Magdeburg l Eine Mitarbeiterin der Magdeburger Außenstelle für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) schneidet den Sack mit der Nummer „SN 498“ auf. Die Aufschrift weist auf den Inhalt hin: „Situationsbericht zu den Kampfgruppen im Bezirk Magdeburg / Alter Aktentitel: Kampfgruppen 1956–1957“

Es ist einer von 16.000 Papier-, Jutesäcken, Kartons, einst auch Armeeplanen, in denen dall das liegt, was das MfS ab November 1989 bis Anfang 1990 zerrissen hat. 9000 dieser Behältnisse mit zerstückelten Unterlagen warten in Magdeburg darauf, dass aus den Längs- und Querrissen wieder verwertbare Hinweise auf die Spitzelwut der Stasi und gegebenenfalls schlüssige Beweise werden, durch die MfS-Opfer rehabilitiert werden können.

Geschreddert wurde nur das Wenigste, weiß Außenstellenleiter Jörg Stoye. „Was im Reißwolf landete, ist aber unwiederbringlich verloren. Auch, was gewässert oder verbrannt wurde.“ Geschreddertes Material – es handelt sich um mehrere tausend Säcke – wurde bereits 1991 nach Sichtung durch BStU-Mitarbeiter 1991 endgültig vernichtet.

Bilder

Technische Ausstattung reichte nicht aus

Als sich abzeichnete, in welche Richtung die friedliche Revolution der DDR ging, befahl Stasi-Chef Mielke, alle Unterlagen in die Bezirksverwaltungen des MfS auszulagern, damit sie nicht in die Hände der immer stärker werdenden Bürgerbewegung geraten. Stoye: „Es gab konkrete Anweisungen, was vernichtet werden sollte. Ganz oben auf der Liste standen Dokumente im Zusammenhang mit den Aktivitäten der sogenannten Auslandsaufklärung, also der Spionageabteilung des MfS.“

In der DDR-Übergangsperiode war die Akten–Vernichtung weitergegangen. „Nicht ohne Widerstand und unter Druck stimmten Runder Tisch und Übergangsregierung zu“, heißt es in einem Bericht der Berliner BStU-Zentrale. Zu den zerstörten Dokumenten gehörten auch die der Militärspionage.

Die genaue Größenordnung des vernichteten Materials durch die Stasi 1989/1990 lasse sich bislang nicht seriös angeben, heißt es.

Doch das Ministerium in Berlin hatte die Vernichtungskraft in den Bezirken überschätzt, zumal viele MfS-Mitarbeiter Tabula rasa machten und ihre Büros in weiser Voraussicht beinahe komplett von Papier befreiten. „Die Technik reichte nicht aus. Viele Dokumente wurden deshalb aus den Ordnern herausgenommen und vorerst per Hand zerrissen. Sie sollten später nach und nach endgültig aus der Welt geschafft zu werden.“

Dass das Spitzelministerium Akten vernichtete, gab es allerdings bereits ab Anfang der 1980er Jahre. „Papiere, von denen das MfS ausging, dass sie später nicht mehr von Wert sind wurden ,kassiert‘„, sagt Stoye. „Mitte der 1980er Jahre wurde die Vernichtung forciert, weil die Papiermenge dermaßen groß geworden war, dass es keine Möglichkeit mehr gab, Unterlagen sicher zu lagern. So gibt es einen Aktenvermerk der Archivabteilung XII von 1985, dass die Möglichkeiten der Bezirksverwaltung Magdeburg im Haus 1 (heute Sozialamt) erschöpft sind.“

Warten auf neue Scanner-Technik

Die BStU-„Detektivin“ hebt vorsichtig die erste Lage zerrissener Blätter heraus. „Zumeist ist es so“, sagt sie, „dass zusammengehörende Schnipsel dicht beieinander liegen, was die Grobsichtung natürlich erleichtert.“

Auch die Farbe der Dokumente und die Liniierung helfen weiter.

Die manuelle Rekonstruktion eigne sich allerdings nur für grob zerrissene Dokumente“, sagt BStU-Chef Stoye. Ob kleine Schnipsel einen brisanteren Inhalt haben, könne man bisher nur vermuten.

Eine Computersoftware könnte die Lösung für die langwierige Puzzelei sein. Einige Jahre lang wurde bereits Technik des Fraunhofer-Instituts eingesetzt. Der „ePuzzler“ stellte in einem Testlauf rund 91 000 Seiten aus 23 Säcken wieder her. Das Programm erkannte auf gescannten Seitenfragmenten Merkmale wie Kontur, Beschriftung, Linienverläufe oder Papierfarbe und setzte sie zu vollständigen Dokumenten zusammen.

„Die Software läuft an sich hervorragend“, sagte Bertram Nickolay vom Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen der „taz am Wochenende“. „Sie hat es mit der wahnsinnigen Menge an Fragmenten im Stasi-Archiv aufgenommen und dafür nicht umsonst den Europäischen Innovationspreis bekommen.“

Allerdings wurde für die Stasi-Schnipsel die digitale Aufarbeitung 2013 eingestellt.

Zwar war man auch dort von der Software überzeugt. Aber das Scannen selbst war zu aufwendig. Jeder Zettel musste aus einem Sack herausgenommen, gesäubert, geglättet und in Folie gepackt werden, um die Geräte nicht zu beschädigen. Für die Menge der Schnipsel in 16.000 Säcken viel zu umständlich.

Vor vier Jahren hat die Behörde noch mal zwei Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen, um die digitale Rekonstruktion zu verbessern. Und das Fraunhofer-Institut hat neue Scanner und Konzepte vorgelegt, darunter eine Scanstraße, mit der sich 50 Säcke Schnipsel im Jahr zusammensetzen ließen. Bis die Technik jedoch so weit ist, dass die übrigen Säcke nur in riesige Trichter gekippt und unten die fertigen Seiten ausgespuckt werden, muss die Behörde noch warten.

In jedem Sack liegen zwischen 2500 und 3500 Blätter in Schnipseln. Stoye: „Grob überschlagen gibt es noch 400 bis 600 Millionen dieser Papierteile. Hochgerechnet sind das zwischen 40 und 55 Millionen Blätter.“ In manueller Rekonstruktion seien bisher etwa 1,5 Millionen Blätter aus 500 Säcken zusammengesetzt und in das Archiv sortiert worden. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Warum der Aufwand betrieben wird, diese Frage beantwortet Elmar Kramer von der BStU-Zentrale in Berlin: „Im Stasi-Unterlagen-Gesetz ist festgeschrieben, dass der BStU die Unterlagen, die sich im Archiv befinden, verwahrt, gesichert und für die Nutzung bereitgestellt werden müssen.“

Neben dem Anliegen, Betroffenen Zugang zu den Daten zu verschaffen, die über sie angehäuft wurden, gehe es auch darum, generell anhand der Akten über die Vergangenheit zu forschen. „Da zu den Akten auch die zerrissenen Unterlagen gehören, ist deren Rekonstruktion Teil des gesetzlichen Auftrags.“ Mehr als 3300 Säcke konnten bisher „feingesichtet“ werden. Dabei wurde deutlich, dass das Material aus allen vier Jahrzehnten der DDR stammt.

Bespitzelte Promis und Einblicke in Dopingpra

In der manuellen Rekonstruktion konnten zum Beispiel Dokumente der Bespitzelung und Verfolgung prominenter DDR-Oppositioneller wie Jürgen Fuchs oder Robert Havemann und des regimekritischen Schriftstellers Stefan Heym wiederhergestellt werden. Auch die Zusammenarbeit inoffizieller Mitarbeiter mit dem MfS wurde durch rekonstruierte Akten belegbar.

Ebenso wurden Einblicke in die Dopingpraxis des DDR-Sportes oder die Grenzabsicherung 1961 möglich. Zu den prominenten Funden gehören auch die rekonstruierten Unterlagen zur in der DDR untergetauchten RAF-Terroristin Silke Maier-Witt.

Bei den virtuell rekonstruierten Seiten wurden viele Inhalte aus den späten 1980er Jahren zusammengesetzt. In den Dokumenten finden sich Pläne des MfS für den Verteidigungsfall, ein Untersuchungsvorgang zu einem Nazi-Kriegsverbrecher und die Bespitzelung der Friedensbewegungen in Ost und West. Dazu gehört auch eine umfangreiche Akten des Zuträgers IM „Schäfer“, der in den 1980er Jahren unter Oppositionellen aktiv war.