Magdeburg l „Die Corona-Langeweile war sicher ein Grund dafür, dass ich angefangen habe, mich mit Aktien zu beschäftigen“, sagt Alexander Wartig aus Magdeburg. Ein Depot hatte Wartig schon vorher bei seiner Hausbank eröffnet. Seit diesem Jahr investiert der 25-Jährige monatlich 50 Euro in Aktien-Fonds. „Ich wollte mein Geld nicht weiter liegen lassen. Im Moment gibt es bei der Bank ja keine Zinsen“, sagt der Berufssoldat.

Wie Wartig ging es in diesem Jahr vielen. Der Anteil der Aktienbesitzer in Deutschland stieg in der Corona-Krise. Insbesondere bei jüngeren Menschen unter 25 Jahren wuchs das Interesse. Das illustriert eine Studie der „Aktion pro Aktie“, ein Zusammenschluss von Comdirect, Consorsbank und ING Deutschland.

2000 Menschen waren im Juli und August deutschlandweit befragt worden. Ergebnis: Bei den unter 25-Jährigen stieg der Anteil der Aktienbesitzer um 13 Prozentpunkte auf 39 Prozent. In keiner anderen Altersklasse fiel der Anstieg derart stark aus. Die Banken in Sachsen-Anhalt registrieren den Trend, nicht nur bei den Jüngeren, sondern altersübergreifend. „Wir haben eine verstärkte Nachfrage nach Wertpapieren und zu Neudepots, die online über unsere Internetfiliale eröffnet wurden“, sagt Mathias Geraldy, Sprecher der Stadtsparkasse Magdeburg.

Die Deutsche Bank verzeichnet in den Filialen in Sachsen-Anhalt in diesem Jahr „eine deutliche Zunahme im Wertpapiergeschäft“. Das Depotvolumen allein in der Filiale Magdeburg sei im bisherigen Jahr um netto rund acht Millionen Euro gewachsen, sagt Diana Jetschin, Filialdirektorin der Deutschen Bank in Magdeburg.

Ansturm auf Depots

Ein Grund für die verstärkte Nachfrage nach Depots: das anhaltende Nullzins-Umfeld auf den Kapitalmärkten. „Wer als Anleger oder Anlegerin Vermögen aufbauen oder erhalten möchte, kommt um eine Beimischung von Aktienfonds auf längere Sicht nicht umhin“, so Jetschin. Auch die Commerzbank Magdeburg vermeldet einen Anstieg bei neuen Depots. insbesondere bei den Online-Eröffnungen. Die Zahl der neuen Wertpapierdepots in der Niederlassung Magdeburg habe in diesem Jahr um rund 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zugenommen, so Sprecherin Sabine Schanzmann-Wey.

Die Deutsche Wertpapierservice Bank AG (Dwpbank) hat für die Volksstimme die Zahl der Neu-Depots unter die Lupe genommen. Die Dwpbank betreut sektorübergreifend 4,8 Millionen Wertpapierdepots von Sparkassen, Genossenschaftsbanken, Privat- und Geschäftsbanken. In den angeschlossenen 1250 Instituten stieg die Zahl der Eröffnungen im Vergleich zu 2019 um 66 Prozent. Die meisten neuen Depots wurden von den 20- bis 30-Jährigen eröffnet. Eine Steigerung um rund 111 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugelegt hätten aber auch alle anderen Altersgruppen. Banken entdecken zunehmend junge Anleger als Kunden. Unter Jüngeren verzeichne man „ein verstärktes Interesse am Thema Invest“, heißt es von der Targobank. Deshalb bringe man 2021 ein Starter-Depot für Kunden im Alter von 18 bis 28 Jahren auf den Markt. Auch insgesamt verzeichnete die Bank bis Ende November 15 Prozent mehr Depot-Eröffnungen als im Vorjahr. Besonders hoch war der Zuwachs im ersten Quartal, sagt ein Sprecher.

Online-Broker gefragt

Für viele der jungen Neu-Börsianer ist die klassische Bank indes keine Option. Reine Online-Broker werden beliebter. Vorteil: niedrige Gebühren für Depotführung und Order. Experten warnen aber vor dem Verlustrisiko für unerfahrene Anleger.

Einer der Gewinner der vergangenen Monate ist der Handybroker Trade Republic. Anleger können in der App über 7500 Aktien und ETFs provisionsfrei handeln. Ohne Orderprovisionen und Depotgebühren – pro Handelsaktion fällt eine Pauschale von einem Euro an.

150.000 Kunden handelten dort bereits im Frühjahr online mit Aktien. Seitdem sei man „stark gewachsen“, sagt eine Sprecherin. Trade Republic bediene Kunden aller Altersklassen und mit unterschiedlichem Anlageverhalten, heißt es. Im Durchschnitt sind die Kunden Mitte 30 und investieren erstmalig. Gefragt seien vor allem Sparpläne und ETFs. Das Unternehmen sei schon vor Corona stark gewachsen, so die Sprecherin. Die Pandemie habe die Entwicklung noch einmal beschleunigt.

Experten gehen davon aus, dass sich die Gewichte am Markt weiter in Richtung Onlinehandel und Discountbroker verschieben werden. Bei der Geldanlage setzen die Deutschen laut Umfrage der Deutschen Bausparkassen im April 2020 immer noch vorrangig auf das Girokonto. Es folgen das Sparbuch, die Lebensversicherung, Bausparvertrag, Immobilien und Tagesgeld. Investmentfonds und Aktien rangieren erst auf den Plätzen sieben und neun der beliebtesten Geldanlagen.

Jung-Anleger Alexander Wartig behält die Kurse seiner Aktien in jedem Fall weiter im Blick. Mit seiner Bank stimmt er sich zu möglichen Anlageformen ab. Und recherchiert in seiner Freizeit, welche Titel in Zukunft Potenzial haben könnten. Zumindest eine sinnvolle Beschäftigung, der man sich in einem zähen Corona-Jahr widmen kann, findet der 25-Jährige.