Magdeburg l Es ist das denkbar schlimmste Szenario für jede Spezialeinheit: eine Geiselnahme oder Terrorlage in einem mehrstöckigen, verwinkelten und unübersichtlichen Gebäude. Bisher mussten die Einsatzkräfte Stockwerk für Stockwerk durchkämmen, ohne zu wissen, was sich hinter der nächsten Tür verbirgt. Denn Baupläne sind nicht immer gleich griffbereit oder veraltet. Kriminaldirektor Ralf Heidrich, Abteilungsleiter für Spezialeinheiten beim Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt: „Unser Problem ist, dass wir den Einsatzraum oft nicht genügend kennen. Das ist aber für uns aus Sicherheitsgründen sehr wichtig.“ Die Anforderungen stiegen in den vergangenen Jahren auch wegen der wachsenden Bedrohung durch Terror.

Das eingeschränkte Agieren in Gebäuden soll mit „Evok“ geändert werden. Die Abkürzung steht für „Echtzeit Vor-Ort-Aufklärung und Einsatzmonitoring“. Das Forschungsprojekt des LKA, der Magdeburger Universität und der Metop GmbH könnte künftig Einsatzkräften ermöglichen, eine dreidimensionale Karte in Echtzeit mit den genauen Standorten der Spezialkräfte auf dem Laptop in der Einsatzleitung darzustellen. Ein weiterer Vorteil: Die SEK-Kräfte können für nachfolgende Kollegen, wie Bombenentschärfer, Gegenstände virtuell markieren, so dass sie schnell gefunden werden können.

Prof. Frank Ortmeier von der Otto-von-Guericke-Universität: „Das System baut sich als virtuelles Gitterfeld auf, das den Raum live in 3 D darstellt.“ So ähnlich wie bei einem Saugroboter zu Hause. Nur dass es viel komplizierter ist und der nur in 2 D funktioniert. „Evok“ zeigt hingegen auch Fenster, Türen und Mauervorsprünge.

Projekt läuft bis 2022

Zunächst hatten die Forscher überlegt, die betreffenden sicherheitsrelevanten Gebäude im Vorfeld mit einem 3-D-Scanner zu erfassen und den Einsatzkräften in einer Datei von Anfang an zur Verfügung zu stellen. „Doch der Aufwand für die mehr als 1200 betreffenden Gebäude in Sachsen-Anhalt, von Schulen über Gerichtsgebäude bis zu Banken, wäre zu groß gewesen“, erklärt Heidrich. Dafür wäre neben einem teuren Scanner auch entsprechendes Personal zur Erfassung der Räumlichkeiten nötig gewesen. Das Scannen der Gebäude soll deshalb unmittelbar im Einsatzfall erfolgen. So können sich die Spezialeinheiten auch in unbekannten Gebäuden computerüberwacht bewegen.

Prof. Thomas Leich von der Metop zu den Herausforderungen: „Eine der Fragen, die wir noch klären müssen, ist zum Beispiel die der Genauigkeit. Je höher die Auflösung, je mehr Daten müssen transportiert werden.“ Außerdem bereitet auch die Zusammenführung der Informationen mehrerer Teams, die sich von verschiedenen Seiten nähern, noch Probleme.

Dennoch hoffen die Forscher, dass das System in der zweiten Jahreshälfte bei Übungen erstmals getestet werden kann. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit rund 820.000 Euro geförderte Projekt läuft bis Februar 2022. Heidrich: „Die Anforderungen echter Einsätze fließen während der Laufzeit in die Entwicklung ein.“