AusstellungDer Baukünstler von Magdeburg

Carl Krayl zählte zu den bedeutenden Architekten des Neuen Bauens in den 1920er Jahren. Eine Ausstellung in Magdeburg ist ihm gewidmet.

Von Grit Warnat 20.10.2016, 01:01

Magdeburg l Der Erste Weltkrieg mit Tod, Zerstörung, Leid war gerade vorbei, als Künstler, Städtebauer und Architekten von Visionen eines anderen, neuen Lebens geprägt waren. Auch Magdeburg brach in die Moderne auf. Bruno Taut (1880–1938) wurde zum Stadtbaurat ernannt. Taut wollte der Stadt an der Elbe, geprägt von preußischen Festungen und grauer Industrie, ein neues Gesicht geben. Dafür holte er sich im Mai 1921 Carl Krayl (1890–1947) an seine Seite. Beide schätzten sich nicht nur als Freunde, sie waren auch im Geiste verwandt, trugen euphorische Aufbruchstimmung in sich.

Tauts erste Personalentscheidung war denn auch Krayl, nicht Johannes Göderitz, der später für die Stadthalle verantwortlich zeichnete. Krayl übernahm einen Architektenposten in der Bauverwaltung, stand eng an der Seite von Taut, wurde Projektleiter für farbige Hausanstriche. Fast 100 Fassaden wurden damals farbig gestaltet, die beiden Architekten holten dafür Künstler wie den Maler Oskar Fischer (1892–1955) nach Magdeburg. Und natürlich gestaltete Carl Krayl selbst: 35 Häuser trugen seine expressionistische Handschrift. Die Otto-Richter-Straße in Magdeburg steht beispielhaft für das außergewöhnliche, in der Bürgerschaft äußerst umstrittene Farb-Programm, mit dem Magdeburg als bunte Stadt warb. Und während große deutsche Tageszeitungen, sogar internationale Presse auf das mutige Tun an der Elbe blickten, soll Krayl geäußert haben, dass er wohl bald ermordet werde, wenn er nicht aufhöre.

Expressionistisch war nicht nur seine Farbgebung, sondern anfangs auch seine Art zu bauen, wie Zeichnungen vom temporären Pavillon für den Schokoladenfabrikanten Hauswaldt zeigen. Das futuristisch aussehende Gebilde war Blickpunkt auf dem Ausstellungsgelände am Adolf-Mittag-See. Grundrisse, Lagepläne und Schnittzeichnungen gibt es vom Bau, der nach zwei Jahren abgetragen wurde. In der am 27. Oktober öffnenden Ausstellung im Kulturhistorischen Museum wird der Besucher erstmals diesen legendären Pavillon dreidimensional erleben können.

Später dann die Zuwendung zur Sachlichkeit. Imposante Großbauten stehen dafür: Das AOK-Gebäude in der Lüneburger Straße, das Gewerkschafthaus, Teile der Siedlung Cracau als letztes großes Siedlungsprojekt in Magdeburg mit der Gestaltung von Fenstern und Türen, die Curie-Siedlung, das OLi-Kino.

„Das AOK-Gebäude hat Krayl überregional bekannt gemacht. Er war mit diesem Bau auf der Architektur-Landkarte angekommen“, sagt Michael Stöneberg, Kurator für Zeitgeschichte am Kulturhistorischen Museum Magdeburg. Krayl und Maximilian Worm entwarfen Fenster aus Glasbausteinen, ein Glasdach, um mehr Licht in die Innenräume dringen zu lassen. Nicht nur architektonisch stand das Haus für modernes Bauen, sondern auch inhaltlich mit seinen dort angesiedelten medizinischen Einrichtungen.

„Er war Held und zugleich tragischer Held“, sagt Stöneberg. Der Kurator meint mit Blick auf die Biografie die Lebenseinschnitte, als Krayl, längst als freier Architekt in Magdeburg arbeitend, nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten keine Aufträge mehr erhielt, die Durststrecke sich jahrelang hinzog. Das von ihm entworfene Gewerkschaftshaus war im Rohbau fertig. da wurde er von der Bauleitung abberufen. „Ein Berufsverbot gab es nie. Aber er erhielt einfach keine Beauftragungen mehr von öffentlichen und halböffentlichen Bauherren“, sagt Stöneberg. 1936 übernahm er den Auftrag der Spediteurin Martha Dehne, ein Lichtspieltheater zu errichten. Seine Ideen für das OLi konnten nur teilweise umgesetzt werden.

Krayl, der mit seiner Frau und seiner Tochter in Magdeburg-Reform ein von Taut entworfenes Reihenhaus bewohnte, zog nach Werder (Havel), nachdem er eine Stelle in der Berliner Baudirektion der Reichsbahn angenommen hatte. „Er hat sich von der Nazi-Verwaltung einspannen lassen müssen, um die Familie ,durchzubringen“, sagt Stöneberg. Später sei Krayls Name im Team für Entwürfe zu Bauten in der von Albert Speer geplanten Nord-Süd-Achse in Berlin aufgetaucht. Nach Kriegsende habe er kurzzeitig am Wiederaufbau Berlins mitgearbeitet.

Aber Carl Krayl kam nicht mehr auf die Beine. Sein Wohnhaus wurde zwangsgeräumt, Zeichnungen gingen für immer verloren. 1946, so erzählt Stöneberg, sei nach einem schweren Unfall in Magdeburg eine Wiederbeschäftigung bei der Reichsbahn nicht möglich gewesen. Carl Krayl starb 1947.

Während sein Mentor Bruno Taut bis heute als wichtiger Vertreter des Neuen Bauens weithin bekannt ist, ist Krayl selbst in Magdeburg, wo einst seine wichtigsten Bauten entstanden sind, eher ein Unbekannter geblieben. Michael Stöneberg erklärt das nicht nur mit der NS-Zeit, in der künstlerischer Mut jener Zeit mit Füßen getreten, die Avantgarde ausgegrenzt und das Bauhaus geschlossen wurde, sondern auch mit der DDR, in der das Neue Bauen jahrzehntelang nicht gewürdigt wurde. „Carl Krayl ist ein bedeutender Architekt der Moderne, aber ein in Vergessenheit Gebliebener“, sagt Stöneberg.

Carl Krayl hat das Magdeburger Stadtbild mitgeprägt. Mit dieser Retrospektive tritt er erstmals aus dem Schatten des viel bekannteren Taut.