Dresden l 14.30 Uhr, ein flacher Bau im Dresdner Norden, gegenüber eine Autolackiererei, Industrie-Charme. Die Mittagspause von Christian Friedel war kurz, das Mittagessen liegt etwas schwer im Magen. Auf der Probebühne des Staaatsschauspiels Dresden wirkt der 40-Jährige dennoch ziemlich gelassen – obwohl schon den ganzen Vormittag geprobt wurde. Bis in die frühen Abendstunden wird es noch gehen. Die Zeit rennt. Am 21. März ist Premiere von Macbeth. Die Vorstellungen sind bereits restlos ausverkauft.

Das Besondere: Friedel muss als Regisseur nicht nur mehr als 30 Personen auf der Bühne anleiten, er spielt außerdem die Hauptrolle des Macbeth. Und mit seiner Band Woods of Birnam hat er die Songs für die Inszenierung komponiert. Eine neue Erfahrung für den Magdeburger mit dem braunen Lockenkopf. Aber auch die Art von Herausforderung, nach der er sucht. „So schnell mache ich das nicht noch einmal“, scherzt er trotzdem. Dabei lächelt er spitzbübisch. Seine Augen lächeln mit. Friedel brennt für seine Arbeit, das spürt man.

Auf mehreren Hochzeiten tanzen – das kennt er ganz gut. „Schon in Magdeburg hatte ich früh die Hybris, dass ich alles kann“, sagt Friedel und lacht. Als Hauptdarsteller, Regisseur und Komponist brachte er – kurz nach dem Abi 1998 – den König Ödipus im Campus-Theater in Magdeburg auf die Bühne. Ganz so neu ist die Dreifachbelastung also nicht.

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Lehrjahre in der Heimatstadt

Am 9. März 1979 wird Christian Friedel in Magdeburg geboren, er wächst in Olvenstedt auf. Schon als Kind tritt er als Statist auf, seine ersten Bühnenerfahrungen macht er noch vor seinen zehnten Geburtstag am Maxim-Gorki-Theater.

Für nur eine künstlerische Disziplin mag er sich schon damals nicht entscheiden. „Ich habe mich in alles hineingestürzt – Schauspiel, Operette, Oper, Gesang“, erinnert er sich. Immer Vollgas, so viel wie möglich mitnehmen. „Ich habe die Theaterzeit in Magdeburg aufgesogen“, sagt er. Theater der Landeshauptstadt, Kammerspiele, eine freie Theatergruppe. „Ich wollte überall dabei sein“, erinnert sich Friedel. Mit 22 geht er aus Magdeburg weg, schafft die Aufnahmeprüfung an der Otto-Falckenberg-Schule in München.

Beim Vorsprechen trifft er Volker Bruch, alias Kommissar Gereon Rath aus Babylon Berlin. Bruch wird im Gegensatz zu Christian Friedel abgelehnt, landet später am nicht minder renommierten Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Bei den Dreharbeiten für die erste Staffel von Babylon Berlin treffen sich Friedel und Bruch wieder – und sind heute nicht nur in der Serie befreundet.

Nach dem Studium wird Friedel am Residenztheater in München engagiert. Anschließend wird er Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover, ab 2009 ist er am Staatsschauspiel Dresden. Über hundert Mal gibt er dort einen verstörenden Dänenprinz Hamlet. Inzwischen ist er nicht mehr fest im Ensemble, weil er mehr Zeit für die Musik aufwenden möchte. In Dresden wohnt er nun seit zehn Jahren. Und fühlt sich wohl.

Ein Magdeburger Kind werde er dennoch immer bleiben, sagt er. Mehrfach im Jahr besucht er seine Schwester, die nach wie vor in Magdeburg lebt und arbeitet. Seine Eltern hat Friedel früh verloren. Den Vater 2002, die Mutter starb 2013. Ein schwerer Schlag für den Familienmenschen Christian Friedel. Kann Trauer auch Ansporn sein? Ja, sagt er. Künstlerisch hat er den Tod seiner Mutter auf dem dritten Woods-of-Birnam-Album „Grace“ verarbeitet. 80s-Synthesizer treffen darauf Indie-Pop. Seine Mutter, die habe sehr gerne getanzt, sagt Friedel. Mit ihr Musik zu verbinden, das sei schöner und tröstlicher, als nur zu trauern, findet er.

Figuren, die wie aus der Zeit gefallen wirken

Ein besonderes Energiezentrum in Magdeburg ist für ihn bis heute das Oli-Kino. Hier hat er als kleiner Steppke die ersten Streifen gesehen. Etwa den Defa-Film „Das Schulgespenst“. In der Eisdiele nebenan gab es im Anschluss immer ein Eis. Im vergangenen Jahr wollte Friedel eigentlich seinen 40. Geburtstag im Oli feiern. Die Gäste hätten praktischerweise mit der Straßenbahn anreisen können. Die Haltestelle liegt quasi vor der Tür des Traditionshauses.

Dass es am Ende doch nichts mit der großen Sause wurde, lag daran, dass die Organisation doch etwas zu kompliziert wurde. Egal, wurde halt im kleinen Kreis in Berlin gefeiert. 40 – das ist ohnehin nur eine Zahl. In den Augen der meisten geht Friedel auch locker für Anfang 30 durch. Ihn soll es nicht stören. Bei der Arbeit interessieren ihn inzwischen ohnehin die etwas reiferen Rollen. Die komplexen Figuren reizen ihn im Film wie auch auf der Bühne. Er liebt brüchige Charaktere, Anti-Helden, Menschen, die nicht in ihre Zeit zu passen scheinen.

Am meisten habe ihm die Rolle des Hitler-Attentäters Elser im gleichnamigen Oliver-Hirschbiegel-Film von 2015 abverlangt. Die Schmerzen bei Verhören oder im Knast. „Das muss man sich erst mal erspielen“, sagt Friedel. Ein Vorbild und Mentor war für ihn der österreichische Regisseur Michael Haneke. Friedel verkörpert im vielfach prämierten Film „Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ den Dorfschullehrer.

Die Figur kam ihm sehr nah, sagt er. Der Film zeigt das Schweigen der Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Gesellschaft, die sich latent radikalisiert. Ein beklemmender Film, in dem Friedel als Lehrer mit humanistischer Gesinnung das Geschehen rational einzuordnen versucht.

Ein Etikett, das ihm durch Zufall aufgedrückt wurde, hält sich bis heute. Christian Friedel, der Charakterdarsteller mit historischem Gesicht. Die Geschichte dahinter: In Dresden erkennt ihn in einem Café eine Frau: Sie haben ein „volkseigenes“ Gesicht, sagt sie. Und fragt, warum er immer in historischen Filmen mitspiele? „Wahrscheinlich, weil ich ein historisches Gesicht habe“, erwidert Friedel. Der Satz ist irgendwie geblieben.

„Die Rollen kommen wie sie kommen“, sagt Friedel. Nicht immer geht es zurück in die Vergangenheit. Beispiel: Die TV-Serie Parfüm von 2018. Frei nach dem Weltbestseller von Patrick Süskind ist sie im Heute angesiedelt. Nicht überraschend: Friedel spielt einen Außenseiter. Das Historische liegt ihm dennoch. Den Fassonhaarschnitt der 20er Jahre trägt Friedel auch in diesen Tagen wieder mit Würde. Nicht für Babylon Berlin, sondern für seine Rolle in der Macbeth-Inszenierung. Soll etwas martialisch wirken, sagt Friedel und grinst.

In Babylon Berlin – kürzlich ist die dritte Staffel bei Sky gestartet – gibt er weiter den akribisch arbeitenden und nach außen äußerst seriösen Polizeifotografen Gräf. Im turbulenten Berliner Nachtleben der rauschenden 20er Jahre offenbart er nach und nach sein Doppelleben. Seine Neigung für extravagante Frauen-Kostüme und die dazugehörige Szene im damaligen Sündenpfuhl Berlin.

In der dritten Staffel der Serie geben die Regisseure Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten dem Polizeifotografen etwas mehr Raum zur Entfaltung. „Gräf zeigt immer neue Facetten, das ist spannend“, sagt Friedel. Im opulenten Kostüm tritt er etwa bei einer rauschenden Geburtstagsparty auf. Untermalt von einem Song von Woods of Birnam. Doch das Leben in der Weimarer Republik wird auch für Gräf von Staffel zu Staffel restriktiver. Die Dreharbeiten zu Staffel vier sollen voraussichtlich im kommenden Jahr starten.