Ernte und Selberpflücken

Erdbeeren werden in Sachsen-Anhalt auf 167 Hektar angebaut. Der Landesverband Sächsisches Obst (zuständig auch für Sachsen-Anhalt) rechnet mit einer guten Erdbeerernte. Er geht von rund 800 Tonnen aus.

Wer sich im Selbstpflücken versuchen möchte: Ein Feld von Gummert in der Halberstädter Chaussee (am Goethepark) in Magdeburg hat täglich von 7.30 bis 19.30 Uhr geöffnet. Ein Selbstpflückerfeld der Agrargenossenschaft Hohenseeden (Jerichower Land) liegt an der Berliner Chaussee in Hohenseeden, direkt an der B1 (geöffnet ist täglich von 8 bis 18 Uhr). Jägers Erdbeergarten in Schönebeck, an der Schönebecker Chaussee links hinter dem Ortsausgang Magdeburg, ist von 8 bis 19 Uhr offen.

Groppendorf l Es ist Freitag. 25 Grad sollen es heute werden, etwas bedeckt, Regenwahrscheinlichkeit: gering. Sagen die Metereologen. Mein Laien-Verständnis sagt: Optimales Erdbeerpflück-Wetter. Wenn nur die Uhrzeit nicht wäre. Um 4.45 Uhr rolle ich mit dem Auto auf einen Feldweg in Groppendorf (Landkreis Börde). Um 5 Uhr soll die Ernte auf der zwei Hektar großen Plantage beginnen. Noch ist keine Menschenseele zu sehen, denke ich noch. Da kommt zügigen Schrittes Kornelia, genannt „Konni“, Gummert angelaufen. Blonde kurze Haare, sportliche Figur, unter dem Arm ein Klemmbrett. Sieht aus, als gäbe es Arbeit. „Ich hoffe, Sie sind ausgeschlafen, gleich kommen die Pflücker, dann können Sie mit loslegen. Die Erdbeeren haben noch mal Regen bekommen. Ein schönes Feld“, sagt sie.

Wochenend-„Remmidemmi“

Die 60-Jährige führt gemeinsam mit Ehemann Klaus-Dieter das Familienunternehmen Erdbeer-Gummert seit 1992. Gestartet mit elf Hektar Anbaufläche, gehören die Gummerts mit ihrem Betrieb heute zu den größten ihrer Art in Sachsen-Anhalt. 50 Hektar bewirtschaften sie. Sechs Plantagen für Selbstpflücker gibt es. Zwei, auf denen die Profis, überwiegend Ernte- helfer aus Polen und Bulgarien zum Einsatz kommen. Sechs feste Mitarbeiter und saisonabhängig bis zu 250 Aushilfen beschäftigt Gummert. Geliefert werden die süßen Früchtchen zu 30 Verkaufsständen zwischen Magdeburg und Wolfsburg. Der Betrieb ist ein 95-prozentiger Selbstvermarkter. Die Stände haben die Form einer Erdbeere.

Nun kommen auch schon die Erntehelfer mit Bussen angerauscht. Rund 50 Frauen und einige wenige Männer klettern heraus. Am Rande des Feldes steht ein Wagen, an dem sich die Pflücker Paletten mit kleinen und größeren Schalen abholen. Zur Grundausstattung gehören außerdem: Ein kleiner Eimer für den sogenannten „Schrott“ (dazu später mehr) und ein Erdbeerkarren. Es geht alles schnell, sehr schnell. Bloß keine Zeit verlieren, lautet die Devise. „Heute ist Remmidemmi“, sagt Konni Gummert. Es steht das Wochenende an. Da haben die Leute besonders großen Erdbeerhunger. Außerdem ist Monatsanfang. Da landen auch mal zwei oder mehr Schälchen im Einkaufskorb. Für 3,90 Euro verkauft Gummert die 500-Gramm-Schale. In den nächsten Wochen werden die Preise fallen – je mehr der süßen Früchtchen auf den Markt kommen.

Bilder

Ich habe mir mittlerweile nach dem Vorbild der polnischen Pflücker- truppe meine Utensilien gekrallt und warte auf Anweisungen. Selbst gepflückt habe ich bis zum heutigen Tag noch nicht (Grund: Stadtkind). „So, da drüben können Sie sich ausprobieren“, sagt Konni Gummert und setzt mich in eine der Reihen. Sie zeigt mir, wie ich die Beeren mit den Fingernägeln abknipse. Ein Zentimeter Stiel soll dranbleiben.

Fingernägel als Werkzeug

Der Pflücker muss die Früchte mit dieser Technik kaum berühren. Druckstellen können aus der Super-Beere schnell „Schrott“ machen. So nennen Gummert und Kollegen die Exemplare, die zu klein, nur halbreif, matschig, verbrannt oder deformiert sind. Für mich sieht das gesamte Feld auf den ersten Blick paradiesisch aus.

Gummert verabschiedet sich, um den Pflückern über die Schulter zu schauen. Aus der Ferne höre ich Anweisungen in perfektem „Acker-Polnisch“, wie die Chefin es nennt. An meiner ersten Pflanze fingere ich sage und schreibe eine halbe Stunde herum. Meine Fingernägel habe ich mir einen Tag vorher geschnitten. Großer Fehler, wie mir eine polnische Kollegin steckt. Denn die Nägel sind das beste Werkzeug. Das Schlimmste: Ich kann mich nicht so schnell entscheiden, welche Exem- plare den strengen Kriterien von Konni Gummert entsprechen. Eine Erdbeere nach der anderen drehe und wende ich im aufkommenden Sonnenlicht, betrachte sie aus verschiedenen Winkeln. Was schon im Eimer für den „Schrott“ gelandet war, hole ich wieder heraus und entscheide mich doch für den Zielort Schälchen. Was ich bereits als gut befunden hatte, bewerte ich kurz darauf als Ausschuss. Aargh. Ich bin verunsichert. Nur der erste Erdbeer-Blues eines Anfängers, rede ich mir ein und rollere mit meinem Wagen auf dem in den Reihen ausgelegten Stroh weiter. „Watsch“ macht es. Ich bin über eine aufgepumpte Erdbeere rüber – die ist hinüber. Zumindest über meine Investition in Knieschützer freue ich mich. Einen Abend zuvor auf Anraten von Konni Gummert im Baumarkt gekauft. Jetzt Gold wert. Die anderen Pflücker tragen auch welche.

Etwas später muss ich mich mal rückversichern, ob ich bislang akkurat geerntet habe. Mit Schälchen und „Schrott“-Eimer wandere ich zum Wagen, an dem die Pflücker die roten Leckereien wiegen lassen. Vorher wird ein Chip an ihren Handgelenken gescannt. Digitalisierung im Erdbeerfeld. Aus dieser Perspektive kann ich beobachten, wie sich die Ernte-Experten wie gefräßige Raupen in ihren Reihen vorarbeiten. Im Gegensatz zu mir haben die meisten richtig Meter gemacht. „Nicht die schnellsten sind die besten“, sagt Konni Gummert trocken.

2000 Euro im Monat

Ganz vorn liegt trotzdem ein wahrer Erntecrack. Sandra Wojciak kommt aus der polnischen 15 000-Einwohner-Stadt Slupca, ist 24, und, wie sie sagt, eigentlich das ganze Jahr über mit Ernten beschäftigt. Bei Konni Gummert arbeitet sie im fünften Jahr. Wenn nicht gerade in Sachsen-Anhalt, dann in Gewächshäusern in den Niederlanden. Sie verdient wie alle Erdbeer-Pflücker in Deutschland den Mindestlohn von 9,19 pro Stunde. Hinzu kommt ein Bonus für größere Mengen. In einem Monat kommen mitunter 2000 Euro zusammen. Wie die anderen Saisonkräfte ist sie in einem Wohnheim untergebracht. Vier Euro kostet das pro Nacht. Mit Selbstversorgung. Wie es ihr gefällt? Daumen hoch, breites Grinsen. Ihr Job mache ihr Spaß, das Geld stimme. Das hört sich ehrlich an. Überhaupt, es wird trotz der harten Arbeit viel gelacht auf dem Feld. Alle ackern wie aufgezogen, die wenigsten hindert es daran, auch mal einen Plausch zu halten. „Hier ist eine faule reingeraten, weniger quatschen, Marzena“, sagt Konni Gummert, als eine Pflückerin mit der bereits fünften oder sechsten Palette zum Wiegen kommt. Ich schlucke, mal gucken, was die sympathische, aber eben doch ein bisschen strenge Chefin zu meiner Ausbeute sagt. „Die hier ist in Ordnung, die ist zu klein, die ist noch nicht reif, die hätte noch dranbleiben müssen.“ Zwischenfazit kurz vor der Frühstückspause um 9 Uhr. Ich bin, gelinde gesagt, etwas unsicher in meiner Auswahl. Und verliere Zeit. Im Gepäck habe ich noch nicht einmal zehn Kilo. Andere haben schon mehr als das Zehnfache eingefahren. „Männer sind meist etwas grobmotorischer“, sagt Gummert. Das beruhigt mich.

Um neun Uhr ist Pause angesagt. Ich setze mich mit meiner Klappstulle zu den anderen Pflückern. Einige von ihnen sind bereits im Rentenalter, sie fühlen sich aber fit. „Ernte hält jung“, sagt eine Frau und lacht. Spätestens am Ende der Saison sind besonders der untere Rücken und die Hände ziemlich erholungsbedürftig, bekennen aber die meisten. Nach zwanzig Minuten pfeift Konni Gummert zum Aufbruch, weiter geht es. Mit mir hat sie zunächst ein Einsehen. „Wir fahren jetzt erst mal zusammen ausliefern“, sagt die Geschäftsfrau, der man nicht anmerkt, dass die Tage in der Ernte für sie 12 Stunden und mehr dauern.

Es wird heißer auf dem Feld

Für unsere Lieferung, mehrere Paletten glänzender Erdbeeren, müssen wir nur zehn Minuten in einen Supermarkt fahren. Zu Ständen nach Burg, Oschersleben oder Haldensleben haben Fahrer von unserem Feld aus vorher schon kiloweise Erdbeeren gebracht. Unterwegs kommen wir an einem von Gummerts Feldern vorbei, auf denen die Erdbeeren unter dem Folienzelt heranreifen. Sie werden mit Tröpfchenberegnung und Abwärme einer nahen Biogasanlage versorgt (in die wandern am Ende des Ernte-Tages übrigens die „Schrott“-Erdbeeren). Mit Methoden wie dieser können die Früchte früher geerntet werden. Ende April, Anfang Mai kann es losgehen. Bis Ende August ist Erntezeit. Im Tunnel brummt mir eine Hummel entgegen. Die wurden hier zur Bestäubung der Blüten eingesetzt.

Jetzt aber schnell zurück. Um kurz nach zehn Uhr geht‘s für mich weiter. Die Sonne steht höher. Ich kann nun verstehen, warum die Pflücker so früh beginnen. Die Hoffnung, auch nur annähernd mit den anderen mitzuhalten, habe ich aufgegeben. Mein Gespür für die Auswahl der Früchte wird etwas besser. Ab und zu stecke ich mir eine in den Mund. Mal probieren – das sei schon in Ordnung, heißt es von der Chefin. Um halb zwölf schmerzt mein Rücken. Zumindest habe ich ein wenig „Ackerpolnisch“ gelernt. „Dobra“ heißt „gut“. Nur hat das zu mir heute noch keiner gesagt. Um 12 Uhr, es ist jetzt sengend heiß auf dem Feld, ertönt wieder der schrille Pfiff von Konni Gummert. Mittagspause. Das Feld ist so gut wie abgeerntet.

Ich trotte mit meiner finalen Ausbeute zur Waage. Und weiß schon, was mich da erwartet ... Super-Pflückerin Sandra Wojciak hat fast 200 Kilo Erdbeeren geerntet. Bei mir sind es – knapp 15. „Gar nicht mal so gut“, sagt Konni Gummert und lächelt. Aber für das erste Mal. Wenigstens sehen meine Knieschoner aus, als hätte ich gearbeitet. Müde bin ich jetzt. Gute Nachricht: Ich darf ein paar Erdbeeren mitnehmen. Die Kollegen werden sich freuen. Endlich mal zu etwas zu gebrauchen, der Junge.

Drei Stunden Pause stehen für die Pflücker nun an. Wenn ich um 15 Uhr eventuell für ein Mittagsschläfchen auf der Couch lande, geht es für sie noch eine Weile auf einem anderen Feld weiter. Respekt. Ich mache mich vom Acker.