Magdeburg l Seit Monaten versucht der Lotto-Untersuchungsausschuss des Landtags, die Hintergründe der Millionen-Zockereien in Zerbst zu erhellen. Seit 2018 gibt es dazu einen aufschlussreichen Bericht des auf Geldwäsche spezialisierten Prüfunternehmens SIZ aus Bonn. Sachsen-Anhalts Lottogesellschaft in Magdeburg hat den Bericht in den Schubladen – deren Chefs hielten es aber offenbar monatelang nicht für nötig, die Dokumente dem Ausschuss zu übergeben. Das dürfte sich nun ändern.

Der Prüfbericht analysierte im September 2018 das Wettverhalten der vier Großspieler aus Zerbst und Umgebung. Das Quartett bekam von Oddset allein von Januar bis September 2018 gut 2,1 Millionen Euro überwiesen. Das war fast die Hälfte aller in Sachsen-Anhalt ausgeschütteten Jahres-Gewinne dieser Spielart. Bei den Einsätzen erreichte eine Spielerin sogar den Bundesrekord. Der Bericht zeigt, dass die Truppe im Team und mit System spielte – möglicherweise mit missbrauchten Spieler-Identitäten und zu Lasten der anderen normalen Tipper. Der Prüfer ordnet das als bundesweit „herausragende Ungewöhnlichkeit“ ein.

Ganz oben steht Marie H.: Damals selbst Lottoverkäuferin in Zerbst, spielte sie 2018 bis September 2491 Sportwettscheine. Einsatz: 1.108.001 Euro. Brutto-Gewinn: 1.279.740 Euro und 47 Cent. Bleiben unterm Strich immerhin 171.739 Euro für die Haushaltskasse. Mit diesem Einsatz gebührt ihr die deutsche Wettkrone: Niemand in der ganzen Bundesrepublik brachte es 2018 bei Oddset auf mehr Einsatz als sie.

Zu ihrem Kreis gehörten drei weitere Mitspieler. Die Vierer-Truppe spielte für mehr als 1,9 Millionen Euro – das ist mehr als ein Drittel des ganzen Landesumsatzes bei Oddset Sachsen-Anhalt. Mit einem Brutto-Gewinn von fast 2,1 Millionen Euro flossen 49 Prozent aller Gewinne in die Taschen dieser vier. Die Bilanz ist ordentlich: Nach Abzug der Einsätze und Kosten blieben für sie gut 192.000 Euro übrig.

Lottochefs verdienten mit

Lotto-Verantwortliche in Sachsen-Anhalt schritten lange nicht ein. Sie verdienten an dem Treiben offenbar gut mit: Voran der zuständige Bezirksleiter, der sich 2018 über eine gestiegene Jahres-Brutto-Vergütung von 338.000 Euro freuen durfte.

Der Prüfbericht formuliert den Verdacht, dass Spielerdaten missbraucht und durch die hohen Einsätze auf dieselben Spiele die Quoten zu Lasten Tausender Hobbyspieler verwässert wurden. Dafür gebe es „hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte“. Analysen liefern Hinweise, dass Marie H. die eigentliche Spielerin war und die anderen bloße Gehilfen. Sinn der Sache: Einzelspieler haben ein Tageslimit. Mit den Komplizen, die nur scheinbar selbständig wetten, kann man die Obergrenze umgehen.

Den kompletten Bericht gibt es im E-Paper der Volksstimme.