Magdeburg l Esther Bejarano hat einen vollen Terminkalender. Dieser Tage besonders. Journalisten fragen nach Interviews an. Bejarano hat das KZ Auschwitz überlebt, auch Ravensbrück. Auf einem der Todesmärsche konnte sie vor den Nazis fliehen. Heute lebt sie in Hamburg. Sie ist 95.

Trotz des Alters wird Bejarano nicht müde, als eine der letzten Zeitzeugen des Holocaust von den Schrecknissen zu erzählen, zu lesen, mit der Kölner Rapgruppe „Microphone Mafia“ Konzerte zu geben. Am Montag sollte sie in Magdeburg im Oli-Kino auftreten. Mit den Rappern. Sie war erkrankt, musste kurzfristig absagen. Der Sohn sprang ein und machte seine Mutter dann doch anwesend. Das Haus war rappelvoll. Wie so oft, wenn sie angekündigt ist.

Sie stehe immer noch auf der Bühne, gehe immer noch an Schulen, sagt sie wenig später am Telefon. Seit etlichen Jahren schon singt und spricht sie gegen Krieg und gegen Waffen, gegen Rassismus und Antisemitismus. Sie ist Antifaschistin. Zeitlebens engagiert sie sich. Als Friedensaktivistin ist sie vielfach ausgezeichnet worden, auch mit dem Großen Bundesverdienstkreuz. Auf die Frage, warum sie sich mit 95 immer noch aufmacht, kommt ganz spontan: „Weil wir so eine schreckliche Zeit haben.“

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Sie hat im Moment viele Anrufe, meint sie und schließt gleich an, dass sie die vielen Nachfragen nicht verstehen kann. Warum jetzt zum 75. Jahrestag? „Man muss jedes Jahr daran denken. Immer“, sagt sie zur Volksstimme.

Bejarano, 1924 in Saarlouis geboren, der Vater war ein jüdischer Kantor, war ein junges Mädchen, als sie in einen Viehwaggon gesteckt und ins Unbekannte geschickt wurde. In ihrem Buch „Erinnerungen“ schreibt sie über die überfüllten Waggons mit den vergitterten kleinen Fenstern, die schrecklichen Zustände, die ersten Sterbenden. Und wie am 20. April 1943 die Türen der Waggons aufgingen und keiner wusste, wo sie waren. Es war Auschwitz. Sie schildert die Ankunft, die Lastautos, die da warteten auf die Schwangeren und die Alten, Kranken, Gebrechlichen. Viele stiegen auf die Wagen. Damals, so schreibt Bejarano, wusste noch niemand, dass die Menschen direkt zu den Gaskammern gefahren wurden. Bejarano kam ins Lager. Sie war ab sofort Nummer 41948.

Sie gab vor, Akkordeon spielen zu können. Die Notlüge war die Eintrittskarte ins Mädchenorchester. Sie wurde zum Lebensretter. Eltern und Schwester wurden umgebracht. Erst viel später wird sie davon erfahren.

„Glück ist, dass ich überlebt habe und dass ich überhaupt so viel Glück hatte, überleben zu können“, hat Esther Bejarano aufgeschrieben, als sie von der Magdeburger Fotografin Elisabeth Heinemann nach dem Glück im Leben gefragt wurde. Im März 2018 war Heinemann für ihre Langzeit-Porträtserie „außer gewöhnlich“ zu Bejarano nach Hamburg gefahren. Heinemann wollte schon länger die engagierte Dame porträtieren. Es wurde viel gesprochen über die Geschichte und übers Heute. Bejarano, so sagt sie, gestikuliert beim Reden. „Sie erzählt sehr lebendig“, erinnert sich die 61-Jährige Fotografin gut an die Begegnung. Eingebrannt habe sich das Gesagte bei ihr. „Esther Bejarano hat einen unglaublichen Lebensmut. Alle Kraft, die ihr geblieben ist, setzt sie ein, damit die Geschichte nicht vergessen wird“, sagt die Magdeburger Fotografin. Sie legt auch jedem der von ihr Porträtierten drei Fragen vor. Die nach dem Glück gehört dazu. Und jene, wovon man träumt. Die Antwort der betagten Auschwitz-Überlebenden: „Ich träume davon, dass die Zukunft so sein wird, wie wir sie haben wollen – ohne Rechtsradikalismus. Darum stehe ich noch heute auf der Bühne. Ich habe mal gesagt, dass ich so lange singen werde, bis es keine Nazis mehr gibt.“

Und so plant sie als Kämpferin gegen das Vergessen und gegen ein Erstarken der Rechten weitere Auftritte. Am 31. Januar will sie in Hamburg aus ihren Erinnerungen lesen und mit „Microphone Mafia“ auf deutsch, jiddisch, türkisch singen.