Halle/Saale l Anfang November ist ein 15-jähriges Mädchen in Halle von einem Balkon gestürzt, als die Polizei sie wegen Schulschwänzens zum Jugendarrest abholen wollte. Im Interview sprach die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Krankenhaus St. Elisabeth und St. Barbara Halle, Dipl.-Med. Manuela Elz, über die steigende Anzahl von Schulschwänzern und Ursachen einer Schulphobie.

Volksstimme: Nach dem tödlichen Unglück in Halle ist eine neue Diskussion über den Jugendarrest entbrannt. Was halten Sie von dieser Maßnahme?

Manuela Elz: Darüber schwebt akuell ein großes Fragezeichen. Beim Jugendarrest wird das Kind ein paar Tage in Gewahrsam genommen, aber an dem Problem des Schulschwänzens ändert sich nichts. Wir haben auch schon erlebt, dass das Ordnungsamt Kinder gewaltsam zu uns in die Klinik bringen musste, weil es anders nicht ging. Und Gewalt ist natürlich der falsche Weg. Viel sinnvoller und effektiver ist eine Behandlung, auch weil die bei uns behandelten Schulschwänzer im Schnitt ein Jahr oder schon länger nicht mehr in der Schule waren.

Wie häufig werden Sie mit Schulschwänzern in der Klinik konfrontiert?

Das ist in den vergangenen Jahren deutlich mehr geworden. Ungefähr 20 Prozent, das sind ungefähr acht bis zehn Kinder bzw. Jugendliche, unserer vollstationären Patienten sind Schulschwänzer. In der Tagesklinik kann man Schulschwänzer nicht betreuen.

Warum?

Es gibt verschiedene Arten von Schulschwänzern. Es gibt klassische Schulschwänzer, die keine Lust haben, zur Schule zu gehen, faul sind. Und es gibt die Gruppe, die eine richtige Schulangst besitzt. Diese Gruppe muss man noch einmal unterteilen in Kinder, die gemobbt werden, sich vor einem strengen Lehrer oder speziellen Schulfach fürchten, und in Kinder, die eine Schulphobie, vergleichbar mit einer Sozialphobie, haben. Dabei ist immer eine ganz andere Problematik die Ursache. Diese Kinder wollen zur Schule gehen, machen sich am Morgen fertig, aber kommen dann nicht aus dem Haus. Sie haben ein schlechtes Gewissen, verkrümeln sich zu Hause. Sie können nicht in die Tagesklinik, weil sie dort gar nicht ankommen würden.

Warum denken Sie, hat die Zahl der Schulschwänzer zugenommen?

Unsere Beobachtung ist, dass parallel auch die Zahl der psychischen Erkrankungen innerhalb der Familie zugenommen haben. Eltern sind schwächer geworden und viele Kinder haben das Gefühl, sie können von zu Hause nicht weg, weil sie sich um ihre Eltern kümmern müssen. Diese Kinder und Eltern haben oft eine sehr enge Bindung zueinander und können sich schwer voneinander lösen.

Wie wichtig ist es, Eltern in die Behandlung miteinzubeziehen?

Das ist das A und O. Wir kommen bei der Behandlung nicht weiter, wenn wir die Eltern nicht einbeziehen. Deshalb geschieht die Einbeziehung auch schon relativ frühzeitig. Dabei findet dann die systemische Familientherapie Anwendung.

Wie oft haben Kinder in der Klinik Suizidgedanken?

Das ist tatsächlich ein sehr großes Thema, da immer auch depressive Symptomatik eine Rolle spielt. Viele Schulschwänzer bei uns in Behandlung haben schon einmal über Suizid nachgedacht.

Besitzen betroffene Kinder spezielle Charaktereigenschaften?

Das sind Kinder, die häufig unselbstständig sind, die sich übermäßig Gedanken über Dinge machen und verantwortlich fühlen.

Was können Eltern tun?

Sie sollten nicht warten. Wenn sie bemerken, dass das Kind nicht mehr zur Schule will, müssen sie sich Hilfe holen, entweder bei der Jugendhilfe oder beim Kinder- und Jugendpsychiater. Oft täuschen Kinder auch körperliche Beschwerden vor, dann gehen die Eltern zum Arzt und sie werden krankgeschrieben. Die Kinder wiederholen das oft über mehrere Wochen, weil es ein Weg ist, nicht in die Schule zu müssen.