Magdeburg l Etliche Stunden haben Ines Lacroix und Matthias Engel mit ihrem Team vom Magdeburger Theater an der Angel in ihre Geschichten aus dem Wintergarten investiert. Eine kleine neue Spielstätte ist entstanden. Vor der Tür stehen Weihnachtsbäume. Das Publikum sollte von Geschichte zu Geschichte geführt werden.Alles ist ausverkauft.

Jetzt nun muss wieder abgesagt werden. Kartentausch, Rücknahme. Unabhängig vom zu vernehmenden Unmut auch beim Publikum ist die Verlängerung des kulturellen Lockdowns vor allem für privat geführte Theater existenziell, wie für alle anderen Soloselbständigen, eigenständigen Ensembles, privaten Kabaretts. Schon im Frühjahr war es Spitz auf Knopf. Jetzt sieht sich Theaterfrau Lacroix gezwungen, sich an städtische Ämter zu wenden, um laufende Kosten zu minimieren. Der Winter-Lockdown geht in den zweiten Monat. Vorerst. In dieser Zeit werden Feste angeordnet, sagt die Schauspielerin. Weihnachten und Silvester dürfe man wieder fröhlich sein. Lacroix schüttelt den Kopf.

Dass Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Länderchefs am Mittwoch Beschränkungen bis zum 20. Dezember beschlossen haben, stößt in Kulturkreisen auch auf Kritik, weil ein Fahrplan fehlt.

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Theater seien doch keine Schnellrestaurants, die einfach öffnen und bedienen, hört man. Man brauche Planungen, auch für das Publikum. Kulturschaffende reden von „zermürbenden Zuständen“ und „Frustration“.

Ein Bürokratiemonster

Michael Kempchen, Intendant des Magdeburger Puppentheaters, sprich von On-Off-Situation und einem unerträglichen Zustand. Wie viele der Branche fordert er eine längere Sicht. Premieren liegen auf Eis, das restlos ausverkaufte Weihnachtsmärchen kann nicht gezeigt werden. Und keiner weiß, wie es weitergeht. Magdeburgs Generalindentantin Karen Stone sagt: „Wir fühlen uns wie ein Pferd in der Box vor dem Rennen.“

Doch neben der für Theatermenschen schwer zu ertragenden Warteschleife treibt Kempchen zunehmend die Sorge um den Zusammenhalt und die Gerechtigkeit in der Gesellschaft um. „Kultur ist der Humus der gesellschaftlichen Entwicklung. Schließt man Kultur, werden die Einschnitte die Gesellschaft nachhaltig verändern.“ Kollegin Stone sieht das sehr ähnlich.

Für die Kammerphilharmonie Schönebeck, das kleine Orchester des Salzlandkreises, dessen Musiker in Kurzarbeit sind, gehören gerade der Dezember und Januar zu den umsatzstärksten Monaten. Karten für Weihnachts- und Neujahrskonzerte sind gefragt. Die Förderung vom Landkreis, dem Land und der Stadt Schönebeck, so sagt Geschäftsführerin Anita Bader, liege bei 60 Prozent, der große Rest von 40 Prozent sei Eigenanteil. Das sei überhaupt nicht mehr schaffbar, sagt Bader. Und Geld aus dem von der Bundesregierung hochgelobten Neustart-Programm käme für ihr Orchester nicht infrage. Es gäbe zu viele Ausschlusskriterien, sagt sie. Nicht einmal für den in diesem Sommer ausgefallenen und auf 2021 verschobenen Operettensommer könne sie derzeit Mittel beantragen.

Das Neustart-Programm gilt bei Antragsberechtigten als Bürokratie-Monster. Von Sisyphos-Arbeit wird gesprochen. Der Bundesverband bildender Künstler nannte dieser Tage die November-Hilfen einen Flop. Auch im Landtag wurde in der vergangenen Woche kritisiert, dass man von schneller und unkomplizierter Hilfe weit entfernt sei. Das Programm ist erst gestern geschaltet worden. Und wie es weitergeht mit Hilfen, ist noch nicht geklärt.

Auch Schloss Wernigerode ist wieder zu. An eine Besucher-Traumzahl im Jahr 2019 mit 219 000 Gästen ist nicht zu denken, obwohl der Sommer gut war. „Wir brauchen Touristen“, sagt Christian Juranek, Geschäftsführer der Schloß Wernigerode GmbH. Die fehlen der Stadt, dem Schloss Wernigerode. Solange Hotels und Pensionen zu sind, bleiben Gäste aus. Juranek will am 21. Dezember wieder öffnen. Wenn dann Museen wieder Besucher empfangen dürfen.

Sein „Deutsches Haus“ wieder öffnen – das würde Burghard Barnier im altmärkischen Arendsee gern sofort. Zumindest auf Weihnachten hatte er gehofft, vergeblich. Er kann die Entscheidungen aber durchaus nachvollziehen, „mit der Nacht, die ich darüber nicht gut schlafen konnte“.

Unruhig macht ihn weiter, dass sich die versprochene 75-Prozent-Umsatzerstattung für November dahinschleppt. Gerade mal die Anträge sind verfügbar. „Wir konnten bisher nicht einmal eine Abschlagszahlung erhalten, weil es keinen Zugang dazu gab. Unsere 25 Mitarbeiter möchten regelmäßig ihren Lohn erhalten. Summen, die vorzufinanzieren sind.“

Die Unterstützungs-Anträge müssen die Steuerberater stellen. Barnier regt das auf: „Wenn Bund oder Land schnell Zahlen haben wollten, bräuchten sie auf die Vorjahresumsätze beim Finanzamt zuzugreifen. Da haben sie alles, das ginge auf Knopfdruck und morgen wären die Anträge reguliert.“ Barnier stellt klar: „Wir wollen keine Almosen, wir wollen arbeiten.“

Bei vielen Gastronomie-Betrieben geht es schon um die Existenz. Michael Schmidt, Präsident des Branchenverbandes Dehoga und Naumburger Hotelier: „ Wir rechnen damit, dass nach dem zweiten Lockdown rund 20 Prozent der 4300 Betriebe pleite sind.“

Nicht gar keine oder zu wenige, sondern zu viele Kunden sind das Problem von Petra Kann, Managerin des Magdeburger Allee-Centers. In Geschäften über 800 qm darf nur 1 Kunde auf 20 qm unterwegs sein. Die Technik hilft. „Wir haben eine Kundenzählanlage im Haus“, erklärt die Managerin. Bei Überfüllung – die Grenze liege bei 1790 Kunden – würden die Eingänge geschlossen.

Und die Leute würden sich draußen in der Schlange auf den Füßen stehen? Petra Kann: „Darauf bereiten wir uns vor – bis hin zum Megafon.“ Das Allee-Center sei jedoch auch darauf angewiesen, dass sich die Kunden an die Regularien halten.

Was aber, wenn die Leute nach dem Einkauf in der Mall bummeln und es zu eng wird? Dafür werde es mehr Aufsichtspersonal geben, die Sitzgruppen würden abgesperrt.

Bei allen neuen Regeln: Das sei besser, als wenn die Läden zugemacht werden müssten, meint die Managerin.

Tagung zum Spielbetrieb

Für den Profisport ändern die neuen Corona-Auflagen nicht sehr viel. So müssen die Bundesliga-Handballer des SC Magdeburg und die Drittliga-Fußballer des 1. FC Magdeburg bis zum Jahresende weiter ohne die Unterstützung der Zuschauer auskommen und auch mit den damit einhergehenden finanziellen Einbußen umgehen. Noch schwieriger wird das aber noch für die Regionalliga-Vereine wie Germania Halberstadt. Der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) will heute tagen und über den weiteren Spielbetrieb beraten. Germania-Präsident Erik Hartmann hofft derweil, dass die Saison wie geplant ab 4. Dezember als „semiprofessioneller Bereich“ weiterlaufen kann. Ähnlich wie bei der Regionalliga West. „Das Problem ist, dass wir sportlich und finanziell aktuell keine Planungssicherheit haben“, moniert Hartmann.

Der Handballverband Sachsen-Anhalt (HVSA) hatte noch am 18. November eine Mitteilung verschickt, in der er auf seinem bisherigen Plan vom Spiel in diesem Jahr beharrte – bis zur nächsten politischen Entscheidung. Nun ist eine neue Entscheidung noch nicht gefallen. Was bedeutet: Die Hallen bleiben geschlossen, der Spielbetrieb bleibt stillgelegt. Und der HVSA wird sich nicht mehr allein mit einem Re-Start in die Saison, sondern mit einer Reduzierung der Spiele auf eine einfache Hinrunde beschäftigen müssen. Das ist im Basketball, im Tischtennis und allen anderen Amateursportarten nicht anders.

Dabei hatten sich die Landesverbände im Fußball (FSA) und Tischtennis schnell darauf verständigt, die Saison zumindest bis zum Jahresende auszusetzen. Der FSA plant nun die Rückkehr auf allen Plätzen für das Wochenende 16./17. Januar. Viele Vereine haben signalisiert, dass ihnen eine zweiwöchige Vorbereitung im Training, sollten die Plätze ab Januar wieder freigegeben werden, reichen würde. Geht der Re-Start tatsächlich an jenem Wochenende über die Bühne, könnte die Saison sogar komplett zu Ende gespielt werden. Damit würde sich auch ein Wunsch von Dirk Hannemann, Trainer des Verbandsligisten SV Fortuna, erfüllen: „Ich hoffe, dass wir die Saison komplett durchkriegen.“