Axien (dpa) l „Aber jetzt muss ich wirklich gehen“, sagt der Mann mit einem verschmitzten Lächeln und trägt eine schwere Kiste Bücher durch die große Kirchentür. „Sonst finde ich kein Ende.“ Der Mittfünfziger freut sich sichtlich über die aus etwa 20 Bänden bestehende Enzyklopädie, die er soeben in der Bücherkirche Axien im Süden Sachsen-Anhalts gefunden hat.

Im Hinausgehen sind noch schnell zwei Romane aus einem Bücherregal im Eingangsbereich in seiner Kiste gelandet, dann verlässt der begeisterte Lesefreund das kleine Gotteshaus. Bezahlt hat er für seinen „Einkauf“ nichts, dafür aber ein paar Euro gespendet. 

Seit mehr als fünfeinhalb Jahren ist die rund 850 Jahre alte Dorfkirche im Landkreis Wittenberg ein Ort der Predigt und der Literatur. Eine landes- und wohl auch deutschlandweit einmalige überdimensionale Bücherzelle, in der Menschen das ganze Jahr über rund um die Uhr stöbern können. Der Grundgedanke: Ein Buch für ein Buch.

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Offene Tür – von Gott beschützt

Was im Frühjahr 2014 mit einer kleinen Stiege voller Bücher begann, wuchs im ersten Jahr auf rund 500 Exemplare an und dürfte nun bereits die 10 000er-Marke erreicht haben. „Wir können das nur schätzen. Wir wissen nicht, was reinkommt und rausgeht“, sagt Annette Schmidt. Die Germanistin aus der Lutherstadt Wittenberg betreut an zwei Tagen in der Woche das Projekt und hat seitdem ein bisschen Struktur in den kirchlichen Bücherschrank gebracht. „Die Bücherkirche ist eine große Tauschbörse für Literatur aller Genres“, sagt Schmidt. „Bücher können gebracht und mitgenommen werden“, so die 36-Jährige. Das eine bedingt aber nicht das andere. „Manche bringen kistenweise Bücher, andere nehmen sich nur ein Exemplar mit. Oder eben umgekehrt.“ Niemand muss sich irgendwo melden und es gibt auch keine Beschränkungen. Die Tür der weithin sichtbaren Dorfkirche steht 24 Stunden offen. Diebstahl und Vandalismus gab es bisher nicht. „Wir sind wohl von Gott beschützt“, sagt die Projektmanagerin mit einem Lächeln.  

Bücher gibt es im hinteren Teil der Kirche, rund um die nicht mehr funktionstüchtige Orgel auf der Empore und in der Sakristei. Schmidt hat seit ihrer Ankunft in Axien Ordnung in die Bücherwelt gebracht. Der örtliche Tischler hat Regale gefertigt, die sich hervorragend ins Kircheninterieur einfügen. Ein großer Tisch mit Stühlen lädt zum Verweilen ein.

Zum Kulturort geworden

Gerade stellt auch eine regionale Künstlerin in der Axiener Bücherkirche aus. „Wir sind zu einem lebendigen Kulturort geworden“, sagt Schmidt, die auch Lesungen und Kinoabende organisiert. Durch die Bücherkirche ist auch Leben in den Ort gekommen. „Viele Ehrenamtliche fühlen sich dem Projekt verbunden und schauen regelmäßig nach dem Rechten.“ 

Mit Millionen Euro saniert

Ortspfarrer Hans-Jörg Heinze hat die Bücherkirche direkt im Vorgarten, denn er bewohnt das Pfarrhaus nebenan. Der 55-Jährige ist für Axien und 15 weitere Predigtstätten in einem Umkreis von etwa 25 Kilometern zuständig. Seit 2004 ist Heinze vor Ort und hat den „Aufstieg“ der Bücherkirche miterlebt und mitgestaltet. „Es ist schön zu sehen, dass dadurch Menschen in die Kirche kommen, die sie sonst nie betreten würden“, sagt er. Die Bücher seien „Türöffner“, die das zwischen 1997 und 2000 mit Millionenaufwand aufwendig sanierte Gotteshaus lebendig halten.  

Doch gerade am Anfang gab es auch Skeptiker, sagt Heinze. „Viele kamen zu mir und fragten: Kann denn ein Krimi in der Kirche liegen?“ Er kann. „Mich stören die Bücher nicht. Ich begrüße das. Im Altarraum und auf den vorderen Bänken gibt es ja keine Bücher.“ Er hat beobachtet, dass viele Menschen zunächst zwar befremdet waren, aber mittlerweile dem Projekt gegenüber offen geworden sind. „Mich freut es, wenn ich jemanden treffe, der sagt: Ich war vorher nie drin in der Kirche. Aber ich habe mir neulich ein Buch geholt und mich umgesehen.“