Magdeburg l Traumhochzeit. Das ist für jeden etwas anderes. Für die einen ist es das gigantische Fest mit zahlreichen Gästen, eleganter Location und schickem Cadillac als Brautauto. Für die anderen ist der Rahmen weniger wichtig, vielmehr zählt die Gewissheit: Du gehörst jetzt auch offiziell zu mir und ich gehöre zu dir. Doch selbst die kleinste intime Feier ist eben immer noch das, wonach es klingt: eine Ansammlung von Menschen. In Tagen, in denen jedoch genau das wegen einer weltweiten Pandemie verboten ist, kommt also kein heiratswilliges Paar an der Frage vorbei: Heiraten wir trotz des Coronavirus und den damit verbundenen Einschränkungen?

Anna Kemp hat ihren neuen Nachnamen erst seit knapp sechs Wochen. Weil sie und ihr Christoph Anfang April entschieden hatten: Wir ziehen die Hochzeit trotzdem durch. Der frischgebackene Ehemann zögerte erst noch, aber spätestens als dann die Frage vom Arbeitgeber kam, ob der beantragte Sonderurlaub noch stattfindet, musste eine Entscheidung her. Und es war die richtige, hört man Kemp so reden. Viel Lachen. Viel Glück schwingt da mit. „Wir haben es keine Sekunde bereut“, sagt die frisch Vermählte. „Wir wissen doch gar nicht, was wir verpasst haben. Für uns war trotzdem alles perfekt.“. Eben auch, weil dieser Hochzeitstag immer als der besondere, der unvergessliche Tag im Leben heraufbeschworen wird. „Und genau das war er, auch wegen des Virus und den Umständen. Wir werden uns noch zu unserer Silberhochzeit davon erzählen“, sagt die Mutter einer Tochter und lacht herzlich.

Am 9. April 2020, genau 16 Jahre nachdem sich die 29-Jährige und ihr ein Jahr älterer Mann kennengelernt hatten, sagten beide im Standesamt Magdeburg „Ja“ zueinander. Sechs Personen insgesamt waren anwesend. „Meine Mutter trug Handschuhe, weil sie besorgt war, aber Masken hatten wir als Brautpaar nicht auf“, erzählt Kemp. Dabei hatte ein Freund ihrer Schwester selbst dafür gesorgt und die extra angefertigt. Aus der geplanten Feier mit rund 30 Gästen in Wolmirstedt wurde ein Abend zu dritt. „Mit meiner Mama, die musste dabei sein, da gab es kein Wenn und Aber. Und sie hat Hochzeitssuppe für uns gekocht“, erzählt Kemp.

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Dass die Party so und eben nicht wie geplant ausfiel, störte beide nicht. „Mir tat es eher für meine Familie leid, die sich wirklich sehr darauf gefreut hatte.“ Aber am Ende ging es eben vor allem darum, das mit einem Ring zu besiegeln, was bereits seit Teenager-Jahren feststeht: „Wir wollten heiraten, das haben wir gemacht. Und das ist das Einzige, was uns glücklich macht.“

Die Kemps haben damit einen anderen Weg gewählt als viele Paare in den vergangenen Wochen. Für viele zählt die Trauung mit obligatorischer Reisdusche vor dem Standesamt und Party danach zur Hochzeit. Und weil man die eben nur einmal im Leben feiern will, sind Kompromisse hier nicht erwünscht.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes heiraten jährlich rund 220 000 Paare in den Monaten von April bis August – etwas mehr als 50 Prozent aller Hochzeiten im Jahr. Nicht selten beginnt die Planung dieses besonderen Tages bereits zwölf Monate vorher. „Berücksichtigt man, dass Hochzeiten in der Regel bereits ein Jahr im Voraus geplant und fixiert werden, dann ist davon auszugehen, dass das Hochzeitsjahr 2021 mehr oder weniger bereits heute schon ausgebucht ist“, sagt Hochzeitsexperte Bernhard Fichtenbauer, der mit hochzeitslocation.info eines der meist besuchten Hochzeitsportale im deutschsprachigen Raum betreibt. Doch stimmt das wirklich?

In Sachsen-Anhalt kann das in den meisten Fällen noch gar nicht bewertet werden. In den Standesämtern in Burg und Wernigerode beginnt die Terminvergabe erst ab Oktober, in Magdeburg generell erst sechs Monate vor dem gewünschten Termin. In Stendal ist das anders, dort werden Terminwünsche bereits entgegengenommen „und der Run hält sich bisher in Grenzen“, sagt Sprecher Armin Fischbach. Drei Paare haben hier bisher ihre Hochzeit wegen der Coronakrise auf das nächste Jahr verschoben, in Burg waren es zwei. „Es kam zu mehreren Verschiebungen bei den bereits angemeldeten und auch unverbindlich vorgemerkten Eheschließungen“, sagt Schönebecks Stadtsprecher Hans-Peter Wannewitz.

Auch Patrick Pflughaupt und sein Verlobter hatten die perfekte Hochzeit mit anschließender Feier im Hotel am Schlosspark in Wernigerode am 13. Juni dieses Jahres bereits geplant. Ende April entschieden sich beide jedoch, ihre Hochzeit abzusagen. „Wir haben mit der Standesbeamtin telefoniert und die meinte zu dem Zeitpunkt, es sei schwer einzuschätzen, wie es weitergeht wegen des Virus. Als dann immer mehr Einschränkungen kamen, haben wir uns entschieden, die Hochzeit zu verschieben“, erzählt Pflughaupt. „Wir sind schon sehr enttäuscht, dass wir dieses Jahr nicht heiraten werden.“

Der Ausblick, wegen des Virus mit Mundschutz feiern zu müssen und eventuell auf Gäste aus anderen Bundesländern zu verzichten, hat beide letztendlich zur Absage bewegt. Und die ist besonders schmerzhaft, weil das Paar bereits im vergangenen Jahr heiraten wollte. Aufgrund eines Trauerfalls musste die erste Hochzeit verschoben werden. Beide haben ganz genaue Vorstellungen von den Rahmenbedingungen. Deko, Anzüge, Blumen – „was uns dieses Jahr gefällt, muss uns ja im nächsten Jahr nicht gefallen“, sagt der 29-Jährige.

45 Gäste waren bei Pflughaupt und seinem Verlobten zur Feier eingeladen. Ab 28. Mai sind bei Hochzeiten in Sachsen-Anhalt sogar wieder bis zu 100 Gäste erlaubt. Eine Entwicklung, die so aber eben niemand vorausahnen könnte. Für ein Fest, das mal eben mehrere tausend Euro kostet, ist Hoffnung zwar ein gut gemeinter, aber nicht sonderlich verlässlicher Begleiter.

Das hatten so auch Christoph Schindler und sein Verlobter im April entschieden. Geplant war die Hochzeit für 11. Juli. „Je näher der Termin rückte, dachten wir uns, dass es nichts wird, allein wegen der Kontaktbeschränkungen“, so Schindler. „Wir haben dann gesagt, auch wenn man feiern dürfte, gibt es ja dennoch Einschränkungen und vielleicht können nicht alle bei der Trauung dabei sein. Das wollten wir nicht.“

Die Party sollte im Elbwerk Magdeburg stattfinden. Auch hier zeigte sich der Betreiber verständnisvoll und sicherte sich, das sich beide keine Sorgen bei der Terminfindung im kommenden Jahr machen sollten. „Wir hatten noch Glück, weil wir noch keine Verträge unterschrieben hatten.“ Auch die Kosten für den offiziellen Teil im Standesamt wurden bis auf die 50 Euro für die Anmeldung zur Eheschließung ebenfalls erstattet.

Ein Vorteil: Bisher hatten die beiden Christophs nur „Save-the-Date“-Karten verschickt, eine offizielle Einladung hatte die rund 70 Gäste also noch nicht ereilt. Auch die Entscheidung darüber, welcher Christophs denn nun welchen Nachnamen annimmt, ist bisher noch offen. „Das wollten wir mit einem Bowling-Match entscheiden, aber selbst das konnten wir ja nicht mehr machen.“ Und so werden sich beide wohl erst 2021 das Ja-Wort geben. „Man will ja auch nicht, dass Corona Gesprächsthema Nummer eins ist bei der Hochzeit“, nennt Schindler einen weiteren Grund und spricht damit wohl die Hoffnung vieler Heiratswilliger für das kommende Jahr aus.