Magdeburg l Ulrich Keitels Hoffnungen sind getrübt. Wie das Wetter an diesem regnerischen Nachmittag, an dem er wehmütig über das verlassene Liestener Freibad blickt. „Wir Liestener waren oft hier“, erinnert sich der Ortsbürgermeister des kleinen Altmark-Dorfes. „Das war unser Treffpunkt, der Mittelpunkt des Dorfes.“

Aus den umliegenden Orten, auch aus dem nahen Salzwedel, seien die Badegäste damals gekommen. Und dann gab es diesen Unfall, eine Schnittverletzung an einer Fliesenkante, berichtet Keitel. Dann war Schluss. „Gesundheitliche Gefahren“ hieß es damals, im Sommer 2017. Und die Liestener begannen zu kämpfen. Bis heute. Passiert ist trotzdem nichts. Das Waldbad verfällt weiter, bleibt geschlossen. Und die Resignation wächst mit dem Unkraut zwischen den Schwimmbad-Fliesen.

Noch gibt es 110 Freibäder

So wie in Liesten gibt es viele Bäder im Land, die verfallen. Seit der Jahrtausendwende mussten laut Landesregierung 31 Freibäder und fünf Schwimmhallen dichtmachen. So geht es aus einer Antwort auf eine Anfrage der Linken im Landtag hervor. Zum 1. August vergangenen Jahres gab es demnach noch 110 Freibäder und 22 Schwimmhallen im Land. Nicht wenige sind marode. Die Landesregierung beziffert den Sanierungsstau für Freibäder auf etwa 36,5 Millionen Euro.

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„Ziemlich schlecht“ sei die aktuelle Situation der Bäder im Land, betont Kristin Heiß, Abgeordnete der Linken im Landtag. Ihre Fraktion bemisst den Investitionsbedarf mit etwa 40 Millionen Euro. Etwas mehr als die Landesregierung, weil Baukostensteigerungen und mögliche Verzögerungen enthalten seien, erläutert Heiß. Um Kommunen besser in die Lage zu versetzen, in ihre Schwimmbäder zu investieren, hat ihre Fraktion einen Schwimmbadfonds vorgeschlagen. Jeweils fünf Millionen Euro in den Jahren 2020 und 2021, so hatten sich die Linken das vorgestellt, um in „besonders schlimmen Fällen“ mit Landesmitteln zu helfen, berichtet Heiß.

Doch im Landtag fand der Antrag keine Mehrheit, wohl aber der grundsätzliche Vorschlag eines Schwimmbadfonds. „Das ist eine richtig gute Idee“, sagt Holger Hövelmann von der SPD-Landtagsfraktion, der auch Präsident des DLRG-Landesverbands ist. Allerdings solle es nicht nach dem „Windhundprinzip“ gehen, sagt er. Es müsse vorerst geklärt werden, welchen Investitionsbedarf die Bäder in den einzelnen Kommunen hätten. Bis Ende dieses Jahres soll eine Auflistung darüber vorliegen, so das Ziel der Regierungskoalition.

Bäder sind freiwillige kommunale Aufgabe

Oschersleben, Börde. Seit einem halben Jahrhundert befindet sich an der Breitscheidstraße ein Freibad. Damals, zur Eröffnung im August 1969, war es nicht nur in der Region eines der größten Freibäder. Heute ist der Sanierungsbedarf kaum zu übersehen. Vereinzelt drückt sich auf dem Gelände Wasser durch den Boden nach oben, rostige Stellen beflecken Geländer, der Beckenboden ist teilweise ein Flickenteppich. Mit 3,5 Millionen Euro gibt Oscherslebens Bürgermeister Benjamin Kanngießer (parteilos) den Investitionsbedarf des Freibads an.

Geld, das die Kommune nicht dafür übrig hat. Für einen mehr als doppelt so hohen Betrag baut die Stadt aber eine neue Schwimmhalle. Sie soll die alte Halle ablösen, im kommenden Frühjahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Kanngießer berichtet, die Stadt habe sich mit dem Neubaubeschluss gleichsam verpflichtet, auch das Freibad mindestens zehn Jahre zu erhalten. Eine finanzielle Bürde für die Stadt.

Bäder kosten Geld. Das ist nicht nur in Oschersleben so. Bleibt das kommunale Bad dauerhaft marode, ist das nicht selten ein Verweis auf eine klamme Kommune. Denn Schwimmbäder zählen zu den freiwilligen Aufgaben im kommunalen Haushalt. Das betont auch Jürgen Leindecker, Landesgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebunds. Vielerorts im Land sei die Finanzlage nach wie vor fragil, sagt er. Zudem seien die Kommunen in den vergangenen Jahren geradezu „gescholten worden, wenn es mehr als ein Schwimmbad in der Gemeinde gibt“, berichtet Leindecker.

Personalmangel ist vielerorts ein Problem

Was kostet ein Freibad die Kommune? Das Beispiel Oschersleben: Im Jahr 2016 musste die Stadt nach eigenen Angaben rund 284.000 Euro für das Bad aufwenden, knapp ein Viertel davon entfiel auf Sanierungsarbeiten. Eingenommen hat die Stadt mit dem Freibad in jenem Jahr 31.000 Euro. Unterm Strich macht das ein Minus von rund einer viertel Millionen Euro. Kostenfrei wäre der Freibadbetrieb 2016 für die Stadt Oschersleben gewesen, wenn jeder Badegast 19,26 Euro für seinen Besuch bezahlt hätte. Aktuell zahlen Erwachsene drei Euro.

Allerdings ist es der Stadt Oschersleben in den vergangenen zwei Jahren gelungen, die Kosten für das Freibad deutlich nach unten zu drücken. Nicht nur wegen des Rekordsommers betrug das Freibad-Minus 2018 nur noch rund 80.000 Euro. Die Fläche des Bades wurde verkleinert, der Haupteingang geschlossen. Besucher kommen nun über den Kiosk ins Bad, der Kioskbetreiber kassiert den Eintritt. So würden im Sommer zwei Stellen für die Kassierer gespart, erläutert Kanngießer.

„Viele Schwimmbäder im Land sind sehr kreativ bei der Finanzierung“, sagt Linkenpolitikerin Heiß. Auch sei Personalmangel oft ein Problem. Vielerorts könne der Betrieb nur noch durch Fördervereine aufrecht erhalten werden.

Brief an Innenminister Horst Seehofer

Seehausen, Altmark. Seit sieben Jahren hat das Waldbad im Ort einen Förderverein. Vorsitzender ist Walter Fiedler. Er sagt, seit Gründung habe der Förderverein etwa 100.000 Euro in das historische Waldbad investiert. Allein im vergangenen Jahr habe der Verein 50.000 Euro an Spenden eingeworben. Das ist in etwa so viel, wie die Kommune laut Bürgermeister Detlef Neumann jährlich für das Waldbad als Zuschuss an den Betreiber zahlt.

Betrachtet man den Investitionsbedarf für das Bad, ist es ein kleiner Betrag. Ein Gutachten habe ergeben, dass rund zwei Millionen Euro nötig seien, um das Waldbad zu sanieren, sagt Fiedler. Mehrfach hätten sie versucht, dafür Geld aus Fördertopfen zu bekommen, zuletzt beim Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen“. Doch wieder wurde es nichts. In einem Brief an Innenminister Horst Seehofer (CSU) drückte Fiedler seine Enttäuschung darüber aus – verbunden mit der Bitte, andere Möglichkeiten für die Freibadsanierung zu finden. Fiedler betont: „Wir wollen kein Schickimicki-Bad, sondern unser historisches Bad erhalten.“ Er wartet seit Monaten auf eine Antwort.

Auch in Liesten wollen sie weiter warten. „Es liegt derzeit nicht in unseren Händen“, sagt Keitel. Der Ortsbürgermeister geht nicht davon aus, dass in naher Zukunft jemand im Waldbad Schwimmen lernen kann, wie er es einst konnte. Und der Förderverein? Der kümmere sich nun vorerst auch um andere Projekte im Dorf, etwa neue Fußwege, berichtet Ortschef Ulrich Keitel. „Wir müssen einfach realistisch bleiben.“