Halberstadt l Im Teppichsaal des Domschatzes ist es recht dunkel und sehr still. Besucher flüstern, wohl ehrfurchtsvoll, weil das, was sie da geschützt hinter dem Vitrinenglas sehen, so eindrucksvoll alt und trotzdem so erstaunlich gut erhalten ist. Die Teppiche sind romanischen Ursprungs. Mit ihren 800 Jahren gehören sie zu den ältesten gewirkten Bildteppichen der Welt.

Auf der einen Seite der monumentale, höchst fein gearbeitete Abraham-Engel-Teppich mit Szenen aus dem Alten Testament, daneben der Christus-Apostel-Teppich. Beide entstanden um 1150 und 1170 in Mitteldeutschland. Da gab es noch den Vorgängerbau des heutigen gotischen Domes. Jahrhundertelang haben die kostbaren Wirkereien an hohen Feiertagen das Chorgestühl geschmückt. Manches wurde bis 1930 für die Gottesdienste genutzt. „Es waren Gebrauchsgegenstände“, sagt Superintendentin Angelika Zädow.

Bundespräsident war erstaunt

Seit zehn Jahren nun schmücken die wertvollen Wirkarbeiten den Teppichsaal des sich seitdem neu präsentierenden Domschatzes. Als ihn der damalige Bundespräsident Horst Köhler zur feierlichen Eröffnung betrat, war er erstaunt angesichts der Pracht. „Das ist ja unglaublich“, hatte er gesagt und angefügt, dass er schon vor seinem Besuch von diesen Teppichen gewusst habe, „für die Halberstadt weithin so berühmt ist“.

Draußen vor der Tür hatten sich damals Schlangen gebildet. Viele Menschen wollten sehen, was in vielen Jahren zuvor restauriert worden ist und wie die historischen Räume der Domklausur mit den wertvollen Reliquiaren, geistlichen Gewändern, den romanischen Teppichen wirken. Werkstätten und Depots waren zudem eingerichtet worden, ein Anbau modern gestaltet. Rund acht Millionen Euro hatten EU, Bund, Land und private Spender investiert.

Anfangseuphorie ist vorbei

Im ersten Jahr nach der Eröffnung kamen 100. 000 Besucher. Im vergangenen Jahr waren es 30. 000. 460. 000 Gäste insgesamt wurden bis dato gezählt. Eine stolze Zahl, aber die Anfangseuphorie ist vorbei. Sich stets neu erfinden ist schwer möglich für einen Domschatz. „Die Hauptwerke sind ausgestellt“, sagt Katrin Tille.

Die Referatsleiterin Forschung und Publikation des Domschatzes verweist auf konservatorische Gründe und die Funktion des Hauses, das kein klassisches Museum sei, sondern hauptsächlich konservatorische und restauratorische Aufgaben erfülle. Dafür gibt es bei der Kulturstiftung einen festangestellten Restaurator, zudem ein breit aufgestelltes Team aus freien Restauratoren, jeder für sich eine Fachkraft auf den jeweiligen Gebieten von Buchkunst über Holz bis hin zu den Textilien. Viermal im Jahr gibt es gemeinschaftliche Treffen.

George Clooney ist begeistert

Trotz aller konservatorischer Abwägungen wurden 2013 und 2015 einige der Handschriften sowie seltene Arbeiten der Buchkunst aus dem gut klimatisierten und behüteten Depot in die Ausstellung geholt. Die Kostbarkeiten sind so lichtempfindlich, dass damals einige Handschriften in der schon sehr begrenzten Ausstellungszeit dreimal umgeblättert werden mussten.

Insgesamt gehören 40 wertvolle Handschriften zum Halberstädter Domschatz (zahlreiche Werke der ehemaligen Dombibliothek befinden sich seit 1945 in russischen Archiven und Bibliotheken). 650 Objekte gibt es insgesamt, bestehend aus über 1000 Stücken. Das älteste ist das römische Konsulardiptychon aus dem Jahre 416, zwei elfenbeinerne Schreibtafeln. Sie wurden einst in Werkstätten von Ravenna geschnitzt. Wie sie nach Halberstadt kamen, ist nicht überliefert. Nicht das einzige Geheimnis dieses Schatzes.

Keine Sonderschau

Zum Jubiläum gibt es keine Sonderschau mittelalterlicher Depotstücke. Eine Dalmatika wird gezeigt, ein für die Liturgie gebrauchtes Gewand Albrechts von Brandenburg. Das weiß-rote Seidengewebe, datiert Anfang des 16. Jahrhunderts, war vor anderthalb Jahren Leihgabe für die Luther-Ausstellung in den USA. Im Vorfeld der Leihe wurde es restauriert, es gibt ein Gutachten und eine Dokumentation – und zudem eine passgenaue Figurine.

Im Depot lagert das Gewand horizontal, dunkel und gut gelüftet. Jedes Umlagern, so sagt Katrin Tille, sei eine Belastung für das Gewebe. „Aber ich freue mich, wenn das Gewand ausgestellt wird“, meint sie, weil es wieder einen neuen Blick gibt in die Vielfalt des wertvollen Domschatzes, der zu den wenigen gehört, die über die Kriege hinweg – auch mit viel Glück und Zufall – erhalten geblieben sind.

Sonderführungen in der Schatzkammer

Zum 10. Geburtstag am heutigen 13. April wird es Musik, Kunst, Pantomime geben, ebenso Sonderführungen in der Schatzkammer, eine Uraufführung von Can Arslan, dem Ballettchef des Nordharzer Städtebundtheaters. Im Teppichsaal ist die Musikinstallation von Thomas König zu hören, der sich 2014 hat inspirieren lassen von den gewebten Schätzen. Und im Oberen Kreuzgang zeigt die Halberstädterin Marita Spiller Malerei und Collagen in der Ausstellung „Gewebt, gewirkt, bestickt“. Spiller war es auch, die 2010 die erste, man könnte sagen Korrespondenzschau zur mittelalterlichen Kirchenpracht gestaltete. Immer wieder hat die Domschatzverwaltung zeitgenössische Künstler geladen, um mit heutiger Kunst neue Akzente zu setzen und Besucher, die die kostbaren Reliquien, Teppiche, Gewänder schon irgendwann gesehen haben, noch einmal zu locken.

Ausgestellt werden auch Besucherbücher. „Hoffentlich bleibt dieser Schatz noch lange erhalten“, hat ein Gast 2015 geschrieben. Und im Goldenen Buch des Domschatzes hat sich George Clooney mit seiner Unterschrift verewigt. Der Schauspieler war an einem Sonntag im Herbst 2012 mit Locationscouts incognito das allererste Mal im Dom. Er wurde tatsächlich nicht erkannt.

Nach 20 Minuten hat er gesagt „It’s perfect!“ und damit entschieden, die Eingangsszene des Films „The Monuments Men“ im Halberstädter Dom zu drehen. Zur Domschatz-Nacht ist er Gast – allerdings nur als Papp­aufsteller.