Kulturenwechsel in Sachsen-Anhalt

Im Landesmuseum für Vorgeschichte wird schnell ersichtlich, dass Mitteleuropa bereits in der Frühzeit ein Schmelztiegel der Kulturen war. „Allein in Sachsen-Anhalt haben wir 17 verschiedene Kulturen ausmachen können. Es herrschte ein ständiges Verdrängen. Hier haben wir es schließlich mit einer Kernzone Europas zu tun“, sagt Susanne Friederich. Diese Kulturen lassen sich unterscheiden anhand der archäologischen Funde wie Waffen, Schmuck und Keramik, nach deren Verzierungstechniken sie oft benannt werden.

Die ersten anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) wanderten vor rund 40 000 Jahren aus Afrika und dem Nahen Osten kommend nach Europa ein und trafen hier auf die Neandertaler. Circa 10 000 Jahre lebten die beiden Menschenarten nebeneinander, bis der Neandertaler ausstarb. Aber nicht vollständig, schlummern doch auch heute noch bis zu fünf Prozent Neandertaler-DNA im Genpool der Europäer. Dies hat Svante Pääbo, Mediziner und Biologe am Max-Planck-Institut in Leipzig, herausgefunden und damit belegt, dass es zwischen den beiden Menschenarten mehr als nur kulturellen und wirtschaftlichen Austausch gab.

„Vor etwa 7500 Jahren kamen Menschen aus dem Vorderen Orient, vermutlich aus Anatolien, und brachten den Ackerbau mit sich. Dabei verdrängten sie die hiesigen Menschen nach Norden“, beschreibt Susanne Friederich die nächste größere Einwanderungswelle. Die nördlichste Siedlung dieser sogenannten Linienbandkeramiker wurde erst im August dieses Jahres bei Haldensleben entdeckt (Volksstimme berichtete). Als deren Nachfolgekultur werden die Stichbandkeramiker angesehen, die das Sonnenobservatorium von Goseck hervorbrachten.

Eine dritte große Einwanderungswelle fand im dritten Jahrtausend vor Christus statt. Aus den Steppen nördlich des Schwarzen Meeres kamen die Schnurkeramiker als Nomaden nach Europa und wurden hier sesshaft. Dies wird auch durch genetische Befunde unterfüttert. So stellte eine internationale Forschergruppe von Populationsgenetikern fest, dass die Gene der sachsen-anhaltischen Schnurkeramiker zu 75 Prozent mit denen der südrussischen Jamnaja-Kultur übereinstimmen.

Eine Vielzahl von Sprachwissenschaftlern vertritt die These, dass es sich bei ihnen zugleich um die Indogermanen handelte, aus deren Sprache schließlich all die indogermanischen Einzelsprachen entstanden, die zunächst von Europa bis Indien und aufgrund der Kolonialzeit inzwischen weltweit gesprochen werden. Deren Einwanderung verlief zum Teil gewalttätig. „Die Indogermanen waren die Ersten, die mit Reflexbögen von Pferden geschossen haben“, benennt Harald Meller einen Grund für das erfolgreiche militärische Vordringen dieser Gruppen ins Herz Europas und darüber hinaus. Dies stellte eine der letzten großen Einwanderungswellen dar. „Ab circa 2000 vor unserer Zeitrechnung findet sich dann in etwa der Genpool wieder, der noch heute in Europa vorherrschend ist“, sagt Susanne Friederich.

Aus den Schnurkeramikern gingen schließlich die Aunjetitzer Kultur und mit ihr die Hersteller der Himmelsscheibe von Nebra hervor. Deren Angehörige könnten nach Meinung des Sprachwissenschaftlers Wolfram Euler bereits eine Form des Prägermanischen gesprochen haben, aus der sich später Deutsch, Englisch, Niederländisch und weitere Sprachen entwickelten.

Halle l Elefanten und Nashörner ziehen durch die Steppenlandschaft. Die Menschen machen mit Speeren bewaffnet Jagd auf die Großtierarten, während sie zugleich in ständiger Angst vor Löwen und Hyänen leben. Doch das Szenario spielt sich nicht etwa in Afrika ab, sondern in Sachsen-Anhalt – und zwar vor rund 200.000 Jahren.

Nachgebildet wird das urzeitliche Europa im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Alfred Reichenberger, stellvertretender Landesarchäologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, führt durch die Räume. Er zeigt stolz auf einen zunächst unscheinbaren Steinschaber, der in Neumark-Nord gefunden wurde. „Hier haben wir den ältesten bekannten Nachweis für Gerbarbeiten“, sagt er. „Die Menschen haben sich also nicht einfach die Felle erlegter Tiere übergezogen, sondern diese vorher bearbeitet.“

Für die Archäologen ist jedes Exponat etwas Besonderes. Jedes einzelne der rund 16,5 Millionen Fundstücke trägt dazu bei, auf den Pfaden einer beeindruckenden Vergangenheit zu wandeln und die Geschichte Sachsen-Anhalts und Europas besser zu verstehen. Da die frühgeschichtlichen Kulturen keine Schrift kannten, sind Erkenntnisse aus dieser Zeit auch nur über die Funde und deren Interpretation möglich.

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Waldelefant von Gröbern

Die erwähnte Furcht der frühen Menschen vor den Wildtieren wird in einem weiteren Raum greifbar. Dort scheint ein Waldelefant die Wand zu durchbrechen. Bei diesem handelt es sich jedoch lediglich um ein lebensgroßes Modell, rekonstruiert aus den Knochen, die auf einer blauen Tafel schimmern.

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Sie wurden 1987 bei Arbeiten im Braunkohletagebau Gröbern bei Bitterfeld entdeckt. Der Waldelefant von Gröbern ist circa 125.000 Jahre alt. „Bei ihm haben wir Geräte gefunden, mit denen man nachweisen kann, dass das Tier tatsächlich von Neandertalern zerlegt worden ist. Das ist der älteste Nachweis dieser Art“, sagt Reichenberger.

Einer der möglichen Täter und zugleich ersten Sachsen-Anhalter sitzt nur einen Raum entfernt in Denkerpose verharrend. Sinniert der Neandertaler über die Elefantenjagd oder womöglich über die seltsamen neuen Eindringlinge im Land – den Homo sapiens?

Schamanin von Bad Dürrenberg

An Skeletten mangelt es im Landesmuseum für Vorgeschichte zwar nicht, besonders ins Auge sticht jedoch eines, vor allem aufgrund seiner kuriosen Beigaben: Schildkrötenpanzer, Muscheln, ein Rehgehörn und Eberzähne. Noch seltsamer ist, dass ein Baby mitbestattet wurde.

Während der Grund dafür noch nicht geklärt werden konnte, deutet die weitere Ausstattung laut Alfred Reichenberger darauf hin, dass es sich um eine Schamanin handelte. Die Frau lebte circa 7000 vor Christus und ist die erste nachgewiesene Künstlerin der Welt, denn bei ihr wurden außerdem ein Rötelstein und ein gespaltener Knochen gefunden. „Das ist nach unserem Kenntnisstand der älteste Malstift der Welt“, sagt Alfred Reichenberger.

Doch die Ära der Jäger und Sammler neigte sich schließlich dem Ende entgegen. Neue Einwanderer brachten Ackerbau und Viehzucht sowie weitere technische und kulturelle Errungenschaften nach Europa.

Sonnenobservatorium von Goseck

Ein Fundstück, welches diese Veränderung repräsentiert, ist nicht im Landesmuseum zu sehen, wurde jedoch vor Ort rekonstruiert: das Sonnenobservatorium von Goseck. Ein Zauber liegt in der Luft, wenn zur Winter- und Sommersonnenwende die Sonne in den Aussparungen der Palisade aufgeht und den Innenraum der Anlage in glänzendes Licht taucht. Dieses Gefühl muss sich für die Menschen vor 6800 Jahren ebenso erhaben wie heute angefühlt haben.

Denn zu jener Zeit wurde die Kreisgrabenanlage errichtet und diente mehr als nur spirituellen Zwecken. Ihre Benutzer waren Ackerbauern und das Sonnenobservatorium ermöglichte ihnen, den scheinbaren Weg der Sonne im Jahresverlauf zu verfolgen. Indem sich der jeweils kürzeste und längste Tag des Jahres bestimmen ließen, konnten sie den optimalen Zeitpunkt für Aussaat und Ernte ermitteln.

Die Kreisgrabenanlage von Goseck ist somit der älteste feste Kalender, der bisher entdeckt wurde. 2000 Jahre älter noch, als das wohl bekannteste Sonnenobservatorium der Welt – Stonehenge in England. Da es im Gegensatz zu diesem aus Holzpfählen und nicht aus Steinen errichtet wurde und diese längst vermodert sind, konnte das einstige Bauwerk nur dank einer Luftbildaufnahme identifiziert und mit Hilfe von Mitarbeitern des Landesamtes wieder aufgebaut werden.

Familiengräber von Eulau

Ein weiteres Exponat verdeutlicht, dass die Frühzeit bei weitem keine friedliche Epoche war. Schreckliches muss sich vor 4500 Jahren in der Nähe von Eulau zugetragen haben. 13 Menschen – zwei Männer, drei Frauen und acht Kinder – verloren dort auf grausame Weise ihr Leben. Inzwischen hängen deren Skelette als Blockbergung im Landesmuseum für Vorgeschichte. „Die Dorfbewohner wurden bei einem Überfall offensichtlich erschlagen, einige auch mit Pfeilen erschossen“, sagt Alfred Reichenberger und deutet auf ein Loch in einem Schädel, welches auf Gewalteinwirkung hinweist.

Die Familiengräber von Eulau zeugen jedoch nicht nur von einem frühen Massenmord, sondern sind auch insofern bedeutsam, als dass unter den Opfern „zum ersten Mal auf genetischem Wege eine Kleinfamilie nachgewiesen werden konnte“, wie Alfred Reichenberger sagt. Vater, Mutter und ihre beiden Kinder wurden jedoch behutsam und eng beieinander beigesetzt, was darauf hindeutet, dass die Überfallopfer von Mitgliedern ihrer eigenen Gemeinschaft aufgefunden und beerdigt wurden.

Himmelsscheibe von Nebra

In einem dunklen, nur von einem künstlichen Firmament leicht erhellten Raum thront das Prunkstück der Dauerausstellung — die Himmelsscheibe von Nebra. Sie ist rund 4000 Jahre alt. „Auf ihr sind zum ersten Mal konkrete astronomische Dinge dargestellt. Sie zeigt eine komplizierte Schaltregel und symbolisiert somit einen frühen Kalender“, erklärt Al-fred Reichenberger.

Harald Meller, Landesarchäologe und Direktor des Landesamtes, spekuliert in seinem Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ sogar darüber, ob es womöglich einen jungen Fürsten aus Mitteldeutschland nach Babylonien verschlagen hat, von wo er dieses astronomische Wissen mitgebracht haben könnte. Dass die Besitzer der Himmelsscheibe über eine große Macht verfügt haben müssen, machen auch die Beigaben wie Schwerter und Bronzearmreife deutlich, mit denen das Objekt vor 3600 Jahren auf dem Mittelberg bei Nebra begraben wurde.

Die Himmelsscheibe stellt zugleich den bisherigen Höhepunkt frühzeitlicher Funde in Sachsen-Anhalt dar. Dass sich viele dieser Erfindungen und Entwicklungen hier finden lassen, ist für Susanne Friederich, nicht verwunderlich. Dies beruht in erster Linie auf geografischen und ökonomischen Faktoren: „Wir haben hier die reichste Kulturlandschaft nördlich der Alpen“, sagt die Abteilungsleiterin für Bodendenkmalpflege. Fruchtbare Böden, relativ mildes Klima sowie Salzvorkommen – für die Menschen der Frühzeit war das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts wahrlich ein Paradies.

Das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle hat Dienstag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr und Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Am 31. Dezember bleibt es geschlossen.