Lostau l Der 69 Jahre alte Patient in Zimmer 301 liegt im Koma. Er ist sediert. Das heißt, die Funktionen des zentralen Nervensystems sind durch Beruhigungsmittel gedämpft. Er wird künstlich beatmet. Der Magdeburger ist einer der schweren Corona-Fälle, die in einem besonders virengesicherten Bereich der Intensivstation an eine Beatmungsmaschine angeschlossen sind.

Pfleger Ralf Zaschke und Schwester Susann König, wie das gesamte medizinische Personal auf dieser Station unter Vollschutz, bereiten das Bronchoskop vor, mit dem Schleim abgesaugt werden soll, aber auch kleinere Blutungen gestillt werden können. Oberarzt Dr. Anguche Amukobole erklärt: „Normalerweise hustet der Mensch den Schleim selbst ab, aber nicht nur, dass der künstlich beatmete Kranke viel mehr Schleim produziert, das Sekret muss auch maschinell entfernt werden.“

Ein paar Türen weiter bereitet Pfleger Marco Dübner, der eine Spezialausbildung als Atmungstherapeut absolviert hat, das Aufnahmezimmer für den nächsten Patienten vor. In der Mitte das Herzstück, das Beatmungsgerät, rechts daneben die Einheit mit den Spritzenbehältern, zum Beispiel für Kochsalzlösung, Antibiotika und Betäubungsmittel.

Sauerstoffsättigung, Temperatur, Blutdruck und Atmungsfrequenz werden an einem weiteren „Terminal“ überwacht. Der Magdeburger mit elf Jahren Berufspraxis hat seine eigene Erfahrung mit der Pandemie gemacht. Allerdings eher indirekt. „Komplette Schutzbekleidung, Spezialmaske und darunter stundenlang arbeiten, da hat sich mein Kreislauf kurzzeitig verabschiedet, und ich habe mich auf dem Fußboden wiedergefunden.“ Der 31-Jährige sagt, dass sich die Abläufe auf der Corona-Station inzwischen eingespielt haben. „Im März vergangenen Jahres war noch vieles Neuland, doch das ist Vergangenheit.“

Krisensituation in Sachsen-Anhalt

Dr. Amukobole, der aus Kenia stammt und in Nairobi und Paris studiert hat, ergänzt: „Im Herbst haben wir Krisensituationen geübt, zum Beispiel Reanimation unter Corona-Bedingungen“, und er lobt den Teamgeist.

Dann schaut er in den Computer. „Die Warteliste ist sehr, sehr, sehr lang. Wir bekommen nicht nur schwere Fälle aus Sachsen-Anhalt, auch Patienten aus Niedersachsen, Sachsen und Brandenburg werden nach Lostau überwiesen. Die meisten sind vorgeschädigt.“ Die Arbeitsdichte habe deutlich zugenommen, so der Lungenspezialist. „Und die Personaldecke ist schon ziemlich dünn.“

75 einstige Patienten seien nach überstandener Virusinfektion in eine Reha entlassen worden, sagt er nicht ohne Stolz. Er hält aber nicht hinterm Berg damit, dass besonders bei schweren Fällen die Entlassung aus der Klinik noch lange nicht das Ende der Leiden ist. „Der Tubus in der Luftröhre, die lange Beatmung, das ist schon kritisch, und der Körper reagiert mit heftiger Schwäche, Albträumen. Einfache Zusammenhänge können nur schwer erfasst werden, alles ist verlangsamt.“ Es brauche längere Zeit und eine Reha, damit „ein körperliches Niveau wie vor der Infektion erreicht wird“.

Der Lungenspezialist weiß, welche Todesängste Patienten mit schweren Symptomen leiden. „Bei starken Schmerzen gibt man Schmerzmittel, die sie dämpfen. Luftnot kann man nicht durch Arznei erträglicher machen. Die Erstickungsangst ist präsent. Und das Problem ist, dass genesende Patienten auch nach der akuten Phase von der Angst geschüttelt werden, dass das kaum atmen zu können, wiederkommt.“

Wer den Infektionsbereich nach etwa 16 Tagen verlassen kann, wird auf die Intensivstation verlegt. Überlebenswichtig sei es, nachdem sich der Körper unter künstlicher Beatmung repariert hat, den richtigen Augenblick für das Abschalten der Beatmung zu finden. „Denn sie rettet zwar Leben, hat aber zugleich Nebenwirkungen. Wasser sammelt sich unter der Sedierung im Körper an, die Medikamente sind nicht ohne Nebenwirkungen.“

Spezialklinik nicht am Limit

Chefarzt Dr. Jost Achenbach beteuert, dass die Spezialklinik nicht am Limit arbeite. „Allerdings kann ich nicht verhehlen, dass es einen Personalengpass gibt. Den gab es jedoch schon 2019 vor Corona.“

Die Lostauer Klinik sei zwar mit Bundes- und Landesmitteln aufgerüstet worden, was die Beatmungstechnik betreffe, aber ohne Mitarbeiter, die sie bedienen, seien diese Investitionen nicht zielführend.

„Die Situation im nördlichen Sachsen-Anhalt lässt sich allerdings nicht mit der im südlichen und in Sachsen sowie Thüringen vergleichen“, sagt der Klinikchef.

Trotzdem stehe jeder Mitarbeiter unter sehr großer Anspannung.

Bei den Todesfällen in seiner Einrichtung habe es sich um stark vorgeschädigte Menschen im hohen Alter gehandelt. „Corona war da nur das letzte Tröpfchen, das das Fass zum Überlaufen gebracht hat.“

Zusammenbruch des Klinikbetriebs?

Als „Supergau“ bezeichnet es Dr. Achenbach, wenn die Zahl der zu beatmenden Kranken nicht mehr zu bewältigen ist. „Oder wenn sich Mitarbeiter in größerer Zahl infizieren würden. Das kann so weit führen, dass der gesamte Klinikbetrieb zusammenbricht.“

Deshalb sei es aus seiner Sicht wichtig, dass sich das Klinikpersonal impfen lasse. Er räumt aber ein, dass sich besonders „jüngere Mitarbeiter unter 30 Jahren nicht immunisieren lassen wollen, weil sie meinen, dass bei ihnen eine Ansteckung keinen schweren Verlauf nach sich ziehen würde“. Andere lehnten eine Impfung ohne Begründung ab. Insgesamt sei die Bereitschaft jedoch größer geworden. Für eine Impfpflicht sei er nicht, so der Chefarzt. „Das sollte alles über Aufklärung laufen. Denn eine andere Möglichkeit, sich zu schützen, gibt es ja nicht.“