Halle l Seit vielen Jahren ist der Archäologie-Professor der Universität Halle, Stefan Lehmann, einem besonderen Phänomen auf der Spur: dem sogenannten Spanischen Meister. Ein Gespräch mit dem Wissenschaftler darüber, wer hinter dem Fälscher stecken könnte.

Sie hatten schon vor gut 20 Jahren den Verdacht geäußert, dass eine damals im Winckelmann-Museum ausgestellte Büste von Alexander dem Großen gefälscht war. Nach einem Rechtsstreit haben Sie aber den Kürzeren gezogen. Wollen Sie darüber noch reden?
Stefan Lehmann: Ich habe nicht den Kürzeren gezogen. Es ist inzwischen in der Wissenschaft absolut anerkannt, dass die Büste eine Fälschung war. Und selbst ein damaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums bestätigte das in seiner Rezension. Wissenschaftlich habe ich also obsiegt. Der Kurator wollte das alles widerlegen, doch bis heute liegt nichts vor. Das war nichts anderes als juristisches Piesacken. Wenn ich in die nächste Instanz gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich gewonnen. Man gibt aber auf, weil hier der wissenschaftliche Diskurs ohnehin gemieden wird. Ich werde plötzlich als Wissenschaftler in eine Ecke gedrängt, in die ich nicht hingehöre.

Was macht Sie denn so sicher, dass das in Stendal eine Fälschung war?
Ich habe mich seit Jahrzehnten mit antiken Porträts intensiv beschäftigt. Und als ich den Kopf in Stendal gesehen habe, hielt ich ihn sofort für falsch. Das sahen übrigens auch verschiedene Berliner Kollegen so. Nur die sagten es hinterm Rücken und schrieben es leider nicht. Dabei ist das alles ja auch erst einmal kein Problem. Jeder kann auf eine Fälschung hereinfallen. Besonders interessant dabei ist übrigens, dass sowohl der recht windige Kunsthändler Robin Symes, von dem die Leihgabe stammte, als auch die Büste heute angeblich verschollen sind. Damit ist das Corpus Delicti weg.

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Aber was macht Sie denn nun so sicher?
Bisher wurden meine Argumente nicht widerlegt und da die Büste weg ist, kann sie auch nicht untersucht werden. Ich habe alle kunsthistorischen und archäologischen Gründe in meinen Publikationen dargelegt und bin auch auf die Provenienzfragen (Forschung nach der Herkunft) eingegangen. Die vorgelegte Bronzeanalyse habe ich von Fachleuten begutachten lassen. Alle diese Hinweise und Indizien führten eben zu diesem Fälschungsverdacht, der bis heute nicht wissenschaftlich widerlegt ist.

Was hat denn die Bronzeanalyse ergeben?
Es hat jedenfalls nicht dazu geführt, dass man sagen kann, es ist echt oder falsch. Das ist ja das besondere an dieser Fälscherwerkstatt, dass auch tatsächlich antike Bronze für die Fälschung genommen wird. Diese wurde bei Grabungen gefunden und als Bronzeschrott aus eben jener Zeit angeboten. Man kann das antike Material kaufen und wieder einschmelzen. Neu war für uns nach einer Konferenz in Halle jetzt auch, dass die Patinierung (gemeint ist die grüne Verwitterung auf der Bronze) künstlich erzeugt werden kann. Das Altern eines Gegenstandes kann man aber durch chemisch-physikalische Prozesse noch nicht beschleunigen, so dass man diesen Betrug mit naturwissenschaftlichen Analysen nachweisen kann.

Wie viele solcher antiken Fälschungen sind denn nach ihrer Kenntnis im Umlauf?
Ich bin jetzt ungefähr bei fast 50 verdächtigen Bildnissen. Bei einer Tagung 2014 in Halle waren wir bei 36. Durch die folgenden Veröffentlichungen wurde man auf das Problem aufmerksam. Daraufhin schickten Kollegen aus der ganzen Welt mir ihre Hinweise zu.

Wann haben Sie das erste Mal vom Spanischen Meister gehört?
Erst nach dem Fälschungsskandal in Stendal machte mich ein Kollege auf das Phänomen aufmerksam.

Verorten Sie ihn eher nach Spanien oder wie ein Kollege von Ihnen vermutete, nach Neapel zur italienischen Mafia?
Es gibt Hinweise nach Spanien, aber auch nach England und sonstwohin. Es gibt da keinen Schwerpunkt. Einen Zusammenhang mit der Mafia sehe ich nicht, obwohl Verteilung und Verkauf schon auf mafiöse Strukturen hindeuten.

Da sollen Millionen umgesetzt werden...
Beim Stendaler Alexander wurde die Summe zehn Millionen genannt. Der Preis dürfte jetzt aber abgestürzt sein.

Wer sind denn die Käufer?
Die Klientel ist eher bei den Multimillionären und gut betuchten Kunstsammlern weltweit zu finden.

Wer steckt denn nun hinter dem Spanischen Meister. Ist das ein genialer Fälscher oder eine Werkstatt?
Das ist auf keinen Fall eine Einzelperson. Der hätte so viele Fähigkeiten, dass er schon bekannt wäre. Ich glaube da steckt arbeitsteilig eine Werkstatt mit großer Gießerei-Erfahrung für figürliche Verarbeitung von Bronze dahinter. Sehr wahrscheinlich arbeiten daran auch Naturwissenschaftler mit, die das Knowhow mitbringen. Und dann gibt es natürlich jemanden, der genau weiß, was er für antike Werke macht und auch die Hintergründe der Porträtforschung genau kennt. Das kann ein Archäologe oder Kunsthändler sein. Es gibt natürlich auch Nachahmer.

Der Spanische Meister versteht sein Handwerk...
Das erste bekannte Werk ist schon 1971 in einem Museum gezeigt worden. Es handelt sich um eine Büste von Alexander dem Großen in Basel. Sozusagen der Bruder vom Alexander in Stendal. Der ,Alexander Basel‘ wird heute noch im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt.

Der steht als Fälschung da?
Natürlich als Original. Aber nicht nur ich halte dies für eine Fälschung. In Amerika scheint man sich um solche Sachen nicht sonderlich zu kümmern.

Haben Sie den Amerikanern schon gesagt, dass sie eine Fälschung haben?
Das wissen sie ganz genau. Es gibt dazu ja auch einen Aufsatz. Mittlerweile fängt dazu auch eine Diskussion an.

Dann dürften Sie ja ganz schön unter Kreuzfeuer stehen?
Ja, aber unter keinem wissenschaftlichen. Natürlich werden Ruhestörer wie ich bekämpft. Dabei sind sie es, die stören, nämlich unsere Forschung mit ihren Fälschungen.

Was ist eigentlich das besondere an den Fälschungen, dass sie für Multimillionäre so faszinierend sind?
Es sind ja keine Kopien von antiken Kunstwerken. Die gibt es sicher auch. Sie werden aber schnell erkannt. Das besondere ist, dass auf Grundlage antiker Formen ganz neue Bildnisse entstehen. Das macht auch den Wert der Bronzeporträts aus. Es gibt eben kein zweites Bildnis, das so aussieht. Wenn die Fälschung nicht entdeckt wird, geht es meist ja auch gut aus. Anders bei einem Schweizer Kunsthändler, der meinem Kollegen Harald Müller und mir einen Augustus zur Überprüfung übergeben hat. Der etwa 300.000 Euro teure Kopf hat sich schließlich als Fälschung herausgestellt. Und wenn man so etwas öffentlich in Museen ausstellt, ist das Betrug am Besucher. In Auktionen großer Häuser ragen diese einzigartigen Werke natürlich ganz besonders heraus. Auf dem freien Markt muss man sehr lange nach einem solchen Bronzekopf suchen, der uneingeschränkt echt ist. Also, bei dem kein begründeter Verdacht besteht.

Warum ist das so?
Weil viele Bildnisse im Laufe der Jahrtausende aus verschiedenen Gründen weggekommen sind. Nach einem wissenschaftlichen Referenzwerk, das im Jahr 2000 erschienen ist, gibt es nur etwas mehr als 200 Porträts. Jetzt haben wir aber in den letzten 20 Jahren eine rasante Steigerung von 25 Prozent erlebt. Die ist erklärbar, wie der Fundort Bubon (heutige Türkei) zeigen kann. In den 60er Jahren wurde dort ein Kaiserkulttempel ausgegraben, in dem die Statuen bei einem Erdbeben verschüttet wurden. Schwarzgräber haben diese Statuen ausgegraben und nach Amerika gebracht. Plötzlich gab es eine Welle von echten Bronzestatuen römischer Kaiser. Doch die Bildnisse, über die wir reden, haben alle höchst unterschiedliche Herkunftsgeschichten.

Diese Porträts stammen aus einer Fälscherwerkstatt?
Ich habe drei Kreise gebildet. Da gibt es einen Kern. Das ist ganz sicher eine Fälscherwerkstatt mit einem ganz bestimmten Künstler, der die Vorlagen aus Wachs modelliert. Die Handschrift kann man kunsthistorisch erkennen. Dann gibt es sicher welche, die sich daran hängen und es gibt auch andere Fälscher. Auch das würde ich nicht ausschließen. Die Verteilung ist weltweit, aber immer dort wo es viel Geld gibt.

Sie haben mal gesagt, man könnte wie beim Geld auch Kunstwerke waschen?
Ja, das ist tatsächlich so. Da ist das Metropolitan Museum ein schönes Beispiel. Von Privatsammlern werden zunächst Kunstwerke im Museum ausgestellt. In dem Fall wurde der ,Alexander Basel‘ als Stück aus einer Privatsammlung zuerst 1971 in dem Schweizer Museum in einer Antiken-Sammlung öffentlich ausgestellt. Dann ist er wieder weg und man kann später sagen: Der wurde schließlich auch in Basel im Museum gezeigt. Der Besitzer, ein New Yorker, der auch in England wohnte, nahm ihn dann in seine Heimat mit. Dort wurde er in einer Wanderausstellung mit spektakulären Funden aus Griechenland gezeigt. Die Ausstellung hieß auch „The search of Alexander“ (die Suche nach Alexander). Selbst Andy Warhol war so begeistert, dass er ihn als Vorbild für einen Siebdruck nahm. So entstand aus dem falschen Alexander, ein echter Warhol. Der ist etwa 100.000 Euro wert. Man sieht, im Kunsthandel fängt man damit auch an zu spielen. Jedenfalls haben Sammler am Ende den ,Alexander Basel‘ gekauft und dem Metropolitan gestiftet.

Gibt es denn überhaupt einen echten Alexander?
Aus Bronze kenne ich keinen. Deshalb war ja damals für mich auch die Ausstellung in Stendal so spektakulär. Man hat sich in der Fachwelt ohnehin schon gewundert. Denn man hätte so ein Stück eher in New York, London oder Berlin erwartet. Dass er am Ende in Stendal gezeigt wurde, hatte offensichtlich Gründe. Wahrscheinlich nur um später in Prospekten sagen zu können, seht mal, der wurde auch in Deutschland ausgestellt.

Aber woran machen Sie nun die Fälschung fest?
Das ist keine höhere Mathematik, aber eine Wissenschaft für sich. Es gibt ikonografische Untersuchungen, das Zweite wäre die stilistische Einordnung und die Untersuchung der Herstellungstechnik. Hinzu kommen dann auch die naturwissenschaftlichen Analysen des Metalls und der Patina als Gegenprobe. Bei antiken Werken kann der Naturwissenschaftler nicht allein sagen, ob etwas falsch ist. Es muss erst die These des Archäologen geben, um eine Datierung zu haben. Sie müssen immer erst die Frage haben, sonst kann es keine Antwort geben.