Magdeburg l Zwei Jahre lang hat Salomon T. nichts von seiner Mutter gehört. An einem Oktobertag im Jahr 2017 ist ihr der 17-Jährige in Halberstadt aber wieder ganz nah. Er hält einen Brief in der Hand – eine Rotkreuz-Nachricht aus Eritrea, dem Krisengebiet im Nordosten Afrikas, rund 8000 Kilometer von Sachsen-Anhalt entfernt.

Salomon hatte bei seiner sechs Monate langen Flucht über den Sudan, monatelang durch Libyen und dann von der Nordküste des Landes in einem überladenen, offenen Boot, dem unterwegs der Treibstoff ausging, nach Italien, den Kontakt zu seinen Angehörigen verloren.

Als der "unbegleitete Minderjährige", wie es im Amtsdeutsch heißt, im Vorharz angekommen war, war er körperlich und seelisch am Ende.

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In Halberstadt erfuhr eine Sozialarbeiterin, dass der damals noch 16-Jährige todunglücklich darüber ist, nichts von seiner Mutter zu hören, der er nichts von seinem Fluchtplan verraten hatte. Die Sozialarbeiterin brachte ihn zum DRK-Suchdienst.

Rotkreuz-Nachricht nach Eritrea

Silke Piel, Chefin des Suchdienstes beim DRK-Landesverband Sachsen-Anhalt, fotografierte Salomon mit seinem Einverständnis und stellte sein Foto bei "Trace the Face" (Verfolge das Gesicht) des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz ins Internet: "Ich suche meine Mutter!."

"Weil diese Online-Aktion vorerst keinen Erfolg hatte“, erzählt Piel, "wurde über einen Kartendienst im Netz das Dorf, in dem die Mutter lebt, gesucht." Ein Haus meinte er wiederzuerkennen. Die Frau vom Suchdienst zeichnete mit Salomon Landkarte und Skizze: "Es gibt kaum Adressen oder Postleitzahlen." Sie riet dem 17-Jährigen, eine sogenannten Rotkreuz-Nachricht, einen kurzen, handschriftlichen Brief zu schreiben, der vom Suchdienst an das Rote Kreuz in Asmara (Eritrea) übermittelt wurde.

Ein Mitarbeiter überbrachte die Nachricht persönlich der Mutter des Flüchtlings. Die Frau weinte vor Freude und konnte ihr Glück kaum fassen. Auf der Stelle antwortete sie Salomon. Piel: "Drei Monate nachdem er seiner Mutter geschrieben hatte, hielt Salomon den Brief aus Eritrea in seinen Händen – samt Telefonnummer. Natürlich hat er sofort angerufen."

Inzwischen ist der 17-Jährige voller Zuversicht. Er geht zur Schule und will in diesem Jahr seinen Hauptschulabschluss machen. "Ich möchte Tischler werden", sagt Salomon, der schon ein Praktikum in Holztechnik gemacht hat.

Vermisstensuche hat sich verändert

"Das Suchbild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verschoben", weiß kaum jemand besser als die Leiterin des DRK-Landessuchdienstes. "Waren es nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem Soldaten, die ihre Angehörigen gesucht haben und umgekehrt, sind es heute Suchanfragen im Zusammenhang mit Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten."

Trotzdem sind es nicht nur aktuelle Fälle, die beim Landesverband oder den sechs DRK Kreisverbänden Bitterfeld- Zerbst/Anhalt, Halle-Saalekreis-Mansfelder Land, Östliche Altmark, Sangerhausen, Börde und Weißenfels eingehen.

"1953 war ein Geschwisterpaar aus dem Salzlandkreis – damals fünf und sieben Jahre alt – getrennt worden", so Silke Piel. "Die Schwester, inzwischen 69 Jahre alt, hatte sich 2017 bei uns gemeldet, weil sie wissen wollte, was aus ihrem älteren Bruder geworden ist."

Fehlender Nachname bereitet Probleme

Eines der Probleme sei gewesen, dass der aktuelle Nachname des 71-Jährigen nicht bekannt war. "Vier Monate hat es gedauert, dann konnten sich die Geschwister kurz vor Weihnachten wieder in die Arme schließen."

Wenn ein Vermisster ausfindig gemacht wird, werde er in jedem Fall gefragt, ob er Kontakt mit dem Suchenden aufnehmen wolle, sagt Piel. "Wir unterliegen strengen datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Will jemand keinen Kontakt, sind uns die Hände gebunden."

Immer wieder kommt es vor, dass Kinder von ehemaligen DDR-Vertragsarbeitern aus Kuba oder Mosambik ihre Väter suchen. So hatte eine Magdeburgerin 2013 versucht, ihren kubanischen Vater zu finden. Der Hintergrund sei gewesen, dass die junge Frau schwanger war und ihrem Kind den Opa nicht vorenthalten wollte. "Fünf Jahre hat es gedauert, bis wir ihn gefunden haben. Ein hochemotionaler Augenblick", beschreibt die Suchdienst-Leiterin den Augenblick, als sie der jungen Mutter die Kontaktdaten des Vaters mitgeteilt hat.

Suchdienst hilft unterschiedlich weiter

Oft geht es schneller, wie bei der Magdeburgerin, deren Tochter auf Mallorca lebt. Mehr als sechs Wochen hatte sie keinen Kontakt mehr. Die Tochter ging nicht ans Telefon und meldete sich auch anderweitig nicht. "Der Suchdienst hat herausgefunden, dass sich die Tochter im Krankenhaus befand. Auch für solche humanitären Dienste sind wir da", so Piel.

Ganz gleich, ob Suche im Zusammenhang mit Zwangsadoptionen zu DDR-Zeiten oder Suche nach Menschen, die nach dem Krieg in sogenannten NKWD-Lagern der sowjetischen Besatzer landeten – das Aufgabenspektrum ist vielfältig.

"Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes ist ein Auftrag der Bundesregierung aus dem Jahr 1966 und somit politisch verankert", sagt Carlhans Uhle, Landesgeschäftsführer des DRK. Ich bin sehr stolz auf die Arbeit unseres Suchdienstes. Und ich glaube, dass es kaum etwas Schöneres gibt, als Familien zusammenzuführen." In seinen Augen sei der Suchdienst "die direkte Umsetzung der Grundsätze des Roten Kreuzes: über Kontinente und große Zeiträume hinweg menschliches Leid lindern, das durch Flucht und Vertreibung entstanden ist."

1200 Beratungen und 125 Suchen

125 Suchen und 1200 Beratungen verzeichnete der Landesverband im ersten Halbjahr 2018. 43 gehen auf den Zweiten Weltkrieg zurück. "Die Personensuche im Zusammenhang mit dem Krieg oder den Nachkriegswirren geht allerdings verständlicherweise zurück", sagt Piel. "Und laut Bund wird sie bis zum Jahr 2023 weiter gegen null tendieren."

Danach werde es sicherlich einen anderen Umgang mit den Suchkarteien aus dieser Zeit geben, ist sich die 54-Jährige sicher. "Aber wie das aussehen wird, ist noch nicht entschieden."