Magdeburg l An den ersten Besuch bei ihrer Großmutter in Vietnam kann sich Steffi Wagner noch ziemlich genau erinnern. „Ich war sechs Jahre alt und habe kein Wort von dem verstanden, was meine Oma gesagt hat und umgekehrt genauso.“ Sie bedauert, dass sie nicht zweisprachig aufgewachsen ist. „Obwohl mein Vater Vietnamese ist, haben wir zu Hause nur Deutsch gesprochen.“

Doch inzwischen ist die Scharte ausgewetzt. Steffi und Lars Wagner haben die Sprache, die für dieselben Worte gleich mehrere Bedeutungen hat, die sich lediglich nach der Art und Weise der Aussprache unterscheiden, gelernt. Lars: „Drei Jahre lang, immer sonntags. Das war keine leichte Nummer.“ Und seine 30-jährige Ehefrau schmunzelt: „Als wir 2018 im Vietnam waren, konnte ich mich mit meiner Oma das erste Mal unterhalten.“

Ein wichtiger Grund, warum sich die Magdeburger mit der austroasiatischen Sprache so intensiv befasst haben, ist, dass Sprachkenntnisse eine Voraussetzung dafür sind, für den Aufenthalt zwischen Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt ein Fünfjahresvisum zu bekommen. Unterstützung erhielten die zwei zudem vom vietnamesischen Förderverein in Magdeburg, der sie bei ihrer Unternehmung begleitet.

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Das Fünfjahresvisum und die Sprachkenntnisse brauchen die beiden, wollen sie doch an einer Privatschule in Vinh (Provinz Hatinh) Deutsch lehren. Lars Wagner, der eine Zeitlang Theologie studiert hat, fühlt sich zudem für die seelsorgerische Seite zuständig.

Steffis Vater kam vor 30 Jahren in die DDR und hat an der Technischen Hochschule in Magdeburg Bauingenieur studiert. „In jener Zeit hat er auch meine Mutter kennengelernt, und sie haben geheiratet“, erzählt die junge Frau. „Aber nach 1989 musste er nach Vietnam zurück. Erst nach vier Jahren durfte er wieder nach Deutschland kommen.“

Die Liebe zu Vietnam sei ihr schon in die Wiege gelegt worden, sagt Steffi Wagner. Und die Geschichten über den Opa, der im Krieg gegen die USA auf nordvietnamesischer Seite gefallen war, habe sie schon als Kind interessiert.

Nach ihrem Studium an der Magdeburger Uni mit der Ausrichtung Gesundheit/Reha machte sie ihren Bachelor-Abschluss als Sportwissenschaftlerin. Schon während des Studiums hatte sie im „Zentrum für Gesundheit und sensormotorisches Training“ in Magdeburg gearbeitet. Seit drei Jahren ist sie in dem Zentrum fest angestellt.

Doch ihre Wurzeln hat Steffi Wagner nie vergessen. „Als mein Mann und ich 2016 in der Heimat meines Vaters waren, entstand bei uns zuerst die Idee, meiner Familie zu helfen. Hintergrund war, dass es um Jobs in Vietnam nicht allzu gut bestellt ist.“ Doch daraus sei mehr geworden. „Wir gründeten die Firma ,SL7 Wagner Sports‘. Ein Fairtrade-Unternehmen, das Sport-BH für Deutschland produziert.“ Allerdings habe es da auf Dauer mit den häufig sehr abweichenden Größen der BHs Probleme gegeben und die Magdeburger stiegen aus.

„2018 haben wir dann in Hatinh ein Krankenhaus besucht“, erinnert sich Lars Wagner. „Dort haben wir auch eine Menge kranker Kinder gesehen. Ein kleiner Patient hatte sein Bein verloren. Daraufhin haben wir uns entschlossen, den Menschen in Vietnam irgendwie zu helfen.“ Doch eine konkrete Vorstellung habe man vorerst nicht gehabt.

Der passionierte Triathlet Lars knüpfte bei einem Spenden-Wettkampf in Hamburg Kontakte zu einer Hilfsorganisation. „Ich fand die Idee vietnamesischen Bauern eine Kuh auf Kredit zu finanzieren und mit dem zweiten Kalb den Kredit zurückzuzahlen, super.“

2019 hörten sie dann im mittelvietnamesischen Vinh, einer 490.000-Einwohner-Stadt, dass dort an der gemeinnützigen Schule für Bildung und Arbeitskräfte „ICO Euro“, die in der Bildung und internationalen Arbeitskräftevermittlung tätig ist, zwei Deutschlehrer gesucht werden. ICO Euro ist auf den europäischen Markt, insbesondere den deutschsprachigen Markt spezialisiert.

„Bei der Ausbildung wollen wir zugleich geeignete Sprachschüler ansprechen und sie für eine Arbeit in der Pflege in Sachsen-Anhalt begeistern“, sagt Steffi Wagner. Großes Interesse gebe es bei einem Unternehmen, das zwischen Arendsee und Zeitz mehrere Einrichtungen betreibt“, so die 30-Jährige weiter.

Mit ihrem Vorhaben stoßen die Magdeburger in eine Marktlücke und liegen völlig auf der Linie von Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD), der erst vor wenigen Wochen in Vietnam war.

Der Minister sieht durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Land eine Möglichkeit, dem akuten Fachkräftemangel in Sachsen-Anhalt die Stirne zu bieten. „Allein im Oktober blieben bei uns rund 20.000 Stellen unbesetzt“, sagte er. „Experten gehen davon aus, dass der Fachkräftebedarf aufgrund des Bevölkerungsrückgangs bis 2023 auf 300.000 ansteigen wird. Wir kommen deshalb nicht umhin, ausländische Fachkräfte zu gewinnen.“

Mit Blick auf die Gewinnung von Fachkräften sei es in Vietnam gelungen, neue Kontakte zu knüpfen. „Ein herausragendes Projekt ist die Kooperation der Partnerstädte Wernigerode und Hoi An“, so Willingmann.

Schon in diesem Jahr sollen bis zu 30 junge Vietnamesen nach sprachlicher Qualifizierung in Vietnam zur Ausbildung in den Harz kommen und zu Hotelfachleuten, Altenpflegern und Industrie-Fachkräften ausgebildet werden. „Derartige Projekte können einen Beitrag dazu leisten, Fachkräftebedarfe in der Pflege und weiteren Branchen zu bedienen, wenngleich sie nicht eine alleinige Lösung für Fachkräfteengpässe sind.“

Steffi und Lars Wagner haben sich eine kleine Hintertür offen gelassen, wenn sie in Vietnam doch nicht Fuß fassen. „Unsere Wohnung in Magdeburg behalten wir erst einmal“, sagt die 30-Jährige. „Nach einem Jahr wollen wir uns zusammensetzen und entscheiden, wie es weitergeht.“

Furcht vor dem Schritt auf einen anderen Kontinent haben beide nicht und auch an Ideen mangelt es ihnen nicht. „Uns schwebt eine Begegnungsstätte vor, eine Art Deutsches Haus. Damit sich Vietnamesen und Deutsche besser kennenlernen.“