Magdeburg l Christian Kunkel singt lauthals den Helene-Fischer-Hit „Atemlos”, dass es einem die Beine weghaut, er reist gern mit Freunden nach Berlin, liebt Konzerte und hat im letzten Sommer auch die Premiere des Musicals „West Side Story” auf dem Magdeburger Domplatz nicht verpasst. Wenn er lacht, fällt jeder mit ein, so ansteckend ist seine Art; der trockene Humor des 31-Jährigen hat einen besonderen Charme. Fast könnte man meinen, der Magdeburger sei ein ganz normaler junger Mann, aber an all das, was er heute Lebensqualität nennt, war vor zehn Jahren nicht zu denken: eine eigene Wohnung, Reisen, Lachen, ja, selbst Reden und Essen galten als reine Utopie. Doch Christian Kunkel ist ein Kämpfer, und seine Familie gab ihn zu keinem Zeitpunkt auf, obwohl die Zeichen schlecht standen und vonseiten der Ärzte die Hoffnung gegen null ging.

Als Christian am 7. März 2007 nach der Schule am Hasselbachplatz ohne ein Vorzeichen zusammenbrach, ahnte niemand, wie dünn der Faden war, an dem sein Leben hing. Er hatte einen Blutschwamm im Gehirn, der sich ausdehnte und platzte – und von dem niemand etwas wusste. Beim Eintreffen des Notarztes war er bewusstlos. In der Universitätsklinik Magdeburg angekommen, lautete die Diagnose: intrazerebrale Blutung links fronto temporal bei AV-Malformation (Hirnblutung), von der Arteria cerebri media (mittlere Gehirnschlagader) links ausgehend, akute Pankreatitis (plötzlich einsetzende Entzündung der Bauchspeicheldrüse), Subileus (Vorstufe von Darmverschluss), Kniegelenkerguss rechts.

Für seine Eltern Kerstin und Joachim und seine Schwester Katharina, die damals in Bonn studierte, war das eine Reihe von Fremdwörtern. Sie wussten nur eins, ihr Leben würde nicht wie vorher sein. Und Christians erst recht nicht. Er besuchte das Hegel-Gymnasium im 13. Schuljahr, hatte die Ausbildungsstätte als Tontechniker in Leipzig als festes Ziel vor Augen, Keyboard gespielt, eine Band namens TMK, die erste CD „Zure“ mit seinem Freund Daniel Thurnier aufgenommen. Alles vorbei. Wachkoma-Patient.

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Eltern fühlten sich oft überfordert

„Nach vier Wochen Intensivstation wurde Christian am 2. April ins Neurologische Zentrum (NRZ) Magdeburg verlegt. Er bekam eine PEG-Sonde zur Nahrungsaufnahme und eine sogenannte Baclofenpumpe gegen Spastik implantiert. Wir standen hilflos daneben und konnten nur hoffen, dass alles, was die Ärzte unternahmen, das Richtige war, dass es ihm eines Tages besser gehen würde”, berichtet seine Mutter. Regelmäßige Besuche neben ihrem Job als Sonderpädagogin forderten ihr einiges ab. Nach seinem Aufenthalt im NRZ brachte man ihn in den Seniorenwohnpark Aschersleben, wo er, völlig vernachlässigt, gegen ständiges Fieber und Schmerzen zu kämpfen hatte. Seine Schreikrämpfe sind der Familie unvergessen. Auf den Wunsch der Mutter kam er im Dezember wieder in die Uni-Klinik. Um ihm den Weg nach Aschersleben zu ersparen, setzte sie sich dafür ein, dass Christian kurz darauf in die Klinik für Innere Medizin Pfeiffersche Stiftungen verlegt wurde.

Als die Nachbarwohnung seiner Eltern frei wurde, mieteten sie diese kurzerhand an. Häusliche Pflege. Es sollte endlich bergauf gehen. Anfang 2008 erfolgte die Reimplantation des Knochendeckels in der Uni-Klinik. Zahlreiche Kurzaufenthalte dort und Notarzteinsätze gehörten ebenfalls zum Alltag wie Schreien, Zittern und generalisierte Anfälle. „Trotz 24-stündiger Intensivpflege fühlten wir uns oft überfordert”, gibt der Vater zu.

Schließlich befürworteten die Klinik für Neurologie und die Neurochirurgie der Uni-Klinik Magdeburg, dass er in ein Neurologisches Fachkrankenhaus nach Schömberg bei Pforzheim verlegt wurde, da niemand wusste, wie man ihm noch helfen konnte. Nach sechs Wochen, die ihm guttaten, kehrte er ein Jahr darauf wieder nach Schömberg zurück. Dort gelang es ihm, die technischen Gerätschaften anzunehmen. Zuerst begann er, seinen linken Arm zu bewegen, dann sein linkes Bein.

Ärzte von Fortschritten überzeugt

2010 folgten die Operation der Spitzfüße und Wadenverlängerungen. Immer wieder kam er nach Schömberg, wo die Ärzte wegen Christians Jugend und Lebenswillen von den Fortschritten überzeugt waren. Aufgrund von Bakterien und Lungenentzündung entfernten die Ärzte Anfang Juli 2013 den Schlauch zur Einnahme von Flüssigkeit, sein Körper stieß ihn förmlich ab.

Jahrelang verständigte sich der Magdeburger mit einem Augen-Code. Einmal Zwinkern bedeutete „ja“, zweimal „nein“, Augen zu „mir egal“ oder „weiß nicht“. 2013 kam für ihn die Wende, er konnte „ja“ und „nein“ sagen, so dass die Familie hocherfreut einen Logopäden hinzuzog. Im Februar 2014 konnten sowohl die Baclofenpumpe als auch die PEG-Sonde entfernt werden, wieder wehrte sich sein Körper auf einmal gegen die Technik. Schon 2008 hatte Christian angefangen, leichte Nahrung wie Puddings und Joghurts zu sich zu nehmen. Heute kann er dank Geduld der Familie und Pflegekräfte wieder richtig essen.

All diese Klinikaufenthalte und Reha-Maßnahmen haben dazu geführt, dass sich Christians Gesundheitszustand so stabilisiert hat, dass intensiv-medizinische Interventionen derzeit nicht erforderlich sind. Doch seine Pflege ist bis heute nicht einfach. Seine Eltern begleiten ihn überallhin. Dazu der Papierkram, das Einfordern therapeutischer Maßnahmen, die Sorge um gutes Pflegepersonal – ein Heidenaufwand, mit dem sich das Ehepaar nach wie vor die Nächte um die Ohren schlägt. Es hat sich gelohnt.

In Begleitung wieder zu Konzerten fahren

Nach jahrelangem Kampf um ein menschenwürdiges Dasein ohne Schmerzen und Anfälle hat Christian heute mehr denn je die Chance, noch mehr Lebensqualität zu erreichen. Wissenschaftlich gesehen ist es bei diesem Krankheitsbild kaum möglich, solche Erfolge zu erzielen. Professor Raimund Firsching von der Uni-Klinik Magdeburg, der ihn damals operierte und jede Maßnahme, die Kunkels vorschlugen, unterstützte, kann es kaum glauben. Seine Familie hat die Wissenschaft eines Besseren belehrt. Das Engagement der nächsten Angehörigen, die Anwendung alternativer Heilmethoden und sinnvoller Therapien und vor allem die Unterstützung der behandelnden Ärzte und Lieblingspflegerin Beate Lange haben dazu beigetragen. Regelmäßige Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie, Feldenkrais sowie Osteopathie und homöopathisch-medizinische Betreuung – so sieht Christian Kunkels Alltag aus.

Dazwischen genießt er, was ihm das Leben bietet. Er liebt alles, was mit Musik zu tun hat. Mittags hört er Vivaldi, Bach oder Beethoven, abends schaut er „The Voice Kids” oder andere Musiksendungen. Mit Fußball, „Wer wird Millionär?“ und den „Simpsons“ verbringt der 31-Jährige gern die Zeit. Noch lieber ist er aber in Großstädten unterwegs. Im vergangenen Jahr sah er sich das Musical „Aladdin” in Hamburg an, fuhr mit Freunden zum Konzert der Band „Beginner“ nach Braunschweig und hatte Spaß beim Auftritt der Fantastischen Vier in Magdeburg. Vor drei Wochen fing Christian für alle überraschend an, sein rechtes Bein bewusst zu heben.

„Wenn ich ihm in die Augen gesehen habe, konnte ich ablesen, dass sein Leben noch weitergehen muss”, sagt seine Mutter Kerstin, „da ist noch was, das wusste ich immer.” Er weiß, dass er viel geschafft hat, freut sich auf ein Wiedersehen mit seinem kleinen Neffen Oscar, die nächste Familienreise nach Rheinsberg, was mit einem eigenen behindertengerechten Auto noch schöner wäre, aber er flüstert mir noch seinen größten Wunsch zu, den er sich bis jetzt nur mit technischer Hilfe erfüllen kann: „Laufen lernen und dann mal nach New York fliegen.” Seine Mutter nickt ihm aufmunternd zu. Kerstin Kunkel weiß, dass Christians Weg noch lange nicht zu Ende ist.