Rettungsdienst

Der Notruf hat Personalnot

Wer die 112 anruft, hofft auf schnelle Hilfe. Das gilt am heutigen Tag des Notrufs wie an jedem Tag. Doch die Retter haben eigene Sorgen.

Magdeburg l Das Telefon klingelt wie jedes andere Telefon auch. Aber jedes Mal, wenn in der Leitstelle der Feuerwehr in Magdeburg ein Gespräch eingeht, kann am anderen Ende ein Mensch in Lebensgefahr schweben. Das bedeutet große Verantwortung. „Ich nehme meine Arbeit eigentlich nicht mit nach Hause, aber manchmal denkt man eben doch drüber nach“, sagt Schichtleiter Frank Otto.

Frank Otto überblickt von seinem Arbeitsplatz sieben Bildschirme. Drei sind für die Koordination von Rettungs- und Feuerwehrwagen, einer zeigt die Hubschrauberrettung, einer die Brandmelder großer Gebäude, ein weiterer kommt bei Systemausfällen zum Einsatz. Er und drei Kollegen beantworten an diesem Dienstagvormittag die Anrufe. Dabei sind sie routiniert und konzentriert. Sie fragen genau nach: Wie heißt der Kranke? Auf welchem Stockwerk ist die Wohnung? Ist der Kranke in der Nähe, sehen die Männer auf den Bildschirmen der Videoüberwachung, wie nur knapp 20 Sekunden später ein Rettungswagen vom Hof des Gebäudes rollt. 13 Rettungsleitstellen gibt es insgesamt in Sachsen-Anhalt. Die Leitstellen Magdeburg, Harz und Altmark nehmen im Jahr jeweils 60 000 Notrufe entgegen. In der Börde sind es circa 30 000 Notrufe. Technisch sind zum Beispiel die Leitstelle in Magdeburg und die Leitstelle in Burg auf dem neuesten Stand. Die wichtigste Ressource seien aber die Mitarbeiter, sagt Ralph Friesecke von der Magdeburger Leitstelle. „Wir brauchen frische Leute.“

Denn die Personalplanung bereitet dem Dienststellenleiter zurzeit Sorgen. „Wir haben einen sehr hohen Krankenstand, dazu noch zu wenig Nachwuchs“, erzählt Friesecke. Aktuell arbeiten tagsüber vier und nachts drei Disponenten in der Leitstelle. Sie sind zwölf Stunden im Einsatz und haben dann 24 Stunden frei. Eine mit einem Wochenende vergleichbare Regelung gibt es wegen Personalknappheit nicht.

Ist der hohe Krankenstand ein generelles Dilemma? In der Leitstelle Burg zumindest gibt es damit kein Problem, ergab eine Nachfrage. „Alle Personalstellen sind entsprechend besetzt“, sagt Kreissprecherin Claudia Hopf-Koßmann.

In der Magdeburger Leitstelle gibt es 20 Disponenten. Ihr Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. Obwohl Disponenten zwischen 2000 und 2500 Euro netto verdienen, seien wenige Feuerwehrleute am einsamen Telefondienst interessiert.

Klar sei der Schichtdienst unattraktiv, sagt Friesecke, aber viel schwerer wiege die Belastung durch nicht-notfallbezogene Anrufe. „Oft ist es da schwer, die richtige Entscheidung zu treffen. Sie sind ja nicht in einem Call-Center und bestellen einen Pullover.“

Schichtleiter Frank Otto in Magdeburg schätzt, dass nur 70 Prozent der Anrufe akute Notfälle sind. Festzustellen, wer wirklich schnell Hilfe braucht, ist aber fast unmöglich. „Manche Leute übertreiben, manche untertreiben.“ Manchmal schickt die Leitstelle keinen Rettungswagen los, dann aber immer mit dem Zusatz, der Patient solle sich bei einer Verschlechterung des Zustands wieder melden.

Dass nicht-kritische Patienten in der Notaufnahme eintreffen, bestätigt Dr. Markus Rettig, ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme im Universitätsklinikum Magdeburg. „Ehe die Sanitäter falsch handeln, fahren sie den Patienten eben zu uns.“ Dann könne ein Arzt feststellen, dass keine Gefahr besteht.