Magdeburg l Seit sieben Jahren ist der Schweizer Manfred Infanger, Professor für Plastische, Ästhetische und Handchirurgie, am Universitätsklinikum Magdeburg für Geschlechtsumwandlungen verantwortlich und berichtet von einer großen Erlösung seiner Patienten durch die Operation.

Ab welchem Alter werden Geschlechtsumwandlungen vorgenommen?
Manfred Infanger: Zur Erklärung eines vorweg: Wir Ärzte sprechen generell von einer geschlechtsanpassenden Operation. Diese sollte nicht vor dem 18. Lebensjahr erfolgen. Alles andere davor halte ich persönlich für kritisch, eben weil die Pubertät und damit die Geschlechtsidentifikation noch nicht abgeschlossen ist.

Wie alt war Ihr jüngster Patient?
22 Jahre – es handelte sich um eine sogenannte Mann-zu-Frau-OP. Als ich nach Magdeburg kam, habe ich mich gewundert, dass sich auch relativ viele ältere Patienten noch zu einer Operation entscheiden. Das hat vielleicht auch mit der Intoleranz gegenüber dem Anderssein und dem späten Tabu-Bruch in der DDR zu tun. In den alten Bundesländern ging man mit dem Thema Outing generell etwas toleranter um.

Was spricht für eine Geschlechtsanpassung?
Die Transsexualität muss vorab als Krankheit nachgewiesen und durch zwei Gutachten als Diagnose bestätigt sein. Das heißt, der innige Wunsch, das Geschlecht zu ändern, weil man sich im fremden Körper fühlt, ist seit der Kindheit vorhanden und eine Operation mit allen Konsequenzen gewollt sein.

Welche Voraussetzungen sind noch zu erfüllen?
In unserer Klinik müssen neben der rechtskräftigen Namensänderung eine kontinuierliche psychologische Betreuung, zwei bis drei Jahre eine Hormontherapie sowie ein Alltagstest in der neuen Geschlechtsrolle über einen längeren Zeitraum stattgefunden haben. Zudem braucht es zwei unabhängige psychologische Gutachten und die Zusage der Krankenkasse, die Kosten zu übernehmen.

Spricht aus Ihrer Sicht trotz erfüllter Standards etwas gegen eine Geschlechtsanpassung?
Nein. Die Menschen sind verzweifelt und kommen sozusagen gebeugt in mein Sprechzimmer und verlassen es am Ende aufrecht gehend, entspannt und befreit. Der Leidensweg ist oft sehr lang und der Druck so extrem, dass Betroffene voller Sehnsucht auf die Operation warten. Am Ende ist sie buchstäblich eine große Erlösung. Und die meisten bräuchten die psychologische Nachbetreuung, die bei mir Pflicht ist, eigentlich gar nicht, weil sie mit sich im Reinen sind und sich endlich alles richtig anfühlt.

Kann eine Geschlechtsumwandlung rückgängig gemacht werden?
Nein, das Ganze ist unumkehrbar – inklusive Unfruchtbarkeit und lebenslange Hormoneinnahme. Deswegen sind ja die Anforderungen im Vorfeld der OP so rigoros. Aber ja, es gibt Fälle, wenn auch sehr selten, dass Patienten den Schritt bereuen. Das ist äußerst tragisch. Zum Glück hatte ich einen solchen Fall noch nicht – und ich klopfe dreimal auf Holz, dass das so bleibt.

Wie viele Geschlechtsanpassungen nehmen Sie vor?
Im Schnitt einmal die Woche - und es sind zu 90 Prozent Mann-zu-Frau-Operationen.

Ist damit der Bedarf gedeckt?
Wenn es danach geht, müsste ich zwei, drei Mal in der Woche operieren. Die Wartezeit beträgt bei uns rund eineinhalb Jahre.

Gibt es Transsexuelle, die es bei der Hormonbehandlung belassen und auf eine OP verzichten?
Ja, die gibt es auch. Aber die das andere Geschlecht so richtig wollen, die gehen auch den letzten Schritt.

Wie hoch sind die Kosten?
Zwischen 20.000 und 40.000 Euro. Eine Frau-zu-Mann-Anpassung ist wesentlich teurer, weil hier oft zwei, drei Operationen notwendig sind. Das Ganze stellt operationstechnisch die größere Herausforderung dar. Es ist einfach viel komplizierter, einen Penis aus einer Vagina nachzubilden als andersherum.

Wie sieht es mit der Orgasmusfähigkeit und der Authentizität des Ergebnisses aus?
Statistisch gesehen, so ehrlich muss man sein, ist beides bei Mann-zu-Frau eher gegeben als bei Frau-zu-Mann. Ich denke aber: Wer sich insgesamt in der neuen Situation wohl fühlt, der wird auf seine Umwelt auch authentisch wirken. Und genau so verhält es sich mit der Libido.