Magdeburg l „Ziel unserer Gruppe ist es, so viele Menschen wie möglich auf das Thema Altersarmut aufmerksam zu machen“, heißt es in einem Informationsschreiben von „Fridays gegen Altersarmut“. Unter diesem Schlagwort wurden zuletzt vermehrt Gruppen bei Facebook gegründet. Am Freitag sind bundesweit rund 200 Mahnwachen – unter anderem auch in Staßfurt, Haldensleben, Magdeburg und Halle – geplant. Mittlerweile zählt die größte Facebook-Gruppe mehr als 300.000 Mitglieder.

Auch Thorsten Jansen ist wie viele andere durch eine Einladung von Freunden Anfang November darauf aufmerksam geworden. „Das Thema hat mich sofort brennend interessiert“, sagt der Magdeburger. „Ich bin selbständig, Familienvater, Altersarmut geht uns alle an.“ Wenn er alte Menschen sehe, die Flaschen sammeln, um ihren Lebensalltag zu bestreiten, „dann ist das für mich menschenunwürdig“. Am Sonntag traf sich erstmals eine Gruppe in Magdeburg. Jansen hat die Mahnwache für Freitag ordnungsgemäß bei der Polizei angemeldet, der 48-Jährige rechnet mit 30 bis 50 Teilnehmern.

Bewegung wird von rechter Partei beworben

Doch „Fridays gegen Altersarmut“ – der Name ist als Gegenprotest zur Jugendbewegung „Fridays for Future“ zu verstehen – ist umstritten. „Ich gehe von einem Versuch der extremen Rechten aus, sich als Akteur in sozialen Fragen zu inszenieren“, sagte Linken-Innenexpertin Henriette Quade. Das Thema Altersarmut sei eines, das politisch durchaus mehr Beachtung finden und Menschen auf die Straße treiben müsse. Bei „Fridays gegen Altersarmut“ aber geht Quade „von einem Versuch der Rechtsextremen aus, Menschen zu erreichen, indem sie so tun, als ginge es ihnen um ein sozial drängendes Thema, obwohl es ihnen nur um ihre Außenwirkung und Zugang zu Wählergruppen geht“.

Es ist tatsächlich so, dass die Mahnwachen von rechts aktiv beworben werden. So rief unter anderem die neonazistische Partei „Die Rechte“ zur Teilnahme auf – ebenso wie der rechtspopulistische Internet-Blog „journalistenwatch“. So warnt auch Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, vor den Mahnwachen: „Es gibt genügend Hinweise darauf, dass hier zu einem nicht unerheblichen Teil, Rechtsradikale das Wort führen und auf dem Problem der Altersarmut ihr politisches Süppchen kochen wollen.“

Auch AfD-Chef Jörg Meuthen bewarb bei „Twitter“ die Mahnwachen mit der Botschaft „Endlich! Die Alten wachen auf.“ Sachsen-Anhalts AfD-Chef Martin Reichhardt begrüßt das Engagement von Bürgern, auf das Problem der Altersarmut aufmerksam machen zu wollen, erklärte jedoch: „Fridays-gegen-Altersarmut ist eine überparteiliche Bewegung, strukturelle Verbindungen zur AfD Sachsen-Anhalts bestehen nicht.“ Er habe keine Kenntnis darüber, ob Mitglieder der AfD Sachsen-Anhalt an den Mahnwachen teilnehmen.

Gründer der großen Facebook-Gruppe soll Heinrich Madsen sein, der mehrere Facebook-Profile mit verschiedenen Namen pflegt. Viel ist zu ihm nicht bekannt. Laut „BR“ soll Madsen unter anderem 2005 Behörden verklagt haben, weil er Ein-Euro-Jobs hatte, die er für widerrechtlich hielt. Erfolglos. Wolfgang Fizia, der die Mahnwache in Halle organisiert hat, übermittelte der „Volksstimme“ den Forderungskatalog der Bewegung, darunter: „die sofortige Rücknahme der Agenda 2012“, der großen Sozial-Reform also, sowie die Einführung eines solidarischen Rentenssystems.

Die Forderungen sind wenig konkret. Doch eins eint alle Organisatoren: Sie betonen, „parteilos“ zu sein. „Es geht mir um die Sache und ich lasse mich vor keinen Karren spannen – weder von links noch von rechts“, sagt Fizia.

Keine Anweisung des ver.di-Landesverbands

Kay Watermann, der 14 Jahre ehrenamtlich im Arbeiter-Samariter-Bund im Salzlandkreis tätig war, ist der Ideengeber für die Mahnwache in Staßfurt. Er selbst habe früher eine Schule und ein Kinderheim in Rumänien betreut. „Vor diesem Hintergrund entbehrt die Frage, ob ich eventuell rechte Ideologien unterstütze, jeglicher Grundlage.“ Vielmehr finde er es „frustrierend und traurig“, dass der gemeinsame Dialog „mit dieser Totschlagargumentation“ verloren gehe.

Fizia wollte unter anderem in Halle bei der Caritas Handzettel verteilen. Erst traf er auf Zuspruch. Eine Stunde später sah das schon anders aus: „Weil man im Internet gelesen haben will, dass die Bewegung AfD-nah sei. Aber wir lassen uns von keiner Partei instrumentalisieren.“ Sonst hätte er sich selbst nie für die Bewegung engagiert.