Magdeburg l Es ist gegen 22.30 Uhr, als die Lage nach den Aufstiegsfeiern des FCM nach einem Spiel gegen den SC Fortuna Köln an jenem 21. April 2018 am Hasselbachplatz in Magdeburg eskaliert. Etwa 150 Personen sind an diesem Abend von rund 2000 Feiernden übrig geblieben. Sie greifen plötzlich und massiv die Polizei an – werfen Steine, Flaschen, Straßenschilder und Pyrotechnik. Videokameras und Anlagen der Magdeburger Verkehrsbetriebe werden beschädigt. Einige der insgesamt an diesem Abend geworfenen 413 Flaschen landen als Geschosse auch in einem Freiluftrestaurant. 32 Polizisten werden mit Frakturen, Prellungen und Schürfwunden zum Teil schwer verletzt. Es entsteht ein Schaden von rund 40 000 Euro.

Knapp 10.000 Arbeitsstunden der Ermittlungsgruppe „Aufstieg“ später steht seit gestern fest: Insgesamt konnten 80 Beschuldigte ermittelt werden, darunter zwei Frauen. Unter den 16 bis 53 Jahre alten Beteiligten identifizierten die Ermittler 35 Personen der organisierten Fanszene des 1. FC Magdeburg.

Der Leiter des Polizeirevieres Magdeburg, Marco Weigelt, gab gestern die Auflösung der gesonderten Ermittlungsgruppe „Aufstieg“ bekannt. Die Akten sollen nächste Woche der Staatsanwaltschaft übergeben werden.

Bilder

Bis zu zehn Jahre Haft

Zentraler Punkt der Ermittlungen ist der „schwere Landfriedensbruch“. Innerhalb von neun Minuten hatte sich damals eine größere Gruppe Angreifer mit dem Ziel der Ausschreitungen zusammengerottet. Auf 80 Stunden Videomaterial mit 500 Gigabyte Datenmenge konnten allein für diese kurze Zeit 278 Würfe durch 81 Personen festgestellt werden. Die dazu ermittelten 51 Verdächtigen aus dieser konkreten Situation müssen nun mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren rechnen.

Die anderen Verdächtigen sind laut Staatsanwalt Armin Gebauer zum großen Teil bereits wegen einzelner Angriffe gegen Vollzugsbeamte verurteilt worden. Die Polizei hat 85 Verfahren gegen 43 Beschuldigte aus dem Umfeld des Abends meist nach Flaschenwürfen bereits an die Staatsanwaltschaft übermittelt. Gebauer: „Neben Geldstrafen gab es hier auch Haftstrafen.“ In einem der 18 Fälle sei ein Flaschenwerfer zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. „Das ganz dicke Verfahren wegen Landfriedensbruchs kommt jetzt aber noch“, sagt Gebauer. Wann mit einer Anklage zu rechnen ist, konnte er noch nicht sagen.

Die Aufklärung der Krawalle war vor allem wegen der zahlreichen Videos der Polizei, der Kameraüberwachung am Hasselbachplatz und der zahlreichen Aufnahmen von Handyfilmern möglich.

80 Stunden Videomaterial

Die Videos stammten von 13 Kameras der Polizei, den stationären Geräten zur Überwachung des mitten in der Stadt gelegenen Kneipenviertels und zahlreichen privaten Aufnahmen. Hinzu kamen 142 Dateien mit 1,4 Gigabyte Datenvolumen, die Zeugen nach den Krawallen auf eine Plattform des Bundeskriminalamtes (BKA) hochladen konnten.

Am Ende saß Kriminalkommissar Torsten Oelke-Nachtigall mit seinen Kollegen vor den rund 80 Stunden Videomaterial. Sein Problem: Jede Sequenz musste einzeln angesehen, verglichen und die Taten den Personen eindeutig zugeordnet werden. Eine Software, wie aus einschlägigen Kriminalfilmen bekannt, hatten die Ermittler nicht. Der Auswerter sagt: „Wir mussten uns alles immer wieder von vorne ansehen und die Personen mit der Kleidung und eindeutigen Merkmalen zuordnen und oft auf den Filmen ganz am Anfang des Abends nach den Verdächtigen suchen. Da war es noch hell und die Aufnahmen der Gesichter besser.“ So mussten die Ermittler ständig zwischen den Bildsequenzen hin und her springen, Spurenakten anlegen, die Bilder speichern und die Straftaten entsprechend zuordnen.

Ermittlungsgruppenleiterin Anja Liebe: „Das war ein bisschen wie der Kreuzworträtselfall.“ Nur eben auf moderner digitaler Ebene. Der von ihr benannte Fall war einer der bekanntesten in der Kriminalgeschichte der DDR. Die Polizei hatte damals mehr als eine halbe Million Schriftproben analysiert, um dem Löser eines Kreuzworträtsels auf die Spur zu kommen. Dies führte dann zum Täter.

Die digitale Variante für die Ermittler in Magdeburg bedeutete Tausende Stunden Bildschirmarbeit. Die akribische Arbeit zahlte sich aber offensichtlich aus. Sieben Mal veröffentlichte die Polizei Bilder von Verdächtigen. Die letzte Fahndung war im März dieses Jahres. Insgesamt hat die Polizei Bilder von 62 Personen im Zusammenhang mit dem Abend veröffentlicht, 42 davon aus dem eigentlichen schweren Landfriedensbruch. 35 Verdächtige konnten so identifiziert werden.