Magdeburg l „Namen und Gesichter sind nicht mein Ding“, räumt Johannes Mallow ohne Umschweife ein. „Die vergesse ich schon mal.“ Und auch nach dem Wohnungsschlüssel müsse er genauso oft suchen wie andere Menschen. Doch ebenso sicher ist sich der 37-Jährige, dass man sein Gehirn trainieren kann.

Diese Erkenntnis verdankt er jedoch eher einem Zufall. „Es war die ,Grips Show‘ im Fernsehen. Da wurde gezeigt, wie man sich mit einem simplen Trick viele Zahlen merken kann. Es wurde auch eine Internet-Adresse angegeben vom ,Memory X‘-Verein und betont, dass jeder in der Lage ist, sein Gehirn zu trainieren.

Es hat funktioniert“, freut sich „Mr. Brain“. Und der Mann, der 2012 Gedächtnis-Weltmeister wurde, beginnt über sein Lieblingsthema zu reden – die „Loci-Methode“ – Grundstein für bessere Merkfähigkeit: „Loci kommt von lokal, also Ort, und war schon vor 2000 Jahren bei den alten Griechen bekannt. Der Trick dabei ist, Sachen, die man sich merken will, an bestimmte Dinge zu koppeln.“

Er nennt ein Grundbeispiel: „Sie machen einen virtuellen Rundgang durch Ihre Wohnung. Zuerst die Wohnungstür, gleich dahinter steht die Garderobe, im Wohnzimmer die Couch, daneben eine Topf- Palme.“

Eier, Brot, Milch und Bananen

Nun gehe es darum, sich Dinge zu merken, die man einkaufen will – ohne Zettel: Eier, Brot, Milch, Bananen. „Jetzt die mentale Verknüpfung. Ich werfe Eier an die Tür, spieße das Brot am Garderobenhaken auf, die Couch ist voller Milch und an der Palme hängen Bananen. Das System kann man problemlos erweitern.“ So könne man anhand eingeprägter Schlüsselwörter auch zwei Stunden frei reden. Mallow hat als promovierter Medizin-Informatiker am Magdeburger Uniklinikum gearbeitet. Doch inzwischen hat er den Uni-Job an den Nagel gehängt und sein Hobby zum Beruf gemacht: Er verdient heute sein Geld als selbständiger Gedächtnistrainer. „Ich fahre zu meinen Kunden, halte Vorträge und Seminare oder ich coache Menschen online, zum Beispiel per Skype.“ In den letzten Jahren sei er, was die Teilnahme an Wettkämpfen betreffe, „etwas kürzer getreten“. Aber in diesem Jahr will er bei der WM in Wien seine grauen Zellen noch einmal anstrengen, nachdem er im vergangenen Jahr „nur“ den 8. Platz belegt hat, was ihn heute noch ein wenig wurmt.

Gedächtnisausscheide sind ein Zehnkampf. „Zum einen geht es um Namen und Gesichter“, sagt Mallow. „Man bekommt Zettel mit Vor- und Nachnamen, die Gesichtern zugeordnet sind.“ Innerhalb von 15 Minuten müsse man sich diese Bilder merken. Danach bekommen die Teilnehmer die durchmischten Fotos zurück und müssen die Namen zuordnen. „Das sind aber nicht nur landläufige Namen wie Müller, Meier, Schulze, sondern auch internationale, was die Sache nicht einfacher macht.“

In der Disziplin „Merken von Binärzahlen“ erhalten die Gedächtnissportler zum Einprägen nur einen Zettel mit einer willkürlichen Abfolge von Nullen und Einsen. Deren Reihenfolge müssen sie sich einprägen. Beim Merken von Binärziffern in fünf Minuten liegt der Weltrekord bei 930, in einer halben Stunde bei 4140. Ein weiterer Wettkampf heißt Speed Cards und ist die Königsdisziplin des Gedächtnissports. Es geht darum, sich die Reihenfolge eines gemischten Kartenstapels mit 52 Blatt auf Zeit einzuprägen. Der Weltrekord lag über einige Jahre bei 31,16 Sekunden. Inzwischen liegt der Weltrekord bei 21,90 Sekunden.

Für Mallow stellen die Karten-Disziplinen – darunter auch der sogenannte Karten-Marathon – aufgrund seiner Behinderung eine besondere Herausforderung da. „Ich leide unter einer speziellen Art von Muskelschwund. Meine Bewegungen sind eingschränkt und ich kann Karten nur schwer greifen“, verrät der Mann im Rollstuhl. Seine Liblingsdisziplin ist „Historische Daten“. Hierbei werden zu Jahreszahlen zwischen 1000 und 2099 frei erfundene Daten, zum Beispiel Krönung Kaiser Konstantin, Sinken der Queen Margot vor Grönland, vorgegeben. Danach werden die Daten in neuer Reihenfolge vorgelegt und die Wettkämpfer müssen die Jahreszahlen dazu schreiben. Weltrekord: 120 Daten in fünf Minuten durch Johannes Mallow.

Mallow hat bereits dreimal die norddeutsche Meisterschaft in Magdeburg ausgerichtet. Dass er diesmal bei der Organisation der deutschen Meisterschaft mit im Boot sitzt, habe einen einfachen Grund. „2017 ist die DM ausgefallen, weil kein Sponsor aufzutreiben war. Dasselbe drohte in diesem Jahr. Dabei ging es nur um 10.000 Euro.“

Er habe in Magdeburg und Umgebung seine Kontakte spielen lassen und eine Anzahl von Klein-Geldgebern aktivieren können, „darunter die Fahrzeugschmiede Haselhuhn und die Ergotherapie Mittelpunkt“.

Auf die Frage, wie man sich im Alter möglichst lange geistig fit hält, muss der Magdeburger nicht lange nach einer Antwort suchen: „Aktiv bleiben. Ein Instrument spielen oder mit den Enkeln Memory, Kreuzworträtsel lösen oder das Gedächtnis trainieren, indem man sich anhand von Bildern Wörter merkt.“ So habe man länger etwas vom eigenen Gehirn und Leben.