendwann entvölkert ist oder dort nur noch Leute über 70 leben“, sagt der 25-Jährige beim Empfang im Ministerium. Das Dorfleben habe viele Vorteile, ergänzt er. „Für mich viel mehr als die Großstadt.“ Alscher weiß, wovon er spricht. Er kennt beide Welten: Nach dem Abi und einem Freiwilligen Sozialen Jahr wurde er Krankenpfleger, dabei entstand der Wunsch, Arzt zu werden, sagt er. Seit drei Jahren arbeitet Alscher nun auf Intensivstationen und im OP, erst in Wittenberg, seit zwei Jahren in Leipzig. Nach dem Medizinstudium in Magdeburg will er zurück in die Heimat. Dass er dort einen Hausarztsitz zugewiesen bekommt, daran hat er keinen Zweifel: „Die Region ist schon heute unterversorgt.“

Es sind Studenten wie Alscher, die die Landarztquote erreichen soll. „Im Medizinstudium bilden wir bislang sehr oft junge Leute aus anderen Bundesländern aus, die danach in ihre Heimat zurückgehen“, sagt Burkhard John, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung im Land.

Die Landarztquote ändere das ein wenig. „Auch wenn wir uns natürlich noch mehr Plätze erhofft hätten“, fügt er hinzu. Und: Die Quote spricht vor allem Landeskinder an. Knapp die Hälfte der 272 Bewerbungen in der ersten Runde kam aus Sachsen-Anhalt. 16 der 20 angenommenen Bewerber sind aus dem Land.

Zugleich ist die Quote nur die jüngste Strategie eines ganzen Bündels vorhandener Maßnahmen gegen den Hausarztmangel. An den Unis Magdeburg und Halle etwa gibt es „Hausarztklassen“, die sich früh mit dem Berufsbild befassen. Studenten können im Gegenzug für die Verpflichtung, als Hausarzt zu arbeiten, schon jetzt Stipendien der Kassenärztlichen Vereinigung erhalten.

„Seitdem ich sprechen kann, wollte auch ich Ärztin werden.“

Gwendolin Heinemeier, Studentin aus Halle

Auch Gwendolin Heinemeier hat über die Landarztquote ihren Studienplatz bekommen. „Meine Mutter hat Medizin studiert, als ich klein war“, sagt sie. „Seitdem ich sprechen kann, wollte auch ich Ärztin werden.“ Nach dem Abi mit einem Schnitt von 2,0 hat die 22-Jährige alles versucht, wurde Hebamme, sammelte Wartesemester, versuchte es gar mit einer Offizierslaufbahn.

Dass es nun mit dem Studienplatz in Halle geklappt hat, sei ein Glücksfall, sagt die junge Frau. Hat sie keine kalten Füße, sich für zehn Jahre festzulegen? „Nein“, sagt Heinemeier. „Das ist es, was ich will.“ Ihre Mutter habe bis heute eine Praxis in Querfurt. „So etwas könnte ich mir auch vorstellen“, so die 22-Jährige. „Ich orientiere mich auf den Großraum Halle. Alles ist gut, so lange ich weiter dort wohnen kann. Meinung