Pfaffendorf l Fotos von Birgit Meurer zu machen, dauert ziemlich lange. „Ich mag das nicht“, windet sich die Inhaberin von „Hof Pfaffendorf“. Kaum ist die Kamera nicht mehr auf sie gerichtet, lächelt sie, wuselt herum, erzählt von Äckern, Feldern, Kühen und von ihrer Familie. Sie erinnert sich an ein Shooting mit einer Werbeagentur – sie mit einem Kälbchen. Lächeln fürs Image.

„Das Kälbchen war immer gut getroffen, an mir sind die Fotografen verzweifelt“, erzählt Birgit Meurer und blinzelt neben dem Stall in die Sonne. 1200 Rinder gibt es auf dem Hof, etwa 700 davon sind Kühe, jede liefert etwa 9800 Liter Milch im Jahr. Ein Teil davon fließt seit drei Jahren in die eigene Molkerei, die sie mit ihrem Sohn aufgebaut hat.

Idee enstand bei Milchstreik

Die Idee dafür wächst im Jahr 2009 bei einem Milchstreik. „Die Preisentwicklung sah nicht gut aus, und wir wollten auch in Zukunft unsere Milchviehanlage betreiben“, erinnert sie sich. Inzwischen kommen aus der kleinen Molkerei neben der Frischmilch auch Joghurt, Quark und Käse. Händler in der Region haben die Produkte gelistet.

Birgit Meurer sagt: „Der Bedarf an regionalen, frischen Produkten wächst.“ Der Aufbau der Molkerei reiht sich ein in die bewegte Geschichte des landwirtschaftlichen Verbundes, die eng verknüpft ist mit ihrer eigenen.

Landluft schnuppert Birgit Meurer schon als Kind bei der Großmutter und träumt davon, später selbst „viel draußen zu sein“, ganz nah an Tieren und Pflanzen. Aber die Gesundheit macht damals nicht mit, sie schwenkt um, erfüllt sich den „Zweitwunsch“, wird Fremdsprachenkorrespondentin. Ihr Mann kommt aus einer niedersächsischen Architekten-Familie und träumt davon Landwirt zu werden.

Praktikum in der USA

Nach seiner Agrar-Ausbildung reisen Birgit und Stefan Meurer in den 80er Jahren von Vechta in die USA, um dort ein dreimonatiges Praktikum in der Landwirtschaft in Betrieben des Vaters und eines Onkels zu machen. Aus den geplanten drei Monaten werden fast sechs Jahre, weil das Paar bleibt, um dort zu arbeiten. Birgit Meurer bekommt Heimweh und möchte wieder zurück. Mit der Deutschen Einheit wächst zudem bei den Meurers der Wunsch nach einer neuen Herausforderung. Da haben sie bereits drei Kinder, das vierte kommt wenig später.

Der Vater von Birgit Meurer kennt jemanden in Köthen und hört von ehemaligen „Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (LPG), die verkauft werden sollen. Er erzählt es Stefan und Birgit Meurer, und so landet die Familie mit ihrem Wunsch in Pfaffendorf. Die Meurers kaufen zwei LPG und eine dazugehörige Schweineproduktion, gründen 1991 den Stammbetrieb „Hof Pfaffendorf & Partner“.

Anfangs werden die „Wessis“ skeptisch beäugt. „Aber als die Leute merkten, dass wir es ernst meinen, lösten sich die Vorurteile schnell auf“, erinnert sich Birgit Meurer. Sie setzen auf nachhaltige Landwirtschaft, beschäftigen sich mit ökologischer Produktion, investieren, legen Grundsteine für die Milchviehanlage. „Es war eine unglaublich intensive Zeit“, erinnert sich die Hof-Chefin. Dann schlägt das Schicksal zu.

Schicksalsschlag weckt Kampfgeist

Im Jahr 2000 verunglückt ihr Mann bei einem Reitunfall. Birgit Meurer steht allein da. Mit vier Kindern. Einem großen Hof und 50 Mitarbeitern. Als sie sich fragt, wie es weitergehen soll, kommen diese Mitarbeiter und bitten sie, weiterzumachen. „Aufgeben war plötzlich keine Option“, erinnert sich die 55-Jährige.

Also setzt sich die damalige Mitdreißigerin auf den Chefsessel, vertraut den leitenden Mitarbeitern, packt tagsüber mit an, studiert abends die Bücher. Acht, zehn, zwölf und 14 Jahre sind die Kinder damals. „Sie mussten schon sehr selbstständig sein“, meint Meurer. „Und meine Familie hat mich unterstützt. So hat irgendwie alles funktioniert.“

Der älteste Sohn leitet heute einen Ackerbaubetrieb im „Pfaffendorf-Verbund“ und die Molkerei. Birgit Meurer sagt: „Ohne die Menschen vor Ort hätte ich das damals nicht geschafft.“ Alle Mitarbeiter kommen aus der Region, einige haben schon zu LPG-Zeiten hier gearbeitet. Die Chefin setzt auf ihre Erfahrungen. „Die ersten zwei Jahre habe ich gefühlt nur zugehört, um zu lernen“, erinnert sie sich.

Reibung gehört dazu

Sie fährt über die Felder, spricht mit Partnern, setzt um, was sie mit ihrem Mann geplant hat. Glatt gegangen sei „natürlich nicht immer alles“, sagt Meurer. „Aber Reibung und Diskussionen gehören dazu, wenn man weiterkommen möchte. Und letztlich hat man mir immer das Gefühl gegeben, dass ich das Richtige tue.“

Sohn Frederick beschreibt seine Mutter als „herzlich, aber bestimmt“. Wenn man sie auf Hobbys anspricht, winkt Birgit Meurer ab und sagt: „Dafür war nie Zeit, und heute habe ich sieben Enkel.“

Während sie sich auf ihren Bürosessel setzt, vor dem Bild mit der großen Kuh, sagt sie, was sie als Maxime immer begleitet: „Geht nicht gibt’s nicht.“ Sie erzählt von der katastrophalen Trockenheit im vergangenen Jahr und Totalverlusten auf den Feldern, von der neuen Biogasanlage und dass ab nächstes Jahr „Biomilch“ die Molkerei verlassen soll. Dafür beackert sie mit ihrem „Großen“ gerade das Vorhaben „Umbau“ – aus dem offenen Stall sollen die Kühe auf die Weide kommen.

Beim Fotografieren wird es dann wieder ruhig im Raum. „Jetzt reicht es doch, oder?“, fragt die Chefin. Sie müsse ja auch noch weiter, Telefonate warten, Termine drängen. Birgit Meurer sagt zum Abschluss: „Hier wird es nie langweilig, das ist ja gerade das Schöne.“ Der Tag läuft an. Und dieser gehört ein bisschen mehr ihr – und allen Frauen.