Magdeburg l Er soll Frauen Kokain verabreicht haben. Ohne deren Wissen. Beim Sex. Dr. Andreas N. sitzt an diesem Freitag mit zusammengefalteten Händen auf der Anklagebank im Landgericht Magdeburg. Er unterhält sich mit seinem Verteidiger Olaf Schröder, lächelt. Die Vorwürfe, die Oberstaatsanwältin Eva Vogel wenige Minuten später im Rahmen der Anklageschrift vorträgt, sind nicht amüsant. Sie sind erschütternd.

Es geht um zehn Straftaten, die N. begangen haben soll. Fünf Frauen sind betroffen. Es begann mutmaßlich im April 2015 in Berlin. N. soll seinem Opfer, ebenfalls einer Medizinerin, Kokain verabreicht haben. "Obwohl diese betonte, sie wolle kein Kokain zu sich nehmen", sagt Vogel. Die Frau stellte dies fest, weil ihre Schleimhäute brannten.

Im Oktober 2015 trafen sich beide erneut und obwohl der Angeklagte ihr versprochen habe, ihr kein Kokain mehr zu geben, tat er dies trotzdem heimlich. Ihre Vorwürfe habe der Chefarzt nur mit den Worten „Trau keinem Junkie“ kommentiert. Im November 2015 waren beide erneut zusammen. Dabei habe N. ihr Kokain in den Sekt gemischt. Daraufhin soll sie später gleich zwei Verkehrsunfälle verursacht haben. In einem Fall wurde einer der Autofahrer verletzt. In der Blutprobe der Frau entdeckten die Mediziner später Kokain.

Im Juni 2016 soll sich der Angeklagte mit einer anderen Frau in Berlin getroffen haben. Bei ihr mischte er laut Anklage das Kokain in die Cola. Anschließend habe das Opfer unter Halluzinationen gelitten und wie betäubt auf dem Bett gelegen. Sie habe sich bei dem anschließenden Geschlechtsverkehr dagegen nicht wehren können. Im August 2017 habe eine andere Frau aus dem Harz dem Drängen des Angeklagten nachgegeben, mit ihm Sex zu haben.

„Aphrodisiakum“ abgelehnt

Sie lehnte wohl ausdrücklich sein Angebot auf ein „Aphrodisiakum“ ab. Trotzdem jubelte er ihr laut Anklage das Kokain unter, so dass sie sich nicht mehr gegen weiteren Sex artikulieren konnte. Ähnliches soll auch eine weitere Frau aus der Börde im September 2017 erlebt haben. Ihr habe er zunächst über ein Glas Sekt die Drogen zugeführt, so dass sie nahezu bewusstlos war. Als die Frau aufwachte, habe der Mann auf ihr gesessen und eine Augenmaske getragen.

N. hört zu, als die Vorwürfe verlesen und die Zeugen verhört werden. Sein Blick wirkt leer, keine Regung. Auch nicht als Vogel im letzten Punkt der Anklageschrift die Geschehnisse am 20. Februar 2018 schildert. N. soll einer 38-jährigen Schönebeckerin unwissentlich Kokain verabreicht haben - während unterschiedlicher Sexualpraktiken.

Die Frau erlitt eine Überdosis, N. rief gegen 15.30 Uhr den Notarzt, seine Herzdruckmassage blieb erfolglos. Dem Notarzt gelingt zunächst die Wiederbelebung, doch sechs Tage später wird bei der Frau im Krankenhaus der Hirntod festgestellt. Ein Teil der Sexpraktiken  hatte er zuvor sogar auf Video aufgenommen.

Die 34-jährige Freundin des Todesopfers sagte als Zeugin im öffentlichen Teil aus: Der Angeklagte und die Schönebeckerin kannten sich seit einer Hand-OP im Januar 2017. Die Frau berichtete ihrer Freundin auch von gemeinsamen Treffen in Berlin im Oktober 2017 und einer bis zu sechs Stunden langen Sexorgie, bei der wohl auch eine „Zaubersalbe im Genitalbereich“ eine Rolle gespielt haben soll. Dem Opfer sei in dem Jahr immer häufiger schwindlig geworden. Sie habe dabei auch Haare verloren. Die Zeugin sagte auch: „Sie war ihm hörig.“

So muss sich der 42-Jährige unter anderem wegen Vergewaltigung mit Todesfolge verantworten. Das Gericht müsse außerdem prüfen, ob für diese Tat auch eine Verurteilung wegen Mordes aus niedrigen Beweggründen oder Totschlags infrage kommt. Der Chirurg schweigt zu den Vorwürfen.

Wer ist der Angeklagte?

Doch wer ist dieser Mann, dem diese Taten vorgeworfen werden?

N. war unter anderem als Oberarzt in Celle, Hannover und im Universitätsklinikum Regensburg tätig. Später leitete der 42-Jährige die Abteilung für Handchirurgie und Plastische Chirurgie im Helios Klinikum Berlin-Buch, ehe er 2015 in die Chefarztriege des Städtischen Klinikums Dessau wechselte. Sechs Monate später übernahm N. die damals neue Klinik für plastische, ästhetische und Handchirugie im Ameos Klinikum Haldensleben, bevor er 2017 nach Halberstadt wechselte.

Sollte sich die Vorwürfe bestätigen, sieht die Staatsanwaltschaft zumindest laut ihrer Anklage eine Vergewaltigung mit Todesfolge. Das bedeutet eine Strafe nicht unter zehn Jahren oder sogar lebenslänglich. Angesetzt sind nach aktuellem Stand 20 Verhandlungstage. Der Fall hat auch international für Aufsehen gesorgt.