Magdeburg l Viele Ältere ackern nach der Rente unermüdlich weiter. Die Zahl der Ü-65-Arbeitnehmer in Sachsen-Anhalt kletterte zwischen 2017 und 2018 um 4000 auf 21.000. Ein Plus von 24 Prozent. Die Zahl und der Anteil der erwerbstätigen Senioren steigt seit mehreren Jahren. Insgesamt stehen rund vier Prozent der 570.000 Rentner im Berufsleben, teilte das Statistische Landesamt in Halle gestern mit.

Einigen geht es dabei wie Roland König. Der 65-jährige Elektriker könnte schon im Ruhestand sein. Doch er arbeitet weiter – weil ihn sein Chef bekniet hat. Rund 15 Stunden im Monat erstellt er bei Elektro-Keller in Schönebeck (Salzlandkreis) Mess- und Prüfprotokolle, zeichnet Grundrisse. Geschäftsführer Mario Boy kann auf ihn nicht verzichten: „Der Nachwuchs fehlt, wir müssen jeden Strohhalm ergreifen.“ Als älterer qualifizierter Mitarbeiter helfe er da weiter, so Boy.

Immer mehr Beschäftigte über 55

Auf dem Arbeitsmarkt in Sachsen-Anhalt sind die Folgen der demografischen Entwicklung auch schon vor dem Einstieg ins Rentenalter spürbar. Jeder vierte Beschäftigte ist älter als 55 Jahre. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil älterer Arbeitnehmer höher. Die Schere zwischen Jung und Alt werde sich weiter öffnen, prognostiziert Kay Senius, Chef der Arbeitsagenturen in Sachsen-Anhalt. „Die Gruppe wird tragende Säule der Wirtschaft“, so Senius weiter. Hinzu kommt: Der Nachwuchs bleibt aus. Der Anteil der Jüngeren an allen Beschäftigten sank in den vergangenen fünf Jahren.

Insgesamt „alarmierende Zahlen“, sieht Burghard Grupe, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Magdeburg. „Immer mehr Beschäftigte scheiden aus, zu wenige kommen nach“, so Grupe. Dabei könnten aufgrund der zuletzt guten Konjunktur Aufträge schon jetzt nicht abgearbeitet werden. Die Betriebe müssten deshalb daran arbeiten, die gut ausgebildeten Älteren so lange wie möglich zu halten.

Findet auch der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Magdeburg, Klaus Olbricht: „Ältere Arbeitnehmer sind ein unschätzbares Kapital.“ Es sei wichtig, ihnen attraktive Angebote zu machen. Das könnten neben Vergütungen vor allem kürzere und flexible Arbeitszeiten sein.

Professor Dr. Andreas Knabe, Volkswirt an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, rät Arbeitgebern, sich frühzeitig auf die älter werdende Belegschaft einzustellen. Unternehmen müssten bereits die Beschäftigten im mittleren Alter abwechslungsreich beschäftigen und Qualifikationsmöglichkeiten anbieten. Wer Zeit seines Berufslebens eine monotone Tätigkeit ausgeübt habe, werde in fortschreitendem Alter Schwierigkeiten haben, Neues zu lernen. Ältere müssten vor allem in Bereichen eingesetzt werden, in denen sie ihre Erfahrung ausspielen können und dort Teams mit jüngeren Kollegen bilden, so Knabe weiter.