Herr Hennig, wir sind seit November wieder im Lockdown, weil die Inzidenz weit über 50 Infizierten je 100 000 Einwohern pro Woche liegt. Bund und Land sagen: Ab dieser Belastung können die Gesundheitsämter die Infektionsketten nicht mehr verfolgen. Sind Sie jetzt also machtlos?

Eike Hennig: Keineswegs. Wir klären auch weiterhin nahezu jede Infektionskette auf. Sobald jemand positiv getestet wurde, wird das an uns gemeldet. Danach nehmen wir sofort Kontakt zum Betroffenen auf, erfragen die Kontaktpersonen und schicken diese umgehend in eine 14-tägige Quarantäne. Natürlich ist es wichtig, dass auch die Betroffenen selbst ihre Kontaktpersonen informieren und auf eine häusliche Absonderung hinweisen.

Aber die die Belastung liegt in Magdeburg bei einer Inzidenz von über 100. Und dennoch funktioniert das?

Ja, in den allemeisten Fällen. Wir verschicken jede Woche etwa 1000 Quarantänebescheide. Das ist das A und O: Die Betroffenen müssen zu Hause bleiben. So vermeiden wir weitere Ansteckungen. Nicht allein die Zahl der positiv Getesteten, sondern auch die Zahl der Kontaktpersonen ist wichtig. Manch Infizierter hat 30 oder 70 Kontaktpersonen. Lehrer zum Beispiel.

Wieso liegt dann die Alarmschwelle bei 50, wenn man auch bei höheren Inzidenzen gut nachverfolgen kann?

Den Wert haben wir nicht festgelegt. Das ist eine bundesweite Festlegung des Robert-Koch-Institus. Wir wurden dazu nicht befragt.

Wir wissen, dass etliche Ämter nicht mehr hinterherkommen und die Quarantänebescheide mehr als zwei Wochen nach der Positivtestung versenden – was sinnlos ist. Haben Sie mehr Personal als andere?

Wir sind in Magdeburg tatsächlich ausgesprochen gut ausgestattet. Im Gesundheitsamt arbeiten 106 Beschäftigte. Ein großer Teil von ihnen ist in der Tat mit Corona befasst. Außerdem unterstützen uns 25 Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung und vom Land. Der Oberbürgermeister hat schon vor Corona darauf geachtet, dass auch alle 16 Arztstellen immer wieder besetzt wurden. Das alles hilft uns jetzt.

Wie überprüfen Sie die Einhaltung der Quarantäne?

Wir machen Stichproben. Die allermeisten Betroffenen zeigen Einsicht. Außerdem kann ein Verstoß eine Straftat darstellen. Das wirkt.

Eine neue Software namens Sormas soll die Nachverfolgung erleichtern. Arbeiten Sie damit?

Zum Teil ja – seit November. Damit können jetzt mehrere Mitarbeiter aus verschiedenen Fachbereichen zugleich auf die Daten zugreifen. Außerdem gelangen die Daten damit direkt an unser Briefzentrum: Dort werden die Quarantäneschreiben automatisch adressiert und eingetütet. Daher sind wir recht flott.

Wo stecken sich die meisten an?

Wir können recht sicher sagen: zu Hause in der Familie – und bei Feiern. In Supermärkten und bei Frisören eher nicht.

Und in Kitas und Schulen?

Obwohl die Kinder relativ eng beisammen sind und aus verschiedenen Haushalten kommen, haben wir nur wenige Positiv-Fälle. Nun weiß man: Kinder zeigen oft nur geringe Symptome – sie könnten aber Erwachsene anstecken. Allerdings hätten wir es mitbekommen, wenn viele Eltern schulpflichtiger Kinder sich infiziert hätten. Das war aber nicht der Fall. Mein Fazit: Kinder sind weniger ansteckend und damit nichgt unsere Hauptzielgruppen der Ermittlungen.

Sind die Schulschließungen dann sinnvoll?

Die vom Land angeordnete flächendeckende Schließung halte ich nicht für differenziert genug. Das sage ich auch als Kinderarzt. Zu-Hause-Betreuung ersetzt die sozialen Kontakte in Kita und Schule nicht. Es kommt zu familiärem Stress. Diese langen Schließungen werden sicherlich negative Auswirkungen haben. Nun weiß ich, dass vor allem ältere Lehrer sich ängstigen. Daher plädiere ich für Schnelltests auch an Schulen. Und: Lehrer sollten, sobald es möglich ist, auch geimpft werden.

Nun sagt die Regierung: Lockerungen sind erst ab einer Inzidenz von unter 50 denkbar. Ist das im Winter überhaupt realistisch?

Ich glaube nicht, dass dieser Wert großflächig im Winter erreicht werden kann.

Wie bewerten Sie Schnelltests?

Sie sind ein Segen. Sie senken die Dunkelziffer und ersparen uns unentdecke Infektionsketten und damit auch manche Intensivtherapie. Wir haben schon seit Ende November eine Schnelltest-Pflicht für Besucher, Mitarbeiter und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen – einige Wochen bevor das bundesweit durchgesetzt wurde. Nachdem wir in einem Heim zehn Infizierte und in einem weiteren 50 Infizierte und zehn Tote zu beklagen hatten, musste wir handeln und Zwang anwenden. Pfleger, die vor Ort keine Zeit haben, müssen sich zu Hause testen. Die Anwendung ist einfach, das kann beinahe jeder. Die älteren Pflegebedürftigen sind am meisten gefährdet. Von den 36 Corona-Toten in Magdeburg waren 17 aus Heimen.

Zum Impfen: Magdeburg will Pfleger und medizinisches Personal vorrangig impfen. Doch ist überhaupt schon klar, ob man nach der Spritze andere nicht mehr anstecken kann?

Das weiß man derzeit noch nicht sicher. Aber: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird man nach der zweiten Spritze nicht mehr an Covid-19 erkranken. Medizinisches Personal bleibt so gesund und fällt nicht mehr aus.

Sollten sich Menschen impfen lassen, die schon Corona hatten?

Wir wissen noch nicht, wie lange die Immunität anhält. Aber ich würde Leuten zur Impfung raten - etwa vier bis fünf Monate nach überstandener Krankheit.

Ist es machbar, bis zum Sommer allen, die es wollen, eine Spritze zu geben?

Mit Impfzentren allein geht das natürlich nicht. Sobald wir genügend Impfstoffe haben, die einfacher zu kühlen sind, werden die Hausarztpraxen einsteigen. Nur so lässt sich eine breite Immunität erzielen.