Magdeburg l Die Szenerie wirkt zunächst noch verschwommen und zweidimensional. Doch die schwarze Brille mit den kleinen Antennen an den Rändern ändert alles: Plötzlich steht René Maresch im Obergeschoss eines Einfamilienhauses, Stil Bauhaus, ganz so, als wäre er wirklich da.

Der Blick wandert über die Holzdielung zu einer Treppe ins Erdgeschoss, unten weitet sich der Raum zu einem großzügigen Wohnzimmer. Die Einrichtung perfekt abgestimmt: ein funktionaler Holztisch, passende Stühle, eine Vase mit Blumenmustern. Draußen auf dem Hof prasselt der Regen aufs Pflaster, fahles Licht fällt in den Raum, sogar die Scheiben sind beschlagen. Oben, nebenan, öffnet eine schmale Tür den Weg in ein kleines Bad, eine Dusche mit Glaswänden, weißes Waschbecken, schlichte Toilette. Beim Schreiten durch die Räume gleitet die Umgebung ruckelfrei vorbei. Nur beim Blick in den Spiegel zeigt sich kein Gesicht.

„Am liebsten würde ich jetzt mal die Treppe hinuntergehen“, sagt Maresch nach einer Weile. Allein das ist noch nicht möglich – irgendwann kommt die Wand. Wir sind im „Elbedome“ des Fraunhofer-Instituts im Magdeburger Wissenschaftshafen. Wer sich an das Holodeck der Raumschiff-Enterprise-Reihe in den 90er Jahren erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch.

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Modernisierung für 2,5 Millionen Euro

Für 2,5 Millionen Euro, davon 2,2 Millionen Fördergeld, ist hier in den vergangenen zwei Jahren der 2006 errichtete erste „Elbedome“ umfangreich modernisiert worden. Mit dem Update ist nach Institutsangaben ein europaweit einzigartiges 3-D-Labor für virtuelle Simulationen entstanden. Die Einzigartigkeit beginnt schon mit der Größe, sagt René Maresch, der schlanke Mann ist Sprecher des Instituts. Allein die Projektionsfläche wuchs durch die Modernisierung von 300 auf mehr als 400 Quadratmeter. Eine Plattform, von der die Nutzer früher auf die Leinwand blickten, ist verschwunden. Stattdessen wird der Boden zum Bestandteil der virtuellen Realität.

Tatsächlich steht, wer das Labor betritt, in einer beeindruckenden, nach oben offenen Halbkugel. Ein Netzwerk von 40 Computern und 25 modernsten Projektoren erschafft im 360-Grad-Panorama jede nur denkbare Realität. Vom vorzeitlichen Fischerdorf über Windparks bis zur Simulation eines Motors sind alle Szenarien möglich. All das ist weder Selbstzweck, noch dient es in erster Linie der Unterhaltung, sagt Maresch. Das Labor hat eine klare Funktion: Als Partner der vielfach kleinen und mittelständischen Unternehmen im Land soll es zuallererst deren Forschungsschwäche kompensieren und ihnen kostengünstig die Entwicklung neuer Technologien und Produkte ermöglichen.

Die Projektion eines Einfamilienhauses ist dabei ein Anwendungsbeispiel, sagt Maresch. Denkbare Kunden sind Architektur- oder Planungsbüros. Diese können im Labor komplett durchgeplante Häuser erschaffen und mit ihren Kunden durchschreiten.

Durchmesser des Elbedomes: 16 Meter

Durch die Größe des Elbedomes mit 16 Metern Durchmesser sind Darstellungen im Maßstab von 1:1 kein Problem. Änderungswünsche können in die virtuelle Realität übernommen und in Echtzeit auf ihre Wirkung hin überprüft werden. Sonst häufig auftretende Planungspannen werden so entscheidend reduziert, sagt Maresch. In ähnlicher Weise können Firmen ganze Werkbänke, aber auch technologieintensive Entwicklungen wie Motoren oder Fahrzeuge erschaffen. Das Labor soll der Wirtschaft im Land auf so den Sprung in die Digitalisierung und das Industriezeitalter 4.0 erleichtern. Die Möglichkeiten des Elbedomes enden dabei nicht länger bei der dreidimensionalen Darstellung.

Dank der Modernisierung können Nutzer jetzt auch mit Hologrammen interagieren. Wie das geht, macht Elbedome-Leiter Steffen Masik an diesem Nachmittag im Labor am Beispiel eines Roboters-Hologramms vor. Die menschenähnliche Figur steht zunächst regungslos vor ihm, bis Masik sich einen Sensorhandschuh überstreift. Die Projektoren zeigen ihm rot markierte Punkte an, an denen er sein Gegenüber bewegen kann. Der Ingenieur greift nach dem Arm des Roboters. Die Maschine folgt seiner Bewegung, lehnt sich weit nach vorn. Mögliche Anwendung: „Entwickler von Fabrikhallen können so etwa austesten, wie sie ähnliche Roboter optimal in Produktionsabläufe einbetten können“, erklärt Masik.

Hohe Nachfrage seit Eröffnung

Während der Vorläufersimulator noch ein besseres 3-D-Panorama-Kino mit Laser-Technik gewesen sei, eröffneten sich mit dem Update ganz neue Optionen, sagt Masik. „Aus der virtuellen wird eine gemischte Realität.“ Die Anwendungsmöglichkeiten steigen damit deutlich. Wie genau Firmen das Labor nutzen können, dazu berät das Fraunhofer-Institut Unternehmen seit der Eröffnung im Mai. Die Nachfrage ist hoch, sagt Sprecher Maresch. Fast wöchentlich gebe es neue Anfragen.

Die Dienstleistungen reichen von der klassischen Erlebnistour im dreidimensionalen Raum über Kreativ-Sitzungen bis hin zum Lernaustausch von Kollegen. Am Ende verfolgen die Elbedome-Mitarbeiter aber vor allem ein Ziel: „Die Interaktion mit der Technik soll Spaß machen“, sagt Elbedome-Leiter Masik.

Dafür, dass das klappt, sorgt im Labor oft auch das Verschwimmen der Grenzen von virtueller und realer Welt. Nach der Simulation mit dem Roboter stolpert Elbedome-Leiter Masik fast über einen Hocker. „Die Simulationen sind hier eben so gut, dass man manchmal nicht unterscheiden kann, was simuliert und was echt ist“, sagt Masik. Kollege Maresch gibt ihm mit einem Lächeln recht.