Magdeburg l „I feel glorious“, schreien mir Macklemore und Skylar Grey durch mein Smartphone entgegen. Eine Lüge. Die Blase an meinem Fuß hat sich über Nacht eigenmächtig noch mehr Lebensraum erkämpft, meine Oberschenkel brennen. Es tut weh. Nach einer kurzen, intensiven Phase des Selbstmitleids geht‘s dann aber auch schon weiter. Immerhin will ich Antworten auf meine Frage, ob 30 Jahre nach dem Mauerfall auch in den Köpfen der Menschen schon zusammengewachsen ist, was zusammengehört.

Als ich das Swinmark Grenzlandmuseum in Göhr (Niedersachsen) betrete, sitzt Dietrich-Wilhelm Ritzmann gerade an seinem kleinen Empfangstisch und sortiert Unterlagen. Er begutachtet mich kurz, schaut dabei über seine Rundbrille hinweg. „Ach, herrje“, sagt er. „Sie sehen ja schon ganz schön geschafft aus.“ Guter Start, denke ich mir. Aber der 70-Jährige benötigt nur wenige Minuten, um mich in seinen Wissensbann zu ziehen. 1998 hat Ritzmann hier in dem alten Trecker- und Maschinenraum seinen Lebenstraum vom Grenzmuseum verwirklicht. Der große Raum mit der niedrigen Decke wirkt wie ein Auffangbecken, das vor lauter DDR- und BRD-Relikten kurz vor dem Überschwappen ist. Alte Minen, Grenzsäulen, originale Blechschilder, Puppen, die als Bundesgrenzschutzbeamte verkleidet sind. Nach der Wende fuhr Ritzmann in der ehemaligen Grenzzone herum und sammelte alles ein, was er kriegen konnte. Einige Erinnerungsstücke wurden ihm geschenkt. Vom Verteidigungsministerium erhielt er unter anderem einen Trabant.

Faszination Grenze

Zu jeder Station hat der Rentner Anekdoten und Hintergrundwissen parat. „Das ist der Zaun, daran knüpft die Selbstschussanlage an. Sie sehen drei Drähte, der oberste und unterste Draht ist der Vogelabweisedraht, in der Mitte ist der Auslösedraht“, rattert Ritzmann das Grenz-Lexikon herunter. „Wenn der ausgelöst wurde, wurde im Umkreis von 25 Metern alles kurz und klein geschossen.“ Kleine Vögel auf den Drähten, ein Stofftier-Hase, der durch ein Loch im Zaun springt – Ritzmann achtet auf Details. Er ist ein Typ der Marke ganz oder gar nicht, einer, der sich nicht nachsagen lassen will, hier sei geschlampt worden. Zeigefinger nach oben. Doch warum?

Bilder

„Ich liebe Grenzen, die haben mich schon immer fasziniert“, sagt er. Perfekt. Das Schicksal ist auf meiner Seite. Sofort regt sich Hoffnung in mir, nun, hier in Schnega, bei einem Mann, der Grenzen liebt, Antworten zu finden. Doch die Euphorie ist ebenso schnell wieder weg. „Klar, wir sagen immer noch, wir fahren mal rüber“, sagt Ritzmann und zeigt in Richtung Altmark. „Das ist halt so und wird auch immer so bleiben.“ Ritzmann zuckt kurz mit den Schultern, schaut mich an, ohne etwas zu sagen, Hände in den Hosentaschen. Seine Körpersprache drückt Gleichgültigkeit aus. So als ob er meine Frage gar nicht nachvollziehen könne. Da drüben ist Osten, wir stehen hier im Westen. Das war so und ist halt jetzt noch so. Ende. Damit ist alles gesagt. Und zu Grenzzeiten? „Wir hatten doch alles“, sagt Ritzmann und lacht. „Wir konnten halt nicht rüber, so war das nun mal.“

Noch einen kurzen Rundgang durch sein großes Foto-Archiv, dann geht‘s weiter. Ritzmann erklärt sich bereit, mich bis zur Grenze zwischen Müssingen und Wiewohl zu fahren. Auf der Fahrt versorgt er mich mit weiteren Anekdoten, erklärt mir die landschaftlichen Überbleibsel der einstigen Salzstraße zwischen Lübeck und Magdeburg. Ich schätze seine Gesellschaft. Er ist ehrlich interessiert daran, zu erfahren, was ich bisher erlebt habe. Und auch, wenn er meine entscheidende Frage auf den ersten Blick unzufriedenstellend beantwortet hat, bringt er mich auf eine Idee.

Mit den Menschen reden

Könnte es vielleicht sein, dass meine Frage schlichtweg überflüssig ist? Nahezu alle Menschen, die ich bisher getroffen habe, sprechen noch immer von Osten und Westen. Von den Unterschieden. Von da drüben. Von wenig Kontakt. Was ist, wenn beide Seiten einfach nicht zusammengehören wollen und damit alle glücklich sind? Wenn die Geschichte zwar im Jahr 2019 für ein 30-jähriges Jubiläum gesorgt hat, den Menschen am Todesstreifen das aber gänzlich egal ist?

Dieser Gedanke motiviert mich und bewegt mich dazu, kurzerhand meine Route für heute zu ändern. Ich entscheide mich dafür, knapp fünf Kilometer entfernt vom ehemaligen Todesstreifen weiter zu wandern. Weil hier mehrere kleine Orte nacheinander kommen, weil ich mit Menschen reden, mehr und besser verstehen will.

Und so führt mich mein Weg nach Lagerdorf. In dem kleinen Dorf treffe ich auf Dorothea Müller. Die chauffiert gerade ihre Enkeltochter Elsa durch den Ort. „Ich bin eine West-Oma“, sagt die 62-Jährige mit Stolz und deutet in Richtung Elsa. „Diese kleine Maus hier ist sozusagen ein Produkt aus Osten und Westen.“ Müller lebt in Schnega, ihre Tochter hat sich in einen Mann in der Altmark verliebt. „Ost und West gibt‘s da nicht, das ist eine andere Generation. Diese Gedanken haben meistens nur die Älteren, meine Tochter war schon damals sehr offen auch gegenüber den Menschen, die hier in der Altmark gelebt haben.“ Klar, auch sie kenne Menschen, die am liebsten die Mauer wieder errichten würden. „So ein Quatsch“, sagt sie und winkt ab.

Heimat ist der Osten

Ost-West-Denken ist also ein Generationending? Umrahmt von Maisfeldern auf der linken und dürren Ackerböden auf der rechten Seite, wandere ich mit meinen Gedanken im Gepäck weiter. Ich bin 1990 geboren. Abgesehen von einem zweijährigen Reise-Abenteuer habe ich meine gesamte bisherige Lebenszeit dort verbracht, wo ich geboren wurde. In oder bei Magdeburg. Das ist für mich die Elbestadt, die Landeshauptstadt, Zuhause. Deutschland. Als „Ossi“ bezeichne ich mich nicht. Der Osten, das ist für mich bisher maximal der einfachste Weg gewesen, Menschen in anderen Ländern zu beschreiben, aus welcher Region ich komme. Müllers Aussagen ergeben Sinn.

Ich komme im kleinen Örtchen Rustenbeck an. Heruntergezogene Rollos, eine kleine Wellblechhütte mit Holzbank, eine Straße. Keine Autos. Eine bunte Plastik-Windmühle zieht ihre Kreise in der Luft. Ich drücke die Klingel an einem kleinen, unscheinbaren Haus. Cordula Becker öffnet die Tür, guckt mich skeptisch an. Ich lächle sie an. Die Tür geht ein paar Zentimeter weiter auf. Meine Chance. „Osten und Westen, na klar gibt‘s das noch. Hat sich doch nichts geändert oder verbessert“, sagt sie. Und was soll sich verbessern? Becker überlegt, „so auf die Schnelle weiß ich das jetzt auch nicht“. Sie wohnte vorher in der Börde, wirklich angekommen scheint sie hier in der Altmark nicht zu sein. „Kauzig“ seien die Menschen hier, kurz schaut sie nach links, dann nach rechts und flüstert: „Viel Stasi lebt hier.“

Ich schaue verdutzt, frage nach. Darauf will sie aber nicht weiter eingehen. Okay, kein Problem. Dann zum nächsten Haus. Hier öffnet Renate Mallon ihre Tür für mich. Auch sie begutachtet die junge Journalistin mit dem verschwitzten Gesicht und den dreckigen Schuhen skeptisch. Ist denn schon zusammengewachsen, was zusammengehört? „Das wird wohl nichts werden“, antwortet die 79-Jährige. „Bei uns ist alles weg. Wir haben nur noch einen Rufbus, zum Arzt muss ich rüber fahren.“ Doch hat das nicht eher mit der strukturschwachen Altmarkregion und weniger mit den Menschen da drüben zu tun? „Ich sehe das so. Die da drüben haben uns zu sehr abgehangen.“ Ende der Debatte.

Ein starker Rückgang

Rund 50 Einwohner hat Rustenbeck noch. Kaum ein anderer Landstrich in Deutschland leidet so unter Überalterung wie die Altmark. Bis 2030 prognostiziert das statistische Landesamt allein für den Altmarkkreis Salzwedel einen Bevölkerungsrückgang von – 14 Prozent. Die Zahl der DDR-Bürger ging bereits von 1949 bis 1989 von 19,1 Millionen auf 16,4 Millionen zurück. Dazu kamen noch einmal rund 750.000 Menschen, die zwischen 1989 und 1990 in die alten Bundesländer zogen.

Seit der Wende – so sehen, vor allem aber fühlen es die Menschen – geht es hier bergab. Und da drüben? „Da gibt‘s so viele Geschäfte, so viele Einkaufsmöglichkeiten, zum Beispiel in Wittingen“, sagt Lilly Schulze aus Diesdorf, meiner nächsten Station. Auch die 14-Jährige würde sich als „Ossi“ bezeichnen, sie wirkt sogar ein wenig stolz dabei. „Hier kennt jeder jeden. Wenn ich meine Freunde sehen will, schnapp ich mir mein Fahrrad oder fahre mit Moped. Das ist Osten, das ist Kult“, sagt die aufgeschlossene Schülerin. „Und im Westen fahren alle mit Auto, mit Bus.“

Mmh. Erst Georgis Kinder, die sich für die Herkunft ihres Vaters schämen, jetzt die Schülerin, die das Moped noch immer als Kultsymbol des Ostens ansieht. Vielleicht habe ich mich zu früh gefreut, vielleicht ist dieses Generationending doch noch nicht die Antwort auf meine Frage. Ich bleibe dran. Außerdem will ich wissen, was eigentlich ein Bürgermeister dazu sagt, wenn sich Einwohner seiner Gemeinde abgehangen und betrogen fühlen von den Menschen „da drüben“. Mehr dazu morgen.

Alle Eindrücke während der Grenzwanderung teilt unsere Autorin auch im Blog.