Eisleben l Nach dem antisemitischen Anschlag von Halle und nur wenige Kilometer vom Herkunftsort des Täters – Benndorf – entfernt, haben Unbekannte den Eingang zum einstigen Jüdischen Friedhof in Eisleben mit antisemitischen Kritzeleien beschmiert. Der oder die Täter hatten mit Kreide aus Gips ein Hakenkreuz, die Runen „SS“ und die Aufschrift „Juden raus“ auf den Fußweg gekritzelt, sagte eine Polizeisprecherin des Landkreises Mansfeld-Südharz gestern der Volksstimme.

Oberbürgermeisterin schockiert

Die Hintergründe sind noch unklar. Beamte hätten nach der Entdeckung der Schmierereien durch eine Fußgängerin am Montagnachmittag Spuren gesichert und Zeugen befragt, so die Sprecherin. Klar ist bislang: Die Schmierereien dürften frisch sein. Sollte sich Beweismaterial finden, werde das Landeskriminalamt eingeschaltet.

Eislebens Oberbürgermeisterin Jutta Fischer (SPD) reagierte erschüttert: „Wir stehen noch immer unter dem tiefen Eindruck der Ereignisse, die sich am 9. Oktober in Halle zugetragen haben“, teilte sie auf der Webseite der Stadt mit. „Vor diesem Hintergrund ist es mir als Mensch unbegreiflich, was gerade in Eisleben passiert ist. Ich bin wütend. Ich bin schockiert.“ Hass auf Menschen unterschiedlicher Herkunft oder Religion hätten keinen Platz in Eisleben.

Fischer trat Medienberichten entgegen, die ihrer Ansicht nach ein gehäuftes Auftreten von Antisemitismus in der Region unterstellt hatten: „Eisleben ist kein Hort des Antisemitismus. Stellvertretend für alle Eisleber verwahre ich mich gegen diesen Ruf.“

Linke attackiert Innenminister

Auch die Linke in Eisleben reagierte entsetzt auf die Schmierereien. Man verurteile die Tat zutiefst, teilte der Ortsverband auf seinem Facebook-Auftritt mit. Eine jüdische Gemeinde existiert in Eisleben seit 1938 nicht mehr. Ihr Erbe bewahrt der Verein Eisleber Synagoge mit rund 30 Mitgliedern. Seit Jahren bemühen sie sich um Erhalt und Wiederaufbau der einstigen Synagoge. Außerdem haben sie den jetzt verunstalteten alten Jüdischen Friedhof mit rund 70 Gräbern rekonstruiert. Die Schmierereien jetzt seien nicht der erste Vorfall, sagte Rüdiger Seidel vom Verein. Bereits 2012 sei die einstige Synagoge der Stadt beschmiert worden. „2015 hat uns jemand ein Schweineohr an die Synagogentür genagelt. Wir sind im Blickpunkt der Rechten.“

In der gestrigen Landtagsdebatte zu den Ereignissen am 9. Oktober attackierte der Fraktionschef der Linken, Thomas Lippmann, Innenminister Holger Stahlknecht (CDU): „Man steht fassungslos vor dem politischen Versagen und der Unfähigkeit, selbstkritisch die Zusammenhänge und Umstände in ihrer gesamten Breite zu hinterfragen, die die Abläufe an diesem Tag erst ermöglicht haben“, sagte er. „Wie kann man sich nach einem solchen Desaster am Tag danach hinstellen und forsch behaupten, dass niemand etwas falsch gemacht hat. Und wie kann man sich dann auch noch den Fauxpas eines öffentlichen Streits mit der Jüdischen Gemeinschaft leisten?“

Dass die Sicherheit der Synagoge in Halle ganz offensichtlich und mit dramatischen Folgen falsch eingeschätzt worden sei, liege auf der Hand. Lippmann: „Man ist betroffen vom Auftreten und vom Krisenmanagement dieser Landesregierung, und man schämt sich dafür.“

SPD wird AfD Heuchelei vor

Der Blick richtete sich aber auch in Richtung AfD. SPD, Linke und Grüne werfen der Partei eine Mitverantwortung vor. Solche Vorwürfe seien „grotesk, verwerflich und widerwärtig“, widersprach AfD-Fraktionschef Oliver Kirchner vehement. Für Antisemitismus sei in der AfD kein Platz, beteuerte er.

„Drücken Sie sich nicht vor ihrer Verantwortung“, entgegnete SPD-Fraktionschefin Katja Pähle. Sie warf der AfD Heuchelei vor. Linke-Fraktionschef Lippmann bezeichnete die AfD als geistige Brandstifter: „Mit ihrer verbalen Aggression gegen alles, was nicht ins rechte Weltbild passt, wird das Aufkommen physischer Gewalt vorbereitet.“ Grünen-Fraktionschefin Cornelia Lüddemann sagte, die Radikalisierung der rechten Szene entwickele sich stärker, seit sie mit der AfD einen parlamentarischen Arm gefunden habe. Die AfD befeuere Judenhass, richte sich gegen starke Frauen und lehne alles ab, was nicht zu ihrem Weltbild gehöre.