Dahrendorf l Eigentlich hat er doch geradezu optimale Maße, er ist schlank und hochgewachsen, hat diesen atemberaubenden Rundumblick, hinter ihm altmärkische und vor ihm wendländische Hügelketten … Dennoch hat ihm seine dunkle DDR-Vergangenheit 30 einsame Jahre eingebrockt. Fazit seit 1989: Biertrinkende Vandalen, demolierte Scheiben, ein undichtes Dach, Verfall und Leerstand - ein Schicksal, das auch seine zwei altmärkischen Brüder ereilt hat. Dass er überlebt hat, ist nicht selbstverständlich.

Auch nicht, dass sich einer in ihn verguckt hat. Doch als Rainer Axmann auf einer seiner Motorradtouren den grauen Betonklotz entdeckt hatte, er habe so schön dagelegen, haben ihn weder Skepsis, noch Stirnrunzeln oder Äußerungen wie „Was willste mit dem Turm?“ aufhalten können. 2017 hatte der Gifhorner mit den Worten „Das ist doch mal ein Abenteuer“ zugeschlagen und den Dahrendorfer Turm mitsamt 1000 Quadratmetern Wiese gekauft. Hochstimmung und Wohlwollen bei den Einheimischen, endlich sei einer gekommen, der es ernst mit ihrem Turm meint und sich kümmert … Ja, ein Gifhorner ist jetzt da und findet auch nix Böses am Turm.

Träume wachsen zu Tatendrang

Vielmehr engagiert er sich und macht ihm den Hof, unangenehme Erinnerungen wie der Beiname Todesturm (vor langer Zeit haben sich hier zwei Menschen das Leben genommen) spielen keine Rolle, stattdessen wachsen Träume zu Tatendrang. Zweimal in der Woche legt der 57-Jährige nun Hand an, um den BT44, so sein technischer Name, vielleicht doch noch in ein Schmuckstück zu verwandeln.

Bilder

Außen Originalanstrich mit etwas Patina, innen Wiederherstellung des Ursprungszustandes, eine authentische Dekoration mit Bildern und Geschichten von damals - der ehemalige Maschinenschlosser weiß, dass ohne Strom und Wasseranschluss erst mal nur Improvisation, handwerkliches Geschick und gute Kumpels helfen. Als neulich ein frisch eingesetztes Fenster zerschlagen worden ist, bestand für den Gifhorner kein Grund zum Trübsalblasen. Aufgeben? Sei nicht seine Alternative, so der Grenzturm-Aktivist.

Als Grenzsoldat während der Schicht eingeschl

Und der Turm hat noch einen Freund. Einen von hier, Eckart Wernecke. Der freut sich riesig. Den BT44 (Baujahr 1967) kennt er aus nächster Nähe, schließlich ist er 1950 in Dahrendorf geboren und seinem Heimatort treu geblieben. Dass er in luftiger Höhe auf fast zwölf Metern seine Wehrpflicht auch noch in Dahrendorf verbringen durfte - da war er 19 Jahre jung (1969/70) - kann kein Zufall sein. Äußerst ungewöhnlich war’s, denn als einer mit Ortskenntnis bedeutete das automatisch Flucht.

Der Landmaschinenschlosser, der heute vier Enkel zählt, hat dafür nur eine Erklärung: „Die hatten zu mir großes Vertrauen, naja, und ich muss wohl ne sehr reine Weste gehabt haben.“ Schmunzeln. Auf geführten Rundgängen der Herberge „Am kleinen Weingarten“ kann man mit Ecki Wernecke und Rainer Axmann auf Spurensuche gehen, der eine führt auf den Turm und berichtet von seinem Vorhaben, der andere plaudert aus dem Nähkästchen. Und zwar von früher! „Bananen, Jagdwurst, Apfelsinen - wir Soldaten wurden gut versorgt. Mit dem Essen haben sie uns doch hochgehalten.“

Unerlaubt Pilze im Grenzstreifen gesammelt

Der Rentner gerät ins Schwärmen, seine Augen leuchten, man hängt an seinen Lippen. Statt Geschichten von Minenfeldern, Stacheldraht und Selbstschussanlagen erzählt der traditionell gebaute Wernecke Storys. Von Pfifferlingen und Maronen, die sie am Grenzstreifen im Dienst gesammelt und später gebraten haben, „auch wenn das alles nicht sein durfte.“ Man sieht das Loch in Eckis Jacke, vom Heizkörper in den Rücken gebrannt, weil der Grenzsoldat oben während seiner Acht-Stunden-Schicht vor Langeweile eingeschlafen war, und zwar für zwei Stunden. Später erzählt er noch von seiner Strafe in der Zelle, weil er einen Tropfen zu viel „Wasser“ getrunken hatte. Sogar bei der unausweichlichen Frage bietet der Rentner noch leichte Kost. Ob in seiner Zeit etwas Schlimmes passiert sei? „Nein“, antwortet er vehement, „bei mir gab es keinen Grenzübertritt.“ Dass in dieser Zeit auch ganz viel „Nüscht“ und Dumme-Jungen-Streiche passiert sind, hört man gern.

Bei Rainer Axmann geht es derweil langsam, aber mit Zuversicht voran. Grundsicherung. Das heißt Elektrik, Notstromaggregat, ein kleiner Holz-Ofen und eine Toilette … nur mit Vorsicht ist der Aufstieg über seine schmale Hühnerleiter zu genießen. In der obersten Etage pfeift’s durch die kaputte Scheibe, und obwohl damals allerhand Eisen verbaut worden ist, hat man das Gefühl, dass es auf jeder

Stufe knirscht und jede Ecke wackelt. Von Gemütlichkeit ist weit und breit keine Spur, und doch singen die sieben frisch gesetzten Obstbäume unten auf der Wiese ein Lied vom Neuanfang, gemeinsam will man künftigen Stürmen die Stirn bieten.

Axmanns Visionen sind noch vage - ein Café auf dem Dach, wo sich die Mädels wie nach der Wende sonnen, wäre natürlich irgendwann die Krönung, vorstellbar auch ein Motorradtreffpunkt oder Führungen für Schulklassen, schließlich war der Gifhorner in seiner Schulzeit oft an der Grenze, auf der anderen Seite, begleitet vom Bundesgrenzschutz. Den Grenzstreifen am Harper Sack sucht man von seinem Turm aus vergebens, wer in den Flieger steigt, wird den Schnitt durchs Land - aber auch nur noch als grüne Linie - erkennen. Kaum vorstellbar, dass es insgesamt 578 Grenztürme gab, nach der Wende sind sie peu à peu zurückgebaut worden, drei Türme sind der Altmark - in Hoyersburg, Bömenzien und Dahrendorf - geblieben. Und das ist gut, denn die Suche nach Grenzrelikten ist wieder in Mode gekommen, Up-Cycling steht hoch im Kurs, neben dem Turm sind geschleifte Ortschaften wie Jahrsau und Stresow ebenso populär wie Lochbeton-Platten der Kolonnenwege. Sie werden am Wegesrand gleich mal zur Bank umfunktioniert.

Grenzstreifen von der Natur zurückerobert

Dass die Natur in den zurückliegenden 30 Jahren die meisten Grenz-Spuren verwischt hat, war für den 200 Meter breiten Streifen von Vorteil, mittlerweile ist das Grüne Band berühmt. Mit 1400 Kilometern zieht es sich voller Stolz durch Deutschland und glänzt mit naturbelassenen Gebieten. Drei Biosphärenreservate, 158 Naturschutzgebiete und ein Nationalpark sind hier ebenso zu Hause wie 5200 Tier- und Pflanzenarten. 123 Kilometer, also etwa ein Zehntel, befinden sich in der Altmark. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) organisiert an verschiedenen Punkten regelmäßig Führungen, zwischen dem altmärkischen Dahrendorf und dem wendländischen Harpe geht es mit den BUND-Aktivisten Amanda Hasenfuzs und Thorsten Franz los.

Dass der idyllische Ort, der außer Einheimischen, einer Pension und einigen Künstlern, mal Sperrgebiet war, kann man sich auch heute noch sehr gut vorstellen, denn Dahrendorf liegt noch immer am Ende der Welt, nur selten verirren sich Autos oder Menschen in den Landstrich. Dass hier nur der Wind pfeift und sich die Wolken verschieben, stört die Dahrendorfer sicher wenig - ihr Ort kann auch weiterhin der ruhigste Fleck auf der Welt bleiben.

Übrigens: Rainer Axmann liebäugelt schon mit einem weiteren Turm. Und wer die Führung am Harper Sack verpasst hat, kann bei Lenzen alles in Ruhe nachlesen. Eine Ausstellung im Grenzturm zeigt auch dort den Alltag eines DDR-Wachsoldaten.