Zahlen & Fakten

Bei der vom deutschen Alfred-Wegener-Institut angeleiteten Mission „Mosaic“ („Multidiziplinäres Driftobservatorium zur Untersuchung des Arktisklimas“) ließ sich der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ von Herbst 2019 bis Herbst 2020 im arktischen Meereis einfrieren und mit der Strömung um den Nordpol treiben. Ziel war es, die Zusammenhänge zwischen Ozean, Eis, Atmosphäre und Ökosystem zu untersuchen. Das ist so umfangreich noch nie geschehen. Beteiligt waren Forscher aus 20  Nationen und von 80 Institutionen. Die Mission war gemessen an Budget (140 Millionen Euro), Logistik und Zahl der Teilnehmer die bislang größte Arktisexpedition. (aw)

Magdeburg l Als Fritjof Nansen im Jahr 1893 mit seinem Forschungsschiff „Fram“ zum Nordpol aufbricht, steht noch die Morgendämmerung über den Naturwissenschaften. Geografen ist damals nicht einmal klar, was sie „dort oben“, hoch im Norden, genau erwartet: Nur nachtkalte Tiefsee oder auch ein Kontinent, wie unter dem Südpol?

Nansen glaubt fest, dass sich unter der weißen Eiswüste nichts als Wasser finden wird. Der Norweger will das beweisen, lässt sein Schiff im Meereis einfrieren und über Monate von Sibirien durch die Arktis bis nach Grönland driften. Hätte er unrecht gehabt: Die „Fram“ wäre wohl auf Grund gelaufen, die Expedition gescheitert. So aber geht Nansen als einer der größten Polarforscher in die Geschichte ein.

Größte Polarmission der Geschichte

Mehr als 125 Jahre später, am 20. September 2019, bricht der deutsche Forschungseisbrecher „Polarstern“ vom norwegischen Tromsö aus zu einer ganz ähnliche Expedition auf. Anliegen der „Mosaic“ genannten Expedition ist diesmal allerdings nicht – wie einst – das Wagnis einer der letzten großen Entdeckungsfahrten.

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Vielmehr dringen Forscher und Crew nun ins Epizentrum des Klimawandels vor. Dreimal schneller als der Rest der Erde erwärmte sich die Region zuletzt. Ein Jahr lang im Meereis eingefroren, soll ein wechselndes Team untersuchen, wie Ozean, Eis, Atmosphäre und Lebewesen sich im Klima der Arktis gegenseitig beeinflussen. Das gab es so noch nie. Langfristige Klimadaten der Arktis, erhoben vor Ort – sie fehlen der Forschung bislang fast gänzlich. Mit an Bord: der aus Wittenberg stammende Klimaphysiker Sandro Dahlke, Mitarbeiter am Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI), bei dem auch die Leitung der Gesamtmission liegt.

Dahlke ist zweimal für mehrere Monate an Bord – am Anfang und am Ende der Expedition. Seine Aufgabe: Er soll Daten über die Luftsäule über der Arktis sammeln, doch dazu später mehr.

Wie auf einem anderen Planeten

Für den inzwischen promovierten Atmosphärenphysiker ist die Expedition vor allem auch ein Abenteuer: „Ich war zwar schon mal auf Spitzbergen. Aber allein mit dem Eisbrecher über arktisches Meereis zu fahren, das ist schon etwas Einmaliges“, sagt er.

Der 31-Jährige berichtet vom Knarren des Schiffsrumpfes, während sich der Eisbrecher seinen Weg durchs Packeis bahnt.

Für Dahlke unvergesslich auch die Erfahrung, durch eine monatelang in stockfinstere Nacht gehüllte Eislandschaft zu laufen – getrennt nur durch eine zwei Meter dicke Eisschicht vom darunterliegenden 4000 Meter tiefen Ozean. So dunkel die Arktis im Winter ist, so hell wird sie im Sommer: Ein Foto, aufgenommen von Dahlke, zeigt, wie ein Expeditionsmitglied über aufgetürmtes Eis in eine schier endlose Weite unter dem fahlen Licht der Polarsonne blickt.

„Die Landschaft, die Stille – all das ist wie auf einem anderen Planeten“, sagt der 31-Jährige.

Bei aller Romantik ist die mehr als 140 Millionen Euro teure Expedition von Anfang aber auch ein logistischer Kraftakt: Sieben Schiffe, darunter russische Eisbrecher, aber auch Flugzeuge liefern während der Drift Nachschub an Lebensmitteln und Material. Ein Helikopter-Team an Bord bricht bei Bedarf zu Erkundungs- und Hilfsflügen auf.

Nach ihrer Anfahrt durch die Barentsee und an den Inseln Nowaja Semlja und Sewernaja Semlja vorbei muss die „Polarstern“ aber zunächst eine Eisscholle finden, die groß genug ist, um als Basis für Messungen zu taugen. Im Oktober 2019 macht das Forschungsschiff schließlich an einer 1,5 mal drei Kilometer großen Scholle fest.

Gefahr durch Eisbären

Das Schiff bleibt während der gesamten Mission Rückzugsort und Basis einer ganzen Stadt von Forschungspunkten, die die Wissenschaftler hier oben mühsam aufbauen. Geschlafen und gegessen wird an Bord.

Die Messungen aber erfolgen in über Hunderte Meter verteilten Zelten rund um das Schiff. Die Forscher bleiben dabei nicht unbehelligt. Denn Herrscher der Arktis ist ein anderes Wesen: Der Eisbär. Rund 60-mal sucht das größte Landraubtier der Erde während der Drift die „Stadt“ der Menschen auf. Damit Begegnungen nicht blutig enden, stehen Eisbärwächter während der Messarbeiten ständig auf Posten.

Auch Sandro Dahlke übernimmt die Aufgabe zeitweise. Einmal ist er als Forscher selbst in einem Zelt, als er im Funk die Warnung „Eisbär“, „Eisbär“ hört.

„Wir hatten gerade Proben aus einem Wasserloch genommen. Als wir die Köpfe aus dem Zelt steckten, haben wir gesehen, dass der Bär schon ziemlich nah war“, sagt Dahlke. „Da wird einem schon mulmig, wir haben dann zugesehen, dass wir schnell zum Schiff kamen, das war ja ein paar hundert Meter weg.“

Eis nur noch halb so mächtig wie 1980

Und doch gehörten Eisbärsichtungen meist zu den schönsten Momenten, der Mission, sagt der Forscher. Der Sachsen-Anhalter brachte viele Fotos der durch den Klimawandel bedrohten Riesen mit, als die „Polarstern“ am 12. Oktober wieder im Heimathafen Bremerhaven einlief.

Apropros Klimawandel: Was haben die Forscher bei ihrer Mission herausgefunden? Für eine Auswertung ist es zu früh, sagt Dahlke. Doch schon während der Expedition, wurde klar, dass sich das Klima in der Arktis stark verändert: „Die Temperatur lag fast durchgehend zehn Grad höher, als noch während der Expedition von Fritjof Nansen.“

Auch die Eisdicke war oft nur halb so stark wie noch vor 40 Jahren. Die wegen ihrer roten Farbe „Miss Piggy“ genannten Wetterballons des AWI stellten in mehreren hundert Metern Höhe teils deutliche Plusgrade fest – auch das sollte so nicht sein.

Kurz vor dem Finale der Mission schmolz der Forschungsstadt Ende Juli schließlich buchstäblich der Boden unter den Füßen weg. Nach 300 Tagen und 1700 Kilometern Drift zerbrach die Eisscholle in 1000 Teile. Die Forscher bauten ihre Zelte ab. Ein letztes Mal drang die Polarstern nochmals nach Norden vor, um das beginnende Gefrieren des Meereises zu beobachten.

Missionsteam aus 37 Nationen

Am Ende hat die Mission in vielerlei Hinsicht Rekorde aufgestellt: Mit 156 Kilometern Distanz etwa kam kein Schiff dem Nordpol im Winter je näher. Im endenden Nordsommer 2020 überquerte die Polarstern auch den geografischen Nordpol.

Sandro Dahlke hat seinen 31. Geburtstag auf dem Schiff begangen. Was bleibt für ihn von der Mission? „Zum einen der Austausch mit den internationalen Kollegen“, sagt er. Es sei toll, wie Menschen aus 37 Nationen mit so unterschiedlichen Hintergründen zusammengearbeitet hätten, darunter allein Forscher aus 20 Nationen.

Eingebrannt hat sich für den Sachsen-Anhalter vor allem aber auch die Schönheit der Natur: „Selbst die scheinbare Ödnis der Eislandschaft ist voller Leben“, sagt er. Dahlke erzählt von einer Robbe, die in direkter Nähe zum Nordpol an einem Wasserloch lag und schlief. Der Forscher möchte, dass es solche Bilder auch zukünftig noch gibt. Bestenfalls auch dank der historischen Mission der „Polarstern“.