Nach Skandal um unnötige Operationen sorgt Arbeitsgericht für Wirbel

Altmark-Klinikum: Chefarzt vor Rückkehr

Von Thomas Pusch und Gesine Biermann

Kehrt jetzt Ruhe am Altmark-Klinikum in Gardelegen ein? Geschäftsführer Matthias Hahn ist freigestellt und dem umstrittenen Chirurgen Dr. Michail T. wurde gekündigt. Gestern sorgte erst einmal ein Arbeitsgerichtsprozess für neuen Wirbel.

Stendal/Gardelegen l Der Saal 109 des Stendaler Arbeitsgerichtes war viel zu klein für die große Zuschauerzahl. Schon eine halbe Stunde vor Verhandlungsbeginn drängelten sich drei Dutzend Neugierige - Ärzte, Krankenschwestern, Freunde und Bekannte von Dr. Bernd Falkenberg, vierfach gekündigter Chefarzt der Chirurgie des Klinikums.

"Je mehr desto besser", sagte der gelöst wirkende Arzt. Schon vor dem Urteil wurde er beglückwünscht, umarmt, als "Herr Chefarzt" begrüßt. "Gestern war die beste Pressekonferenz seit Schabowski", sagte ein Mediziner.

Grund für die Euphorie war die Entscheidung des Aufsichtsrates vom Dienstag, Geschäftsführer Matthias Hahn freizustellen. Aufsichtsratsvorsitzender Michael Ziche hatte aber betont, dass damit nicht die Kündigung für Falkenberg unwirksam ist. Der Chefarzt hatte unnöttige Operationen im Wirbelsäulenzentrum mit Dr. T. offen angegriffen. Das sei aber nicht Motiv für die Kündigungen gewesen, unterstrich der Aufsichtsratsvorsitzende.

Und so standen sich die beiden Seiten gegenüber. Das Gericht hatte zu klären, ob die insgesamt vier Kündigungen, jeweils fristlose und fristgerechte, wirksam sind oder nicht. Erstmals war Falkenberg am 14. August 2012 gekündigt worden. Als Gründe wurden sinkender Umsatz in der Chirurgie, schlechter Umgang mit Mitarbeitern und die unerlaubte Nebentätigkeit für einen Diätmittelhersteller aufgeführt.

"Er kann doch nicht als Aushängeschild des Krankenhauses so gegen die Schulmedizin auftreten", meinte Klinik-Anwalt Ralf Troeger. In der Werbung habe es unter anderem geheißen: "In all den Jahren meiner medizinischen Tätigkeit habe ich nichts über Gesundheit gelernt".

Nach gut zweistündiger Anhörung bestätigte sich jedoch Falkenbergs Optimismus. Das Gericht stellte "die Unwirksamkeit der außerordentlichen und ordentlichen Kündigungen" fest und verurteilte die Arbeitgeberin zur Weiterbeschäftigung des Chefarztes "bis zum rechtskräftigen Abschluss des Kündigungsrechtsstreits".

Falkenberg-Anwalt droht mit Zwangsgeld

"Ich werde die Gegenseite schriftlich auffordern, Dr. Falkenberg wieder arbeiten zu lassen", kündigte sein Anwalt Uwe Bitter an. Ansonsten drohe dem Klinikum die Zwangsvollstreckung, sprich die Zahlung eines Zwangsgeldes.

Doch Personalleiterin Kassuhn beurteilt die Rechtslage anders. "Erstmal muss das Urteil schriftlich begründet sein. Dann könnte Dr. Falkenberg verlangen, wieder eingebunden zu werden", sagte sie der Volksstimme. Dann werde das Altmark-Klinikum überlegen, ob es in Berufung vor dem Landesarbeitsgericht geht.

40 Kilometer entfernt reagiert die Belegschaft des Gardeleger Klinikums unterschiedlich auf die spektakulären Personalien der vorangegangenen 24 Stunden. "Erschreckend" seien die Nachrichten, sagt eine Schwester betroffen. "Aber auch erleichtert", zeigt sich eine ihrer Kolleginnen. "Zumindest wurde es Zeit, dass endlich etwas passiert", meint eine andere.

Aufsichtsratsvorsitzender Ziche hatte den Mitarbeitern am Vormittag die Gründe für den personellen Einschnitt erklärt. Ein Gutachter hatte in 15 von 16 überprüften Operationen des Honorararztes Dr. T. keine medizinische Notwendigkeit erkennen können - in Gardelegen wurden offensichtlich Menschen operiert, ohne dass ein Eingriff nötig war. Der Leiter der Neurochirurgie, der seit Sommer 2011 im Gardeleger Haus als Leiter des Wirbelsäulenzentrums fungiert, bekam daraufhin die Kündigung.

Das Wirbelsäulenzentrum bleibt nun bzunächst geschlossen. "Das Krankenhaus muss erst einmal zur Ruhe kommen, auch wenn es natürlich finanzielle Einbußen geben wird", sagte Ziche. Immerhin hätten sich die Umsätze nach Einführung des Wirbelsäulenzentrums um rund ein Drittel erhöht. Auch ein Verdienst des Geschäftsführers, wie Ziche betonte. Doch Hahn traue man nicht mehr zu, für den innerbetrieblichen Frieden zu sorgen.

Krankenhaus bildet Rücklagen für Prozesse

Finanziell jedoch sei das Klinikum gut aufgestellt. Im Januar waren "die Zahlen schwarz" - wenn auch nicht in allen Abteilungen. Allerdings werde die Klinik nun Rücklagen bilden müssen, um für eine Prozesslawine gewappnet zu sein, machte Ziche klar: "Wir wissen nicht, was kommt, müssen sehen, was der Strafprozess bringt. Schließlich haben wir keine Erfahrungen mit einer solchen Situation."

Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits wegen Abrechnungsbetrug und Körperverletzung gegen den Chirurgen. Die Gutachten, die bis jetzt vorliegen, "bedeuten ja auch nicht unbedingt, dass es den Menschen jetzt schlecht geht." Bis jetzt habe sich auch noch kein einziger Patient gemeldet.

Schief gelaufen sei einiges, versicherte ein Arzt, der wie alle anderen seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Vor allemin der Organisation. So hätten Nachbehandlungen von neurochirurgisch operierten Patienten nicht stattfinden können. Zum einen, weil "keiner in der Chirurgie Ahnung von Wirbelsäulenchirurgie" habe, zum anderen aber auch, "weil sich Ärzte untereinander nicht einig" gewesen seien.

Dabei gab es Bemühungen der Krankenhausleitung, dem Misstand ein Ende zu machen. So berichtete ein Kenner des Krankenhauses, dass der damals noch als Chefarzt fungierende Falkenberg, der nach seiner Kündigung weit vor dem Bekanntwerden der Vorwürfe Mitarbeiter seiner Abteilung abstellen sollte, die die Zuarbeit mit den Neurochirurgen regeln sollten. Daraufhin habe Falkenberg zwei Mitarbeiter benannt, die dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen seien. So habe sich der Unmut auf beiden Seiten gesteigert.

Falkenberg sei ein guter Mediziner, aber mit Sicherheit kein Chefarzt, schätzte ihn ein Kollege ein. "Als Retter der Klinik muss er sich nun deshalb aber auch nicht aufspielen."

Es sieht nicht so schnell nach Ruhe am Klinikum aus.