Leser helfen

Das hier haben Sie bewegt

Ein halbes Jahr nach Abschluss der Aktion "Leser helfen" für Flüchtlingsprojekte ist sichtbar, was die Spenden angestoßen haben.

Von Elisa Sowieja 29.06.2016, 01:01

Magdeburg l Ahmad und Tanja verstehen sich so gar nicht. Sie will partout kein Englisch sprechen, er kein Deutsch. Sie wird langsam ungeduldig, er fühlt sich unter Druck gesetzt. Doch gerade, als sie ihm mit strenger Miene erklärt, dass sein arabisches Abschlusszeugnis in dieser Behörde nur übersetzt wird, wenn er jetzt endlich in Raum 4 geht, um Dokument 5b zu holen und ordnungsgemäß auszufüllen, huscht ihr doch ein Grinsen übers Gesicht. Denn eigentlich können sich die zwei ziemlich gut leiden. Da fällt es nicht leicht, in der Rolle der bierernsten Behördenfrau zu bleiben.

Die Deutsche und der Syrer, beide Mitte 20, gehören zum internationalen Theaterprojekt, das der Magdeburger Verein Die Brücke im Februar ins Leben gerufen hat. Möglich geworden ist das dank Spenden aus „Leser helfen“. Die Volksstimme hatte die Aktion zusammen mit dem Paritätischen und der Investitionsbank im November gestartet, bis zum Abschluss im Januar kamen 57 000 Euro zusammen. Mit dem Geld werden nun neun Projekte in Sachsen-Anhalt gefördert, die Flüchtlinge bei der langfristigen Integration unterstützen.

Die syrisch-deutsche Theatergruppe ist mehr als nur ein Schauspielprojekt, die Mitglieder schreiben auch ihre Szenen selbst. Den Stoff liefern oft Erlebnisse der jungen Flüchtlinge und die Gefühle, die sie begleiteten, als sie nach Deutschland kamen. In einer der ersten Szenen, die hier entstanden sind, sitzen zwei Flüchtlinge in einem Boot; sie machen sich gegenseitig Mut, sagen, dass sie bestimmt bald sicher sind und dann arbeiten können.

Auch die Behördenszene mit dem Zeugnis, an der Ahmad und Tanja feilen, hat der junge Syrer so ähnlich selbst erlebt, sagt er. Die Bühnenversion wird aber ein bisschen überspitzt. Und sie bekommt einen Schuss Humor verpasst – etwas, das Ahmad an der Theatergruppe besonders gefällt: „Hier ist es oft lustig, außerdem mögen wir einander“, sagt er in sicherem Deutsch.

Dass er die Sprache ein Jahr nach seiner Flucht schon so gut beherrscht, liegt in erster Linie daran, dass er gerade täglich für sein Sprachzertifikat büffelt, um bald studieren zu können. Es hat aber sicher auch mit den Proben tun. Hier kann Ahmad die Vokabeln aus seinen Büchern anwenden. Denn auch, wenn die Hälfte der Truppe aus Syrern besteht, fällt nur selten ein englischer Satz. „Am Anfang haben wir nur englisch gesprochen, aber inzwischen werde ich manchmal sogar angemeckert, wenn ich zu wenig deutsch rede“, erzählt Theaterpädagogin Angela Mund, Leiterin der Gruppe.

Das Projekt soll aber mehr als Sprache fördern. Vor allem soll es eine Gelegenheit für Begegnungen zwischen Deutschen und Flüchtlingen schaffen. „Das Kennenlernen passiert hier ganz nebenbei, das ist schon cool“, sagt Ahmads Spielpartnerin Tanja. Die deutschen Teilnehmer sind größtenteils in den 20ern – also im gleichen Alter wie die Syrer –, auf die Theatergruppe sind sie über Infozettel, Freunde oder die Freiwilligenagentur aufmerksam geworden.

Die zwölf Leute im Kurs erfahren nicht nur bei der Arbeit an ihren Szenen viel voneinander. Neulich in der Pause sprachen sie über den Ramadan. Und nicht selten, erzählt Projektleiterin Mund, lädt man sich auch zu Partys ein.

Der Bedarf an solchen Projekten ist nach Einschätzung von Sachsen-Anhalts Integrationsbeauftragter Susi Möbbeck weiterhin sehr hoch – und das, obwohl die Flüchtlingszahlen sinken: Kamen im November, als die Balkanroute noch nicht geschlossen war, noch 8400 Menschen nach Sachsen-Anhalt, waren es ein halbes Jahr später, im Mai, nur noch 400.

„Professionelle und ehrenamtliche Helfer sind weiterhin ausgelastet, weil jetzt eine erhebliche Anzahl an Menschen die Aufnahmeeinrichtungen verlassen hat und in den Kommunen angekommen ist“, sagt Möbbeck. Außerdem hätten sich viele Angebote erst jetzt herumgesprochen. Die Folge: „Die Bedarfe sind teilweise sogar gestiegen.“

Bei der Integration spielen die jungen Menschen eine besondere Rolle. Denn Möbbeck zufolge sind 55 Prozent der Flüchtlinge, die nach Sachsen-Anhalt kommen, jünger als 20 Jahre.

Auch die Zahlen zur Sprachförderung für Migrantenkinder an den Schulen hierzulande verdeutlichen den Unterstützungsbedarf für die Jugend: Im September vergangenen Jahres saßen noch rund 3300 Schüler in den Kursen, Ende Mai waren es knapp doppelt so viele.

In den Augen von Monika Schwenke, die sich seit 20 Jahren bei der Caritas für minderjährige Flüchtlinge einsetzt, die ohne Erwachsene nach Deutschland gekommen sind, werden Integrationsprojekte auch über die kommenden Monate hinaus von Bedeutung sein. „Wir haben jetzt die Chance, für die nächsten fünf oder sechs Jahre Integrationsmöglichkeiten zu schaffen, sodass die Flüchtlinge bleiben“, sagt sie.

Das Magdeburger Schauspielprojekt ist dank der Volksstimme-Leser noch bis zum Jahresende gesichert. Von den Spenden kann die Theaterpädagogin finanziert werden, außerdem möchte sich die Gruppe Scheinwerfer und eine Musikanlage anschaffen. Das hat aber noch ein bisschen Zeit. Denn bisher arbeiten die Laienschauspieler nur an einzelnen, voneinander unabhängigen Szenen, um Grundtechniken zu erlernen. Sie improvisieren viel, üben, aus sich herauszugehen.

Am 9. Juli haben sie bei einem Familienfest in Magdeburg-Neustadt ihren ersten kleinen Auftritt. Im August dann wollen sie mit der Arbeit an einem kompletten Stück loslegen.

Der Inhalt wird die Theatergruppe – wen wundert‘s – selbst schreiben. Das Thema steht noch nicht fest, sagt Angela Mund. „Aber sicherlich wird es keine Fluchtgeschichte werden.“ Warum? „Anfangs war es den Syrern wichtig, ihre Fluchterfahrungen einzubringen. Aber irgendwann wollten sie sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen.“ Im Moment, erzählt sie weiter, treibt sie besonders eine Frage um: „Sie wüssten gern, was sie tun können, um nicht mehr Flüchtling genannt zu werden.“

Auch bei den anderen Projekten, die dank der Leserspenden umgesetzt werden können, hat sich einiges getan:

     

    • Filmprojekt „Lebenswege“ in Stendal: Das Projekt hat einen kleinen Dreh bekommen: Statt auf Väter und Söhne konzentriert man sich nun auf die Zielgruppe Schüler. Gedreht wird ein Film, der sich mit Fragen deutscher Jugendlicher zu Flüchtlingen beschäftigt – zum Beispiel über Kopftücher oder den Schulalltag. Das Ergebnis soll später an Schulen gezeigt werden. Erste Fragen sind gesammelt, im Herbst wird gedreht. Dank der Spenden können Fachleute bezahlt werden, die die Jugendlichen betreuen und in die Technik einweisen. Außerdem werden Fahrtkosten finanziert.

    Alle bisherigen Artikel zur Spendenaktion finden Sie hier.