Magdeburg l Zu Ostern blickt die Welt wieder nach Italien, nach Rom. Zehntausende feiern normalerweise auf dem Petersplatz die Auferstehung Jesu. Im Blumenmeer des anbrechenden Frühlings in der Hauptstadt spricht der Papst der Stadt und dem Erdkreis den Segen (urbi et orbi) aus. Auch morgen wird es diese Messe geben.

Erstmals seit Jahrzehnten wird sie allerdings vor menschenleerer Kulisse stattfinden. Einzig TV-Kameras werden die Osterbotschaft diesmal an die weltweit 1,3 Milliarden Katholiken übertragen. Italien ist gelähmt vom Corona-Virus.

Mehr als 18.000 Tote

Schlimmer: Die Pandemie hat das Land mit voller Wucht getroffen, stärker als alle anderen Länder der EU.

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Mehr als 18 000 Tote hatte die Nation bis gestern zu beklagen. An manchen Tagen waren es rund 1000 Opfer binnen 24 Stunden. Vor allem die Regionen im Norden leiden. In der Lombardei sind Intensivstationen überlastet, es herrscht Mangel an Betten und Beatmungsgeräten. Ärzte mussten die sogenannte „Triage“ anwenden.

Bei dem sonst nur aus Kriegszeiten bekannten Vorgehen müssen Mediziner entscheiden, wer behandelt wird, und wer stirbt. – All das nur wenige hundert Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Hier äußerten sich Politiker zur selben Zeit stolz, über so viele Intensiv-Betten zu verfügen wie kein zweites EU-Land.

„Die Italiener hätten sich in dieser Lage mehr Solidarität gewünscht“, sagt Elena Orsini, Italienerin aus der Toskana, die seit zehn Jahren mit ihrer Familie in Magdeburg lebt. „Die Grenzen wurden zugemacht, der Warengüterverkehr erschwert. Jeder hat im Grunde an sich selbst gedacht.“

China und Russland als bejubelte Helfer

„Erst als das Fernsehen Bilder von Armee-Lastwagen zeigte, die Dutzende Tote aus Bergamo abtransportierten, setzte ein Umdenken ein“, sagt Orsini. Tatsächlich schickte Deutschland im März zwei Maschinen mit sieben Tonnen Technik, darunter dringend benötigte Beatmungsgeräte.

In den Köpfen der Italiener hat sich trotzdem vorerst eingebrannt, dass das Land in der schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg von seinen angeblich engsten Freunden im Stich gelassen wurde. Andere stießen in die Lücke. „Länder wie China und Russland schickten schnell und unkomplizierte Hilfe, Ärzte, Sanitäter und Material. Sie wurden von den Einheimischen bejubelt“, erzählt Orsini. Selbst ein armes Land wie Albanien habe 20 Ärzte nach Italien entsandt.

Mit Folgen: „Die Italiener verlieren leider das Vertrauen in das Europa der wirtschaftlichen Stärke, die antieuropäischen Gefühle wachsen.“ Orsini ist keine Einzelstimme. Tatsächlich spiegeln sich ähnliche Schilderungen in den Debatten Italiens fast täglich wider: „Wir merken uns das“, schrieb beispielsweise Gianluca Di Feo, stellvertretender Chefredakteur der europafreundlichen Tageszeitung „La Repubblica“, Mitte März in einem Leitartikel verbittert.

Immerhin: In Deutschland wird die Not südlich der Alpen inzwischen stärker wahrgenommen. Wohl auch, weil Angst und Ungewissheit über die Auswirkungen der Pandemie im eigenen Land allmählich abnehmen. Der zwischenzeitlich verhängte Exportstopp für medizinisches Material ist aufgehoben. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier versicherte Italiens Präsident Sergio Mattarella in einem Schreiben seiner tiefen Anteilnahme sowie der „Solidarität seiner Landsleute“. Deutschland und auch Sachsen-Anhalt haben derweil italienische Corona-Patienten aufgenommen. Rund 50 schwer Erkrankte wurden in Kliniken mehrerer Bundesländer, darunter in Sachsen-Anhalt, untergebracht.

Sachsen-Anhalt hilft jetzt

Im Spezialkrankenhaus Bergmannstrost in Halle kamen vergangene Woche vier Betroffene aus Mailand an. Die Uniklinik Magdeburg nahm sechs Patienten aus ebenfalls schwer betroffenen Regionen in Frankreich auf. „Wir helfen aus humanitären Gründen immer, wenn es geht“, betont Sachsen-Anhalts Regierungssprecher Matthias Schuppe. Man könne allerdings nur die prinzipielle Bereitschaft erklären. „Die Entscheidung, ob Hilfe fachlich vertretbar ist, fällt der beim Sozialministerium angesiedelte Pandemiestab.“

Die Aufnahme von Italienern und Franzosen hielt der Stab für vertretbar. Die Kliniken im Land verfügten vergangene Woche über 319 Intensiv-Betten. Das Angebot soll um 279 erweitert werden. Ein Erreichen der Kapazitätsgrenze ist nicht in Sicht.

Dennoch sah sich Sozialministerin Petra Grimm-Benne gezwungen, lauter Kritik entgegenzutreten, die nach Bekanntwerden der Hilfs-Pläne öffentlich wurde: Niemandem werde durch Italiener und Franzosen ein Bett weggenommen, sagte sagte die Ministerin. „Eine gewisse Nächstenliebe und Fürsorge füreinander sollte man sich auch in diesen Zeiten erhalten.“

In Italien nimmt man auch solche Signale wahr: „Wir sind dankbar. Jeder Patient, der von einem unserer befreundeten Länder übernommen wird, schafft eine zusätzliche Behandlungsmöglichkeit in Italien und rettet Leben“, sagte die deutsch-italienische Senatorin Laura Garavini auf Anfrage der Volksstimme.

Skypen statt Familienbesuch

Die Hoffnungen der Italiener gehen allerdings weiter. Von den wirtschaftsstarken Ländern der EU wünschen sie sich in der Krise finanzielle Hilfen durch sogenannte Eurobonds. Weil damit eine Vergemeinschaftung von Schulden verbunden wäre, lehnen vor allem Niederländer und Deutsche das aber strikt ab.

Donnerstagnacht gab es auch hier einen Kompromiss: Die EU-Finanzminister einigten sich auf ein 500 Milliarden schweres Rettungspaket. In Italien stieß das auf geteiltes Echo.

Die Wahl-Magdeburgerin Elena Orsini sagt es so: „Wir hoffen alle, dass die EU gemeinsam handelt, damit die gesundheitliche Not keine politische wird.“

Die Volkshochschul-Dozentin wäre zu Ostern mit ihrer Familie gern in ihre toskanische Heimatstadt Pistoia gefahren. Doch auch sie bleibt diesmal zu Hause in Magdeburg, erzählt Orsini. „Wir skypen und schreiben Whatsapp mit der Familie in der Heimat“, sagt die Dozentin. „Und morgen schaut die Familie die Ostermesse im Fernsehen – hier und in Italien. Gerade jetzt in der Krise.“