Halle (dpa/sa) l Der Staat bietet derzeit viele Bürgschaften, günstige Kredite und Hilfen an, damit möglichst viele Unternehmen die Corona-Krise überstehen. Aus Sicht des Air-Berlin-Insolvenzverwalters und Sanierungsexperten Lucas Flöther ist das nicht für alle Betriebe die beste Lösung. Damit werde das Grundproblem oft nur in die Zukunft verschoben, sagte der Jurist der Deutschen Presse-Agentur.

"Die Krise reißt bei diesen Firmen langfristig ein tiefes Loch in die Finanzen", sagte Flöther. "Dadurch werden diese Unternehmen zu klassischen Sanierungskandidaten, die sich über Schutzschirmverfahren und andere echte Restrukturierungswerkzeuge Gedanken machen sollten."

Ein Schutzschirm ist die mildeste Sanierungsform im Insolvenzrecht, bei dem die Chefetage weiterhin die Geschäfte führt. Weil das Management viel Einfluss behält, erlaubt das Gesetz den Schutzschirm nur zu Beginn einer wirtschaftlichen Schieflage.

"Wenn sie jetzt erst die Kreditprogramme in Anspruch nehmen und ihre letzten Vermögenswerte den Banken überlassen, und dann in einem halben Jahr merken, dass sie nicht mehr weiterkommen, dann wird es für ein Schutzschirmverfahren meist schon zu spät sein", mahnte Flöther. Der Vorteil des Instruments sei, dass sich Unternehmen von einigen besonders drückenden Kosten und Verbindlichkeiten befreien könnten. "Selbst langfristige Schuldverhältnisse und Mietverträge können gekündigt werden, auch ein Schuldenschnitt ist möglich."

Damit könnten in der Krise mit vielen Einnahmeausfällen auch die Kosten gesenkt werden. Voraussetzung sei, dass die Unternehmer erfahrene Berater an ihrer Seite hätten. "Denn ein Schutzschirmverfahren gibt den Unternehmern die Werkzeuge an die Hand, die sonst aus gutem Grund nur Insolvenzverwalter haben, das sind aus Sicht der Gläubiger oft Folterwerkzeuge."

Schutzschirmverfahren genutzt

Zuletzt hat unter anderem die Kaufhauskette Galeria Karstadt Kaufhof die Möglichkeit des Schutzschirmverfahrens genutzt. Auch der Modekonzern Esprit ging den Schritt für mehrere Töchter. Die Fluglinie Condor nutzte diese Möglichkeit nach der Pleite ihrer Mutter, dem britischen Reiseanbieter Thomas Cook, ebenfalls.

Bei Condor überwacht Flöther als Sachwalter, dass die Interessen der Gläubiger gewahrt bleiben. Aus Sicht der Gläubiger habe das Verfahren auf den ersten Blick nicht so viele Vorteile, räumte Flöther ein. Banken, Vermieter und Leasinggeber müssten befürchten, dass langfristige Verträge gekündigt oder neue Konditionen verhandelt würden. "Andererseits erlebe ich, dass Insolvenzpläne nach Sanierungen in Eigenverwaltung oft 100 Prozent Zustimmung von den Gläubigern bekommen, obwohl jeder von ihnen auf viel Geld verzichten muss." Das liege daran, dass es für die Gläubiger besser sei, wenn ein Vertragspartner weiter existiere als ganz vom Markt verschwinde.

Aus Flöthers Sicht sollten auch mittelständische Betriebe über ein Schutzschirmverfahren nachdenken. Wegen der nötigen intensiven Beratung eigne es sich nicht für ganz kleine Betriebe wie Dönerläden. "Aber schon für den Autohändler mit zwei oder drei Autohäusern."

Wegen der weltweiten Corona-Pandemie rechnen Experten weltweit wie auch in Deutschland mit schwerwiegenden und anhaltenden negativen Folgen für die Wirtschaftsleistung. Der Internationale Währungsfonds warnte jüngst, er erwarte die schlimmste Entwicklung seit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er und 30er Jahren. Bund und Länder versuchen die negativen Corona-Folgen in Deutschland derzeit mit milliardenschweren Zuschuss-, Kredit- und Bürgschaftsprogrammen sowie Erleichterungen bei Steuern und Zugang zur Grundsicherung abzufedern.