Magdeburg l Weltweit versuchen Forscher seit dem Aufflammen der Corona-Pandemie, dem Virus auf die Schliche zu kommen. Studien versuchen zu klären, warum die Infektion in manchen Weltregionen Tausende Opfer binnen kürzester Zeit fordert, während sie andernorts relativ glimpflich verläuft.

Ein Beitrag zur Debatte kommt jetzt von der Uni Halle. Der Geowissenschaftler Yaron Ogen ist auf einen interessanten Zusammenhang gestoßen. Bei der Analyse von Daten vom Januar und Februar stellte er fest: Vor allem jene Regionen wiesen eine hohe Zahl von Covid-19-Todesopfern auf, in denen die Belastung mit Stickstoffdioxid (NO2) besonders hoch und zugleich der Austausch zwischen den Luftschichten gering war.

Wenn wir uns Norditalien, Madrid oder die Provinz Wuhan in China anschauen, sehen wir eine Besonderheit: Sie alle sind umgeben von Bergen, sagt Ogen. „Das macht es wahrscheinlicher, dass die Luft in diesen Regionen stabil und die Belastung mit Schadstoffen höher ist.“

Vorsicht bei Interpretation geboten

Tatsächlich lag die Sterblichkeit in den Regionen Lombardei und Emilia Romagna laut italienischem Zivilschutz mit 12 Prozent deutlich höher als im Rest des Landes (4,5 Prozent). Allein in den beiden Provinzen fielen dem Virus mehr als 16.000 Menschen zum Opfer. Gleichzeitig sind die Regionen jene mit der höchsten Luftverschmutzung Italiens.

Wie groß die Effekte sind, lässt sich aus der Studie aber nicht ableiten. Mit seiner Untersuchung könne er nur das gemeinsame Auftreten von Luftverschmutzung und einer erhöhten Zahl von Todesfällen aufzeigen, keinen Ursache-Wirkungszusammenhang, sagte Ogen. Aber es gebe Studien, die zeigen, dass Stickstoffdioxid einen negativen Effekt auf die Gesundheit haben kann.

In der Lunge könnten Stickstoffdioxid, aber auch Feinstaub oxidativen Stress und eine chronische Entzündungsreaktion auslösen, schrieb auch die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DGP) 2018. Analysen saisonaler Grippeverläufe legen ebenfalls einen Zusammenhang zwischen dreckiger Luft und der Verlaufs-Schwere nahe.

Jens Schreiber, Professor für Pneumologie am Uniklinikum Magdeburg, sagte: „Die Korrelation von Luftverschmutzung und Todesfällen belegt noch keinen Ursache-Wirkungszusammenhang. Ich kann mir vorstellen, dass das eine Rolle spielt.“ Dennoch sei bei der Deutung der Ergebnisse Vorsicht angebracht. Todeshäufigkeiten hätten komplexe Gründe. So lebten in Industrieregionen oft auch weniger gut situierte soziale Schichten. Das Risiko sei hier auch deshalb erhöht.

Mit Blick auf die Stickstoffdioxid-Belastung brauchen sich Sachsen-Anhalter unabhängig davon wenig Sorgen zu machen. Die Durchschnittswerte im Land lagen zuletzt mit 15 Mikrogramm je Kubikmeter deutlich unter Spitzenwerten der Lombardei (294 µg je Kubikmeter) oder der Emilia Romagna (182 µg).