Wernigerode l In Paris standen da plötzlich mehr als 400 Leute. Auf einem Platz nicht weit vom Eiffelturm hatten Marcel Mainzer und sein Kumpel am frühen Nachmittag ihre Instrumente aufgebaut. Klavier, Lautsprecher, Gitarre. Dann spielten sie drauf los. Ed Sheeran, Avicii. Mehr und mehr Neugierige blieben stehen. Bis irgendwann die große Treppe vor dem Platz – um die zehn Meter breit – proppenvoll war. Auf seinem Handy zeigt Mainzer stolz das Beweisfoto. „Und auf der anderen Seite ging es noch weiter“, erzählt er.

Der Student der Hochschule Harz (Dienstleistungsmanagement) ist gerade zurück von der ersten Etappe einer besonderen Europatour. Zusammen mit seinem Kumpel Josua Hagedorn reist er quer über den Kontinent, um Straßenkonzerte für Frieden und Toleranz zu spielen. „Das klingt für viele erstmal seltsam“, gibt Mainzer zu. „Aber gerade jetzt, wo es in Europa drunter und drüber geht, finden wir es wichtig, ein Zeichen zu setzen“, sagt der 27-Jährige mit Blick auf Brexit und Anfeindungen gegen Flüchtlinge. „Wir wollen die Leute dazu bewegen, darüber nachzudenken, wie gut wir es ohne Krieg haben und wie schön es ist, sich in Europa frei zu bewegen.“

Und das funktioniert so: Die beiden Hobby-Musiker, die sich als Band „Hello Grand“ nennen, fahren im alten VW-Bus, eine Leihgabe von Mainzers Opa, in vier Etappen durch Europa. Mehr als 30 Länder wollen sie ansteuern. In jedem Ort suchen sie sich auf der Straße ein Plätzchen, an dem sie ein Konzert spielen – Mainzer an Piano und Mikro, Hagedorn an der Geitarre. Höhepunkt jedes Auftritts ist das Friedenslied „Imagine“ von John Lennon. Damit das Publikum mitträllern kann, werden Textblätter verteilt.

Videos

Videos vom Auftritt bei Facebook gezeigt

Mit auf Tour sind zwei Freunde aus ihrer Heimat Thüringen. Sie filmen und fotografieren die Auftritte, um das Ganze auf Facebook zu stellen. Auch die Zuschauer sollen Videos machen und teilen. Die Aufforderung samt Hashtag „Songsforeurope“ – Lieder für Europa – steht als Pappschild im Gitarrenkasten.

Wie viele Leute stehenbleiben, ist sehr unterschiedlich, sagt Marcel Mainzer. Mal bildet sich nur eine kleine Traube. Und manchmal sind es eben auch Hunderte, nicht nur in Paris. Zu verdanken haben die Musiker die Aufmerksamkeit auch ihrem Flügel. Auf der Straße ist der ein Blickfang. Dass sie das publikumswirksame Instrument quer durch Europa gewuppt bekommen, liegt daran, dass es ein E-Piano ist, dessen Beine man mit ein paar Handgriffen einklappen kann – eine Sonderanfertigung. Dadurch passt er locker in den Kleinbus.

Für Aufmerksamkeit sorgen die Musiker auch, weil sie andere animieren, mitzumusizieren. In Luxemburg zum Beispiel stand zwischendurch ein Mexikaner an der Gitarre, eine Engländerin sang, ein Pole stimmte mit seinem Cajon ein.

Auf ein Jahr will das Team seine Etappen verteilen, immer mit einigen Monaten Pause dazwischen. Die Auszeit können sich die Vier nehmen, weil sie in den letzten Zügen ihres Studiums stecken oder gerade fertiggeworden sind. Die Kosten für Benzin und Unterkunft – geschlafen wird im Hostel – zahlen sie bisher größtenteils aus eigener Tasche. Nur hier und da gab es mal eine Spende, sagt Mainzer. Wie viele Länder sie letztlich bereisen werden, hängt auch davon ab, wie die Sponsorensuche läuft.

Schon festgezurrt ist die zweite Etappe: Anfang August geht‘s für einen Monat durch Osteuropa. 15 Orte in sechs Ländern stehen auf dem Plan – von Prag bis Zagreb. Wem das zu weit ist, um die Musiker mal live zu erleben: Am 10. Juni spielen sie beim Campusfest in Wernigerode.