Harzer Nationalparkverwaltung und das Museum Brockenhaus wollen mit einem Märchenpfad Kinder fürs Wandern begeistern

Geheimnisvolles Reh lockt auf den Brocken

Von Tom Koch

Rechtzeitig vor den großen Sommerferien lockt die Wernigeröder Nationalparkverwaltung mit einem Angebot speziell für Kinder: Ein Märchenpfad führt über sechs Kilometer von Schierke hinauf zum Brocken. An sieben Stationen wird die spannende Geschichte von Albert erzählt, dabei immer auf der Suche nach einem weißen Reh.

Schierke. Der weiße Löwe "Kimba" verzückte 1977 in der im ZDF ausgestrahlten Trickfilmserie nicht nur Kinderherzen. Zwei Jahre zuvor hatte Steven Spielbergs Kinostreifen "Der weiße Hai" Gänsehaut-Attacken erzeugt. Jetzt soll im Harz ein weiteres weißes Tier für Furore sorgen – ein Reh.

Dessen Mission ist einfach und bedeutet in einem Mittelgebirge nichts Ungewöhnliches: Das Fabelwesen soll zum Wandern animieren. Nicht die Überfünfzigjährigen, die im Wald allein schon deshalb auffallen, weil ihre Ausrüstung oftmals nicht gut und teuer genug sein kann, als bewegten sie sich im Himalaja, und ohnehin als treue Harz-Gäste zählen. Nein, der Wettstreit um die Jungen hat jetzt auch die Verantwortlichem in der Wernigeröder Nationalparkverwaltung erfasst.

"Kinder sollen Spaß am Wandern haben. Und das nicht nur tun, weil es ihre Eltern so wollen", umreißt Christoph Lampert im Volksstimme-Gespräch die Projektidee. Der Chef des Brockenhauses kann in seinem Museum auf dem Harzgipfel jährlich rund 55 000 bis 60 000 Besucher begrüßen. Dabei weist die Sta-tistik aus, dass Kinder bis zu einem Fünftel der Gästezahlen ausmachen.

In den vergangenen zwei Wochen konnten Lampert und seine fünf Kollegen eine größere Schar junger Besucher willkommen heißen. Sie waren mit ihren Eltern über den Märchenpfad hinauf auf Norddeutschlands höchsten Berg gewandert. Dieser sechs Kilometer lange Weg verbindet den Brockenort Schierke mit dem Harzgipfel. Unterwegs wird ein Märchen erzählt, das Lust aufs Weiterwandern bereiten soll. Vom Jungen Albert ist dabei die Rede und seiner Suche nach der klugen Bergfrau – dabei hilft ihm ein weißes Reh.

<6>"Das Märchen passt zu uns in den Harz", sagt Lampert. Darin ist mit Rabe, Eichhörnchen und Reh von Tieren die Rede, die im Gebirge heimisch sind. Alberts Vater arbeitet als Förster, im Wald werden Früchte gesammelt, und auf dem Brocken gibt es eine wundersame Blume …

Entlang von sechs Stationen führt der Märchenpfad vom Nationalparkhaus in Schierke zum Brockenhaus. Dafür musste im Nationalpark kein neuer Weg geschaffen werden. Ein ohnehin beliebter Aufstieg ist lediglich mit "3-D-Guckies" ausgerüstet worden, erläutert der Brockenhauschef.

Hinter diesem bislang eher unbekannten Begriff verbergen sich Schaubilder, die dreidimensional jeweils eine Märchenszene erzählen. Blicken die Kinder durch das Glas, können sie im Hintergrund Harzer Landschaften erkennen. "Für die Mädchen und Jungen ergibt sich auf diese Weise die Illusion, als ob sich die Figuren und Tiere tatsächlich mitten im Wald befinden", lobt Christoph Lampert. Und weil sich das neue Angebot an die ganze Familie richtet, kann an jeder Station ein Märchenkapitel von den größeren Geschwistern, Eltern oder Großeltern vorgelesen werden.

In der Sprache von Werbeexperten schwärmt der Brockenhaus-Chef: "Unser Märchenpfad bringt den jüngsten Besuchern die mystische Natur rings um den Brocken näher. Er fügt sich nahtlos in das Motto ¿Sagenumwobene Bergwildnis‘ des Nationalparks Harz ein." Selbst der vier- bis sechsjährige Wanderer-Nachwuchs soll die Tour in maximal drei Stunden bewältigen können und dabei bis zum 1141 Meter hohen Berg einen Höhenunterschied von 500 Metern überwinden.

Apropos mystisch: Selbst ohne die Märchenstationen führt der Wanderweg an Orten mit neugierig machenden Namen vorbei: Schwarzes Schluftwasser, Altes Wasserwerk, Eckerloch, Knochenbrecherkurve, und wer nur etwas Glück bei seiner Tour hat, der hört und sieht auch ein altes Dampfross durch den Wald rattern und schnaufen …

Der Märchenpfad ist ein Ergebnis einer inzwischen bereits zweijährigen Kooperation des Brockenhauses mit der Hochschule Magdeburg-Stendal. In ihren Projekten sollten die Studenten sowohl die Darstellung dieses Nationalpark-Museums nach außen als auch die Präsentation selbst kritisch unter die Lupe nehmen, umreißt Hausherr Christoph Lampert die Aufgabe.

Ein in den Harz passendes Märchen zu nutzen, um Kindern die Bewegung in der Natur "schmackhaft" zu machen, war ein studentischer Vorschlag. Mit Hilfe der Hochschule habe man eine Magdeburger Agentur gefunden, die die Idee der Studenten und die Ansprüche des Museums inmitten des Nationalparks miteinander zu verbinden und gestalterisch umzusetzen wusste. Zu den konkreten Kosten mag sich Christoph Lampert nicht äußern, sagt lediglich, dabei handele es sich um eine fünfstellige fördergeldfreie Summe …

Dass am Ende des Märchenpfades der Besuch im Brockenhaus steht, verstehe sich von selbst, meint Lampert. Zur Belohnung für ihre Anstrengungen erwartet die Kinder ein Sonderstempel, und die Eltern dürfen sich daran erfreuen, dass sie für ihre Sprösslinge dann keinen Eintritt zu bezahlen brauchen, können sie den Märchenpfad-Flyer vorweisen.

In den ersten 14 Tagen waren diese Werbezettel bereits mehrfach vergriffen, freut sich Christoph Lampert über dieses Interesse. In Schierker Hotels, der Tourist-Information dieses Wernigeröder Ortsteils oder im Nationalparkhaus der Brockengemeinde habe er sofort für neuen Nachschub gesorgt.

Für "Besucher-Nachschub" in ihrem Museum wollen die Verantwortlichen mit einer aktuellen Plakatkampagne sorgen, die zunächst auf Bahnhöfen der Harzer Schmal- spurbahnen zu sehen ist. "Der Wald hat Ohren" lautet das Thema – ein deutlicher Hinweis auf die frühere Nutzung des Brockenhauses als Abhörzentrale des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit. Mit Fotos von charismatischen Lauschern von Harzer Tieren wie dem Luchs und dem Reh soll der Bezug zum Nationalpark geschaffen werden.

Übrigens: Im Brockenhaus findet das Märchen für Albert und das weiße Reh ein glückliches Ende – wie könnte es anders sein. Steven Spielberg und Kollegen aus Hollywood hätten diese Geschichte wohl kaum anders erzählt.