Naumburg l Ende Juni schaute ganz Naumburg nach Bahrain, wo das Unesco-Komitee über die Aufnahme des Naumburger Domes in die Welterbe-Liste entschied. „Wir sind sehr glücklich“ sagte Karin von Welck über den am 1. Juli verkündeten Titel. In all der Freude ging fast unter, dass sie nur zwei Tage zuvor in der langen Geschichte der Vereinigten Domstifter ebenfalls Geschichte schrieb.

Wenn Karin von Welck über die Region an Saale und Unstrut spricht, dann schwingt Ehrfurcht, Freude, ja Glück über diese besondere Kulturlandschaft mit. Kennengelernt hat sie die Region in ihrer Funktion als Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder in Berlin, die sie von 1998 bis 2004 führte und viel auf Reisen war. „Ich weiß noch, wie schön es war, als ich erstmals die Uta von Naumburg im Dom sah“, sagt sie und erzählt von ihrer kleinen emotionalen Bindung zu dieser schönen Frau des Mittelalters, die einst der unbekannte Naumburger Meister erschuf. „Auf dem Schreibtisch meiner Mutter stand in einem Rahmen das Bild der Uta von Naumburg.“

Erste Frau in 1000 Jahren

Jetzt ist die in der Nähe von Köln geborene von Welck, die in Hamburg und Köln Ethnologie, Lingustik und Germanistik studierte, Dechantin der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatsstifts Zeitz. In der 1000-jährigen Geschichte einer der ältesten Einrichtungen in Deutschland übernahm damit erstmals eine Frau den Vorsitz im Domkapitel, dem Aufsichtsgremium der Stiftung.

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„Man hat sich damals schon überlegt, wie ich als Frau in dieser Funktion heißen soll.“

Begriff Domherrin heiß diskutiert

Die Wurzeln der Stiftung gehen weit in die ottonische Zeit zurück. Schon damals gab es Domherren. Mit Karin von Welck aber brach nun fast ein neues Zeitalter in dieser bis dato von Männern geprägten Welt an. Seit 2012 arbeitete die heute 71-Jährige als Domherrin. Eine in Gender-Zeiten merkwürdig anmutende Bezeichnung. „Man hat sich damals schon überlegt, wie ich als Frau in dieser Funktion nun eigentlich heißen soll“, erinnert sie sich. Sie sei ganz froh gewesen, dass man nicht auf Domina beharrt habe, sagt sie schmunzelnd – ein Begriff, den es gibt in einem evangelischen Kloster in Niedersachsen.

Mit ihrer Wahl nun – die Professorin trat die Nachfolge des im Mai plötzlich verstorbenen Curt Becker an – ist sie sozusagen Herrin geworden über die Domstifte Naumburg und Merseburg und das Kollegiatsstift Zeitz. Es geht der Stiftung vor allem ums Bewahren des reichen kulturellen Erbes. 968 wurden die beiden Bistümer Merseburg und Zeitz gegründet, wenig später siedelte der Zeitzer Bischof mit seinem Domkapitel nach Naumburg über. Es waren herausragende geistliche Institutionen im Mittelalter. Heute beherbergen sie nicht nur wertvolle Domschätze und eine kostbare Bibliothek. Dass der Naumburger Dom mit seinem bis 1250 entstandenen Gesamtensemble aus Architektur, Stifterfiguren mit der berühmten Uta und den Glasmalereien außergewöhnlichen Wert hat, bestätigte nun das Welterbe-Komitee mit der Verleihung des begehrten Titels.

Acht Millionen Euro für Welterbezentrum

Damit werde vieles anders, meint die Dechantin. Größere Aufgaben kommen auf die Domstifter zu. „Wir müssen jetzt ganz viel schaffen“, sagt sie. Sie spricht das geplante Welterbezentrum an. Sieben bis acht Millionen Euro sollen in ein Gebäude direkt am Domplatz investiert werden. Die ehemalige Bischofskurie soll zukünftig die Besucher empfangen. Der Ticketverkauf mit dem Shop platzt jetzt schon bei einer Busladung aus allen Nähten. Spätestens 2022 sollen am Domplatz 1 die Besucher empfangen werden. Und dort soll es mehr geben als nur Ticketverkauf und Shop. „Wir wollen über die wunderschöne Saale-Unstrut-Region mit ihren vielen Schätzen erzählen, die entdeckt werden können. Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, einige Tage vor Ort zu bleiben“, so die Dechantin.

„Wir möchten das Kulturerbe in einem möglichst guten Zustand an die nächste Generation weitergeben.“

Sie ist sich sicher: Es werden auch mehr Gäste aus dem Ausland kommen. Die Domführer, die noch nicht fließend englisch können, müssen sich auch auf diese Situation einstellen. Erste Gastronomen wollen Englischkurse für ihr Personal organisieren.

Welterbe-Titel bietet große Chance

Um Gäste erst zu locken, dann zu halten, müsse sich manches ändern, weiß Karin von Welck. „Ich habe das Gefühl, dass noch nicht alle Menschen in Naumburg und der Umgebung realisiert haben, welche große Chance der Welterbe-Titel für Naumburg und die Region bedeutet.“ Seit der Titelvergabe seien jetzt schon 20 Prozent mehr Gäste in den Dom geströmt als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. 130.000 Besucher werden jährlich gezählt. Es gab schon bessere Zeiten mit mehr als 160 .000 Interessierten. Es dürfen auch gern noch mehr werden, sagt die Dechantin.

Sie sieht sich in einer Vermittlerrolle: Domkapitel, Verwaltung, die vielen Partner außerhalb der Stiftung.

Kulturerbe weitergeben

Karin von Welck hat sich in vielen Arbeitsjahren ein gutes Netzwerk aufgebaut. Sie kennt sich aus in der Politik, in der Stiftungs- und Sponsorenlandschaft. Sie leitete Museen wie das Reiss-Engelhorn-Museum der Stadt Mannheim, knüpfte Kontakte als Kulturstiftungs-Generalsekretärin. Als sie in Hamburg als Kultursenatorin aufhörte, 2010 war das, wurde sie von den Domherren auf das Ehrenamt in Naumburg angesprochen. Man muss sie nicht fragen, ob sie damals lange überlegen musste. Diese Region, das spürt man im Gespräch, liegt der bei Lübeck lebenden Kulturfrau am Herzen. Für die „große Herausforderung“ als Dechantin sei die Abwägung schwieriger gewesen.

Karin von Welck spricht von der Aufgabe, das Kulturerbe in einem „möglichst guten Zustand an die nächste Generation weitergeben zu können“. Sie nennt die derzeitige Restaurierung der 267 Glasfelder im Westchor des Naumburger Domes. 1,2 Millionen Euro kostet das Restaurierungprojekt, eines der größten der vergangenen zehn Jahre in Deutschland. Eigens dafür wurde in direkter Nachbarschaft zum Dom eine Werkstatt eingerichtet. „Als krönenden Abschluss dieses Projektes planen wir eine große Ausstellung“, kündigt sie an. Zudem gibt es Signale, dass auch Gelder für die Fenster im Ostchor fließen werden. Auch sie sind von Umwelteinflüssen stark beschädigt.

Nicht nur Naumburg im Fokus

Aber der Fokus der Domstifter liegt nicht nur auf Naumburg. So soll in das ehemalige Franziskanerkloster in Zeitz die evangelische Grundschule einziehen. 2021 soll sie eröffnet werden. Und für das dortige Wilhelminenstift, das im Moment leer steht und für das Gelder bewilligt wurden, um das Dach zu decken, suchen die Domstifter nach einer Nutzung. Vielleicht zieht ein Kindergarten ein?

Naumburg, Merseburg, Zeitz, die Saale, die Unstrut, ein Gebiet mit Kirchen und Adelssitzen, die dem Burgenlandkreis seinen Namen gegeben haben. Karin von Welck meint, dass die Akteure in der Region mit dem Welterbetitel stärker zusammengefunden haben. Man müsse sich aber weiter gemeinsam auf den Weg machen. Zu viele würden noch verhalten reagieren, wenn sie frage, ob der Gesprächspartner denn schon mal in Naumburg war.