Magdeburg l Seit dem 2. Mai 2015 haben die Eltern der fünfjährigen Inga aus Schönebeck die Hoffnung auf die Klärung des Falls nicht aufgegeben. Das Mädchen verschwand bei einer Feier auf dem abgelegenen Gelände des Diakoniewerks Wilhelmshof bei Uchtspringe im Landkreis Stendal.

Antwort in der Akte?

In den vergangenen fünf Jahren gingen die Kriminalisten der Ermittlungsgruppe „Wald“ mehr als 2000 Spuren nach – ohne Erfolg. Die beiden Anwälte der inzwischen geschiedenen Eltern sind überzeugt, dass die Antwort in der umfangreichen Akte steht. Der Berliner Anwalt des Vaters von Inga sagte dem MDR, dass er „frische Ermittler für frische Ansätze“ für wichtig halte. Auch die Magdeburger Anwältin Petra Küllmei, die Ingas Mutter vertritt, kennt inzwischen die Akte und meint gegenüber der Volksstimme: „Das sieht meine Mandantin ganz genauso. Es sollte einfach nichts unversucht bleiben. Erfahrene Ermittler aus einer anderen Einheit oder dem Landeskriminalamt würden einen ganz anderen Blickwinkel auf den Fall haben.“ Näher wollte sie bisher aber nicht darauf eingehen.

An jenem 2. Mai 2015, irgendwann zwischen 18.30 Uhr und 19 Uhr, verschwand Inga beim Vorbereiten eines gemeinsamen Feuers mit den anderen Kindern der insgesamt drei befreundeten Familien auf dem Sportplatz der Einrichtung. Weil es zunächst hieß, dass Inga zum Holzsammeln in den Wald lief, konzentrierte sich die Suche in den folgenden Tagen darauf. Mehr als 1500 Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr, DRK und des THW durchforsteten große Wälder. Auch Gewässer haben die Beamten auf Booten mit Sonar und Leichenspürhunden abgesucht. Sogar sogenannte Car-Trailerhunde (zum Verfolgen von Alt-Fährten, wenn Personen mit dem Fahrzeug unterwegs waren) haben eine fast tausend Kilometer lange Strecke in Deutschland, Tschechien und Österreich abgesucht.

Inga verschwand nicht im Wald

Später ergaben die Ermittlungen, dass Inga nicht im Wald sondern auf dem Gelände in der Nähe des Sportplatzes verschwand. Sie brachte Getränke dorthin, spielte auf einem Blechpferd und geriet dann im weiteren Verlauf aus den Augen der anderen. Erst suchten die Eltern, Geschwister und Freunde das Mädchen, dann erfolgte etwa eine Stunde später der erste Notruf.

Die Kriminalisten vernahmen in den folgenden Wochen und Monaten alle rund 150 Mitarbeiter, Gäste und Besucher in Wilhelmshof. Auch einschlägig bekannte Straftäter aus dem benachbarten Uchtspringe sowie umliegender Dörfer nahmen die Kriminalisten unter die Lupe. Alles verlief aber im Sand. Polizeisprecherin Beatrix Mertens: „Auch heute gehen noch vereinzelt Hinweise ein, die entsprechende Ermittlungen in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft nach sich ziehen.“ Sie bestätigte der Volksstimme auch, dass eine Gruppe von Studenten der Polizeiakademie in Niedersachsen im Rahmen ihres Studiums von August bis September 2019 einen Teil der Akten analysiert hat. Mertens: „Die Analsyse bestätigte die bisher geführten Ermittlungen, neue Ansätze ergaben sich hieraus nicht.“ Auch eine Prüfgruppe habe im vergangenen Jahr über vier Wochen die Akten durchforstet – ohne Ergebnis.

98 Prozent tauchen wieder auf

Fälle, wie die von Inga, sind laut LKA-Sprecher Michael Klocke höchst selten. In Sachsen-Anhalt gilt auch Mandy Schmidt aus Halle als Langzeitvermisste. Die 13-Jährige verschwand 1998. Von den 388 verschwundenen Kindern im vergangenen Jahr fanden sich 70 Prozent in den ersten drei Tagen wieder an, nach einer Woche weitere 20. Zwischen drei und sechs Monaten lag die Zahl der Vermissten bei ein Prozent. Länger als ein Jahr sind 33 Kinder vermisst. Dabei soll es sich laut Klocke meist um Dauerausreißer oder auch unbegleitete Flüchtlinge handeln. Laut BKA verschwanden im Jahr 2019 deutschlandweit 15.300 Kinder. 98 Prozent tauchten wieder auf. Seit 1951 gibt es 1869 ungeklärte Fälle.